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Vom Mut Fehler zu machen

Hamburg

Ein großartiges Debüt nennt Shirin Sojitrawalla, die für die FAZ eine sehr schöne Rezension geschrieben hat, das Buch mit dem doppelt treffenden Titel "Elefanten sieht man nicht". "The elephant in the room", findet man im Buch erläutert, ist eine englische Redewendung, wenn ein großes Thema, dessen sich jeder bewusst ist, aus Angst oder Bequemlichkeit nicht ausgesprochen wird.

Doppelt treffend ist dieser Titel, weil es in diesem Roman um das Wegsehen geht, aber auch um Zivilcourage, darum, dass die Dinge nie so einfach sind, wie sie aussehen, und weil solche Bücher, mögen sie noch so brilliant geschrieben sein (und dieses ist brilliant geschrieben!), keine Chance haben zu Publikumslieblingen zu werden.

Warum schreibt eine begabte junge Autorin diese Art von Buch? Bezugnehmend auf die Meldungen von zu Tode mißhandelten, oder nur knapp mit dem Leben davon gekommenen Kindern, sagt Susan Kreller dazu: „Es waren immer zwei Dinge, die mich beschäftigt haben, zum einen, dass diese Kinder vollkommen allein waren, so allein, wie man sich das gar nicht vorstellen kann. Zum anderen habe ich mich gefragt: Was hätte ICH denn getan, wenn ich den Verdacht gehabt hätte, dass derart Schlimmes in meiner Nachbarschaft passiert? So oft ist die Redevon mangelnder Zivilcourage, aber wie geht das eigentlich: Hinsehen? Und wie kann man handeln? So ist das Buch entstanden.“

Mascha ist dreizehn, Halbwaise, zu klein und nicht besonders glücklich, dass ihr Vater, der seit dem Tod der Mutter depressive Dokumentarfilmer, sie wie jedes Jahr in den Sommerferien zu den Großeltern in die Provinz schickt. Sie verbringt ihre Zeit Musik hörend auf dem Spielplatz, wo sie schließlich auch den 7jährigen Max und die 9jährige Julia kennen lernt, mit denen von Anfang an etwas nicht zu stimmen scheint. Eines Tages, als Mascha bei den Geschwistern zu Hause klingelt und niemand öffnet, sieht sie ihren Verdacht aufs Schlimmste bestätigt. Durch das geschlossen Fenster hört sie die Schreie des Vaters und sieht wie Max immer wieder gegen die Wand gestoßen wird.

Niemand hört Mascha zu. Die Großmutter besteht darauf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

„Weil ich etwas gesehen hatte, das schlimmer war als Tränen, konnte ich keine Ruhe geben.“

Aber auch der Vater rät Mascha sich nicht einzumischen. „Mein Vater war einer, der zuguckte, fertig. Und dass er die Leute, die er sich anschaute damit nicht froher machte, dafür konnte er ja nichts.“

Nachdem auch ein Anruf bei der Polizei scheitert, muss Mascha einsehen: „Julia und Max, die interessieren hier wirklich niemanden.“

In ihrer Ohnmacht erinnert sich Mascha an das blaue Haus mitten im Gerstenfeld, zu dem sie den Schlüssel hat.

„Und dann auf einmal kam mir der Gedanke, dass man Menschen beschützen kann.“

Verzweifelt hält Mascha an ihrem Plan, die bedrohten Geschwister in eine „heile Welt“ zu entführen, fest.

Alle und alles wendet sich gegen Mascha, bis zu diesem Augenblick: „Und dann kam dieser Mittag, drei Tage vor meiner Abreise, der Mittag, als mein Großvater zu reden anfing, und zwar mehr als die paar Worte, die er sich in den letzten zwei Wochen abgerungen hatte.“

„Ich glaube, alles, was man tun kann, ist zwangsläufig ein wenig falsch“, auch das sagt der Großvater, der einzige mit dem Mascha endlich reden kann, und mit dem sie sich auf den Weg macht, nach einer Lösung zu suchen, die vielleicht nicht perfekt, aber sicher besser als das Wegschauen ist.

Elefanten sieht man nicht, ist eine Abenteuergeschichte, und eine Geschichte darüber, wie schwer es ist, dreizehn Jahre alt zu sein. Es ist eine Geschichte über Moral und Gewalt, Verantwortung und Lügen, von Einsamkeit und dem berauschenden Gefühl, gebraucht zu werden. Eine Geschichte, die immer von großer sprachlicher Schönheit, aber inhaltlich manchmal schwer auszuhalten ist. Es ist eines von den Büchern, die sich den Fragen stellen, statt hinter leichtfertigen Antworten zu verschwinden.

Susan Kreller
Elefanten sieht man nicht
Carlsen
2012 · 208 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-551582461

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