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Kritik

Der ganze Scheiß beginnt mit E

Ein Buch, das das Zeug zum modernen Klassiker der Schauerliteratur hat.
Hamburg

„Das Schrecklichste, was ich je geschrieben habe“, sagte Stephen King vor einer Weile über seinen neuen Roman „Revival“, der nun auch auf Deutsch vorliegt (aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt, Heyne, München 2015).

Auf eine gewisse Weise stimmt das – allerdings nicht so, wie mancher Leser denken mag. Es ist nicht der Schrecken von Romanen wie „es“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“. Einerseits. Andererseits ist es hier wieder, dieses Dunkle, das hinter allem lauert und sich unbemerkt in jedes Leben schleicht. Ein Schatten, der nicht mehr vergeht. Dieser Schatten fällt eines sonnigen Morgens im Jahr 1962 über den kleinen Jamie Morton, der am Straßenrand vorm Elternhaus in Neuengland mit seinen Plastiksoldaten spielt. Er gehört Reverend Charlie Jacobs. King erzählt die Geschichte des jungen Geistlichen und des Kindes, das langsam erwachsen wird, über mehrere Jahrzehnte hinweg, und es ist vor allem eine Geschichte von Freundschaft und Verbundenheit, eine Familiengeschichte ebenso wie eine Erzählung über all die kleinen Schatten, die sich im Laufe eines Lebens so ansammeln.

Jeder Mann braucht ein Hobby. Bei Jamie ist es die E-Gitarre, sind es die klassischen Akkorde des Classic Rock, die er inhaliert, doch die erträumte große Karriere wird nicht daraus. Er zockt in kleinen Coverbands und versinkt in seinen Zwanzigern im Drogensumpf – aus dem Jacobs ihn befreit. Das Hobby von Jacobs ist die Elektrizität. Als Pfarrer in Harlow führt er der Jugendgruppe, zu der auch Jamie gehört, kleine Tricks vor, etwa einen kleinen Jesus, der übers Wasser geht. Doch die Kinder durchschauen den Trick rasch. Und Jacobs selbst wirft seinen Glauben über Bord, als seine Frau und sein Sohn bei einem Autounfall ums Leben kommen.

Warum? Auf alles hat die Bibel eine Antwort, nur auf die elementarste aller Fragen nicht. In seiner letzten Predigt erzählt er von Hiob, der Gott bittet, sie ihm zu beantworten, doch der erwidert bloß: „Wo warst du, da ich die Erde gründete?' Was im Jargon unserer jungen Gemeindemitglieder heißen würde: Zisch ab, du Null.“

Als Jamie und Jacobs einander wieder begegnen, ist Jamie ein Junkie an der E-Gitarre und Jacobs führt Zauberstückchen mit Blitzen auf Jahrmärkten vor. „Dieser ganze Scheiß beginnt mit E“, das gilt für beide. Und beide haben sich verändert. Aber während Jamie, von Jacobs vor dem sicheren Herointod gerettet, lediglich versucht, sein verkorkstes Leben in den Griff zu bekommen, ist Jacobs ein Getriebener, der den Tod seiner Liebsten nicht verwunden hat. Stattdessen klammert er sich an die Überreste des Glaubens, mit dem er aufwuchs: Er will wissen, wo sie sind, seine Frau, und sein Sohn. Und er ist sicher, dass er es herausfinden kann...

Dass einige entscheidende Szenen in den Bergen von Colorado spielen, ist genausowenig Zufall wie die Nähe von Harlow – dem Ort, in dem Jamie aufwächst – zur fiktiven Stadt Castle Rock, die King-Lesern bekannt sein dürfte. Es ist der Wahnsinn aus „Shining“, der Charlie Jacobs in die Knochen kriecht, und in Castle Rock fanden einst apokalyptische Szenen statt, als ein Fremder namens Leland Gaunt die Bewohner gegeneinander aufhetzte. King setzt die Anspielungen und Selbstzitate sehr bewusst, und sie vermengen sich mit Reminiszenzen an die großen Klassiker der Schauerliteratur, denen er das Buch widmet: Shelley, Stoker, Lovecraft, Bloch, Jackson und einigen weiteren, „die mein Haus erbaut haben“, allen voran Arthur Machen und seiner Novelle „Der große Plan“ - „Revival“ ist eine Hommage und tiefe Verbeugung vor diesem zeitlosen Meisterwerk, das endlich im Kanon der Bücher, die man gelesen haben muss, ankommen sollte, bevor es vergessen wird.

Was King umtreibt ist einerseits die Vergänglichkeit, die viel zu kurze Zeitspanne eines Lebens, das Alter, der Tod – und mit ihm die ewige Frage, was danach kommt. Daher die religiösen Bezüge, in deren Kontext die Überlegung steht, dass das Jenseits vielleicht keine fixe Idee ist. Aber was, wenn es das völlige Gegenteil dessen ist, was die Propheten uns versprechen? Diesen Gedanken treibt er zum Äußersten, und im Gegensatz dazu sind all die Dämonen, die lebenden Toten, die Geister und Vampire tatsächlich kaum mehr als ein wohliger Grusel.

Um es kurz zu machen: „Revival“ ist ein großer Roman, der in einer großen Tradition steht, ein vielschichtiges und dabei höchst spannend und kurzweilig erzähltes Buch. Ein Buch, das das Zeug zum modernen Klassiker der Schauerliteratur hat. Es wäre nicht Kings erstes. Und dieser ganze Scheiß beginnt mit E. 

Stephen King
Revival
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne, Random House
2015 · 512 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
978-3-453-26963-7

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