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Kritik

Leute, die auf rosa Fische starren

Das Finale von Stephen Kings „Mr. Mercedes“-Trilogie
Hamburg

Fünf Jahre ist es her, seit Bill Hodges, Detective im Ruhestand, den Mercedes-Killer schnappte, als dieser gerade einen Konzertsaal voller junger Menschen in die Luft jagen wollte – und sich selbst gleich mit. Ein Jahr zuvor hatte Brady Hartsfield einen geklauten Mercedes in eine Gruppe Arbeitsloser vor einer Jobbörse gelenkt, acht Menschen getötet, viele verletzt. Das perfide Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hodges und Hartsfield brachte King für „Mr. Mercedes“ den Edgar Allan Poe Award ein. Den zweiten Band, „Finderlohn“, nannte die Washington Post einen „Liebesbrief an die Freuden des Lesens und die amerikanische Literatur“: Der Kultautor John Rothstein wird ermordet, sein Mörder landet im Gefängnis. Vorher noch vergräbt er die Kladden mit dessen unveröffentlichten Manuskripten, denn auf die hatte er es abgesehen – nicht auf Rothsteins Geld. Doch den Schatz findet inzwischen der Schüler Peter Saubers, dessen Vater beim Mercedes-Massaker schwer verletzt wurde. Während er an dem Fall arbeitet, besucht Hodges immer wieder Hartsfield, der komatös im Krankenhaus vor sich hin dämmert, weil er bei seiner Ergreifung im Konzertsaal mächtig was auf den Schädel bekommen hat. Die Pfleger nennen ihn eine „Matschbirne“, aber Hodges hat da so ein Gefühl: Mag auch Hartsfields Körper ein Wrack sein – seine Augen scheinen hellwach.

Mit Bill Hodges hat Stephen King eine seiner stärksten Figuren entworfen: Der alte, mit der Welt hadernde Cop, der im Ruhestand in Depressionen versinkt und an Selbstmord denkt, bis Hartsfield ihn per Brief zum Duell fordert. Eigentlich will Hartsfield, der eine Selbstmord-Obsession hat, Hodges in den Tod treiben, ihn ein letztes Mal demütigen. Doch er verrechnet sich.

Mit „Mind Control“ (im Original lautet der wesentlich treffendere Titel „End of Watch“) legt King nun das Finale der Trilogie vor – und enttäuscht. Das kann man vorwegnehmen. Denn anstatt die klassische Krimi-Handlung um die beiden eindrucksvollen Widersacher wieder aufzunehmen, liefert er eine hanebüchene Telekinese-Story, die so geradlinig ist, dass die fünfhundert vor sich hin plätschernden Seiten kaum je Fahrt aufnehmen.

Dabei fängt es so gut an: Hodges, nun Ende sechzig, plagt sich mit Bauchschmerzen. Als seine Assistentin Holly ihn endlich zum Arztbesuch überredet, ist der Krebs bereits so weit fortgeschritten, dass nichts mehr zu retten ist. Aber Hodges hat noch eine Rechnung offen. In der Stadt häufen sich die Selbstmorde, und immer sind es entweder Überlebende des Mercedes-Massakers oder des Anschlagversuchs beim Konzert. Die Verbindung zu Hartsfield ist offensichtlich. Doch wie macht er das? Er dämmert doch in Zimmer 217 des örtlichen Hospitals vor sich hin...

Offenbar hat der Schlag auf den Kopf telekinetische Kräfte in ihm freigesetzt. Er kann in die Köpfe anderer Menschen eindringen und sie beeinflussen. Aber dafür braucht er den Zappit: Eine fiktive kleine Handheld-Spielekonsole, auf der eine Spiele-Demo mit umherschwimmenden bunten Fischen installiert ist, die eine hypnotische Wirkung hat. Über die rosa Fische nimmt Hartsfield zu seinen Opfern Kontakt auf.

Man kann das als Seitenhieb auf das Zeitalter der Smartphone-Zombies lesen. Im Kontrast dazu steht Hodges, der mit digitaler Technik so gar nichts am Hut hat und sich mit einem nervigen Klingelton herumplagt, den er nun nicht mehr los wird, seit Holly ihn auf seinem iPhone installiert hat. Man kann, man könnte – aber leider ist das Ganze so albern und dämlich, wie es in diesen wenigen Zeilen klingt. Es soll wohl gruselig sein, verliert sich aber in unfreiwilliger Komik, und die Popkulturkritik kommt zu sehr mit dem Dampfhammer, als dass sie wirken könnte. Dass man obendrein schon nach fünfzig Seiten ahnt, worauf alles hinauslaufen wird, und der Roman zwischendrin keine einzige Überraschung zu bieten hat, disqualifiziert ihn als Teil einer Reihe von Spannungsliteratur, denn spannend ist hier nichts.

So überzeugend die ersten beiden Bände der Trilogie waren – auf den dritten kann man getrost verzichten. Wer auf ein Jahr ohne ein neues Buch von King nicht verzichten mag, der greift besser zu seiner im Januar erschienenen – großartigen! – Kurzgeschichtensammlung „Basar der bösen Träume“.

Stephen King
Mind Control
Bill-Hodges-Serie (3)
Übersetzung:
Bernhard Kleinschmidt
Heyne (Random House)
2016 · 528 Seiten · 22,99 Euro
ISBN:
978-3453270862

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