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Kritik

Der alte Bulle und das Blut

Hamburg

Als Stephen King vor vielen Jahren mal gefragt wurde, wie er den Menschen in Erinnerung zu bleiben wünscht, sagte er: Als einer, der gute Geschichten erzählt. Das ist ihm mit den rund 70 Büchern, die er seit 1974 veröffentlicht hat, mehr als einmal gelungen. Und diesmal sind es sogar drei – oder sollen es werden, denn schon vor knapp zwei Jahren sickerte durch einschlägige Medien, King arbeite an einer Roman-Trilogie über einen Detective im Ruhestand und einen Psychokiller, der auf den Namen „Mr. Mercedes“ hört. Inzwischen ist der erste Teil unter eben jenem Titel erschienen (Heyne 2014, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt), und zwischenzeitlich ließ „Lost“-Regisseur Jack Bender verlauten, dass er mit der Pre-Produktion einer Serie zur Buchreihe begonnen hat.

„Mr. Mercedes“ heißt eigentlich Brady Hartsfield, ein Durchschnittsloser Ende zwanzig, der vormittags in einem Elektromarkt jobbt und nachmittags Eis verkauft, sich abends um seine alkoholkranke Mutter kümmert, zu der er ein ödipales Verhältnis pflegt, während er im Keller an einer Sprengstoffweste bastelt, die sein letzter großer Auftritt werden soll. Der erste Auftritt ist inzwischen ein Jahr her. Mit einem gestohlenen Benz raste er in eine Gruppe Arbeitsloser, die vor einer Jobbörse auf Einlass warteten, tötete acht Menschen – und entkam.

Für Detective Bill Hodges, inzwischen im Ruhestand, ist Mr. Mercedes der eine Killer, den er in seinen vierzig Jahren bei der Polizei nicht geschnappt hat, und das nagt mächtig an ihm. Inzwischen verbringt er seine einsamen Tage im Sessel vor der Glotze und denkt darüber nach, den Weg in den finalen Ruhestand abzukürzen. Seine Waffe hat er immer bei sich, aber so ganz kann er sich noch nicht dazu durchringen. Schließlich ist es ein Brief von Mr. Mercedes, der ihn aus seiner Agonie befreit. Der Killer macht sich lustig über den alten Cop. Und er beobachtet ihn. Hodges horcht seine alten Partner über den aktuellen Stand der Ermittlungen aus und nimmt die Sache dann selbst in die Hand. Dabei versammelt er im Laufe der Zeit eine reichlich skurrile Crew um sich herum, die ihm bei dem Katz-und-Maus-Spiel zur Hand geht.

„Jede Ära hat ihre eigenen Ängste – King spielt virtuos damit“, schrieb die New York Times über das Buch. Im Grunde passt der Satz auf fast jedes King-Buch der letzten vierzig Jahre. In „Mr. Mercedes“ verknüpft King diese aktuellen Ängste mit dem Alltag, den jeder Leser kennt. Es geht um die Verzweiflung von Arbeitslosen und jenen, die kurz davor sind, ihren Job zu verlieren; um das schreckliche Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, aussortiert worden zu sein nach vierzig Dienstjahren; es geht um die Skepsis gegenüber den neuen Medien, die missbraucht werden, um alles und jeden auszuhorchen; und es geht um das Lieblingskind reaktionärer Politiker und der Massenmedien: die immer wieder geschürte Panik vor Terroranschlägen. Nur ist der Terrorist bei King kein religiöser Irrer, sondern ein Jedermann aus der eigenen Nachbarschaft. Ein unauffälliger junger Mann, den man morgens beim Gang zum Briefkasten grüßt, den ältere Menschen um Hilfe bitten, wenn sie ein Problem mit ihrem Computer haben, bei dem die Kinder im Viertel im Sommer ihr Wassereis kaufen. Jemand, hinter dessen sauberer Fassade es brodelt. Aber trifft das nicht irgendwie auf jeden zu?

„Mr. Mercedes“ ist Spannungsliteratur auf hohem Niveau, die zielsicher mit den Emotionen des Lesers spielt, ausgestattet mit einem beängstigenden Antagonisten und einem einprägsamen Antiheldentrio – ein Pageturner, der Lust auf die bereits für 2015 angekündigte Fortsetzung „Finders Keepers“ macht, ebenso wie auf die filmische Umsetzung. Aber Vorsicht: „Mr. Mercedes“ endet mit einem Cliffhanger, der schlaflose Nächte bereitet, bis es soweit ist.

Stephen King
Mr. Mercedes
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne, Random House
2014 · 592 Seiten · 22,99 Euro
ISBN:
978-3-453-26941-5

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