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Kritik

Popp und Spiele

Ein nachmittaglanges Stöbern in Steffen Popps neuem Gedichtband
Hamburg

Ich lag im Gras, den neuen Popp in Händen, und neben dem Genießen fragte ich mich wieder: Was macht der überhaupt, außer dass ich eher vage seinen Vortrag liebe und mich gern mitschlingeln lasse über seine flirrenden Pisten?

Popp macht Über, klar. Er übert gewissermaßen; navigiert über. Nähert sich hyperbolisch der Poesie.

Sich die Dinge zurecht nehmen und es häufig eine Nummer größer machen, als man es üblicherweise von Wahrnehmung erwartet. Weltall, Kontinente, Meere firmieren als Bezugspunkte für noch kleinste Ausmaße. Dass selbst eine Müdigkeit »wie Alpen« sein kann, hat uns Popp schon früh auf unsere Wege mitgegeben. Das war schon immer da.

Hinzu kommt diese(s) schwer fassliche … ist es »Ironie«? Wogegen, wohin arbeitet sie?

Ich empfinde sie als eher rein statuierend. Aus dem Sideshowlabor gekeckt.

Und das mischt sich mit Salbungssentenzen (als Sprechweise), rhetorischem Bliss – dann wiederum: Häcksler an, Leuchtturmblick und Sprecherdiffundierung.

Es scheint mir, dass dessen Existenz neuerdings stärker inkriminiert ist. Die Drastikblitze nehmen an Häufigkeit zu (»Sphäre, die dich mit Schwertlilien fickt)«.

Das Meer, bei Popp immer schon Herholraum, ist wie all die partitionierte Natur in diesen Texten nur noch Zwischenhalt, bevor die Comicstimme wieder spricht, der Hazardherold.

Dem man entnehmen kann: es ist vertrackt – doch nicht: wie intensiv das Einzelne mit anderem Einzelnen vertrackt ist. Ein Glück.

Diese Poetik ist deltaischer Text. Upper intelligence art brut. Sätze, die nicht finaler Kupferstich im Sinn traditioneller Mimesis.

Das Gedicht mehr so als Bausch der Euphorie an Seltsamkeiten. Aber nicht nur so: Subgrund ist die Suche nach (einer) Anima, einem indefiniten Leuchten.

Tatsächlich emaniert Popp dieses Leuchten gelegentlich expressis verbis. »Wir […] leuchteten tropisch auf langen Heimwegen«. Oder: »Nicht kapierte // Funktionen, die man versenkte, treffen leuchtend / trüb, uneinholbar den Blick.« Und schon im Debüt finden sich in einem seiner elegischen Settings »Jäger, man sieht ihre gelben / Turnschuhe leuchten.«

Wer hier die Blickfäden zieht, ist ein Ich, okay. Manchmal (doch jetzt weniger) ein Wir (»eine Art / Euter-Euter«). Sein Du zumeist ein Irgendwer, ein X-Typ aus der Statistik.

Das Ich nun, wie erwähnt, hat Spieltrieb. Aber es will mehr als nur Blabla-Aktivitäten, mehr als nur Drolligkeitsdesaster (»Rütteln am Überraschungsei bei Aldi Nord und Süd«). Eben: Leuchten, Kosmos, Sterne. Getragen von einem gesangs-träumerischen Sprechen. Sprache wie ein großer Überwurf aus Spiel-Esoterik: »Das All beäugt deine Knochen« -- das muss man nicht tiefenmitverstehen, hier kann man einfach Logo-Voltaik genießen. Wir als Ratioexistenzen sind ja nun auch nicht die Superlösung, da kann man doch mal das All machen lassen und staunen, was sich ergibt. Und es ergibt sich, dass wir staunen.

»Zimt. Wenn sich die Herde, fern / auf das Verlorene starrend, Strömungsregeln für Wild folgend / krümmt, darüber schließt, sind die kommunizierenden Hörner // deines Jagdschädels Zimt. Nicht aus dem einfach, nicht / aus dem zweifach gerollten, den man höher schätzt: aus einem / dritten Zimt, der sich von drei Seiten einrollt wie die Stirn.«

Was »bewusst« ist und was vielleicht »unbewusst«, schnalzt hier voltoid durcheinander. Alle sind generisch irritiert. (Auch der poetikeigene »Heros mit Scheren« wird des Knäuels nicht Herr.) Das fängt beim Ich an, dem langen Arm des Autors – mit Kenntnis beladen zu sein, verhilft noch lange nicht zu Wissen. Aber es hilft schon auch ein wenig, das Ungeklärte auf einen nimbischen Nenner zu bringen: »Kernphysik – / gefühlt fernes Gleiten im Selben«.

Wenn ich Popp lesen höre, empfinde ich es so, dass er die einzelnen Takes so moduliert, dass man mitmerken kann, wie absurd der Fokus doch ist. »Das angewinkelte Knie auf dem Hochsitz schläft« funktioniert natürlich auch solo, aber mit der Richtungsvorgabe durch die Stimme weiß man leichter, dass hier keiner eleganz-unfähig durch die Literatur stakst. Man weiß dann schnell: Das geht hier clever vorbei an dem, was man Eigentlichkeit heißt.

Weil wir auch gar nicht wissen, was Eigentlichkeit ist, oder wie die Leeren unterhalb dieser nun rationalisierbar sind.

Also versuchsweise vom Gegenteil her operieren, zurecht kommen, vom Nicht-gleich-Sinnlichen, Nicht-gleich-Nahen: »Beton war Denken, eine Schule / massiv«. Und  »Kraneisen ragten noch Jahre aus ihnen, Rostohren / Angeln. Glaube an Konstruktion: Mein Bauabschnitt / Richter VII. Deiner, reduzierte Geschosshöhe / einer der Evangelisten. Tiefpunkt des Territoriums.« Das sind so Stellen für Entschlüsselungs-Connaisseure – auch wenn der Beton sich aus dem Band als friedliches Trauma aus einer Kindheit zwischen Plattenbau und Panzerstraßen lesen lässt.

Die Texte bleiben trotz des Hazardierens »irdisch«, selbst da, wo Popp den Pan anruft – mit großem Zuwendungs-O. Mindestens in »narrativ«, einer der sechs Abteilungen des Bandes, wo ein Archivalienwisperer die Feder führt.

Doch auch ihn leitet die Poppsche Eule, auch ihm eignet ein Eulen-nach-Athen-Raum, »Die Brust ein Eulenhag, mit Stille ausgestopft«. Die Eule ist der große dunkeleske Vogel dieser Dichtung, sie wird immer wieder aufgeführt: als Wampum, Totem, Wappentier. »Eulen / bedruckte Duschhaut, die am Körper klebt, Wasser«.

Aber das ist nur ein Touch dieser Gedichte.

Steffen Popp
Dickicht mit Reden und Augen
Gestaltung: Andreas Töpfer
kookbooks
2013 · 88 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445540

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