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Kritik

»Ich bin dafür, alle Trennungen aufzuheben«

Susan Sontag im Gespräch mit Jonathan Cott
Hamburg

»Ich mag Intimität – eine jüdische Art von Intimität, um es mit einem Codewort zu sagen. Ich mag Leute, die viel reden, die von sich selbst reden, die warmherzig und körperbewusst sind. Ich lebe nicht in einem Film von Bresson oder Pagnol, sondern in meinem Leben und muss meine eigenen Grenzen überwinden«, sagte Susan Sontag an einem New Yorker Novembertag im Jahr 1978 gegenüber dem Rolling Stone-Journalisten Jonathan Cott. Es war bereits das zweite Mal, dass sich die Beiden zum Interview trafen, zuvor kamen sie für ein Interview im Februar in Sontags Wahlheimat Paris zusammen.

Tatsächlich werden es zwei sehr intime Gespräche, die der ehemalige Sontag-Schüler Cott mit der Essayistin und Schriftstellerin an diesen zwei Daten über insgesamt zwölf Stunden führt. Denn nicht nur geht es über Sontags 1977 erschienenes Buch Über Fotografie, sondern auch um den zu diesem Zeitpunkt unveröffentlichten Erzählband Ich, etc. und das Essay Krankheit als Metapher, in welchem Sontag ihre Krebserkrankung verarbeitete, die sie just überwunden hatte. Vorerst zumindest: 2004 stirbt sie an Leukämie.

Dabei geht es selbstverständlich auch immer um mehr als nur Sontags Werk, das jeher kaum von ihrer Person zu trennen war. Sontag und Cott plaudern über Sontags »agnostizistische Einstellung zu Metaphern«, die »Fehlkonstruktion« der menschlichen Sexualität, um ihren egalitären Feminismus, ihre politische Haltung und ihren Kampf gegen unsinniges Distinktionsgehabe. »Ich bin dafür, alle Trennungen aufzuheben«, sagt Sontag in Bezug auf Genderdifferenzen, fasst mit dieser Aussage auch ihre ihr selbst zugewiesene Aufgabe als Intellektuelle und Schriftstellerin zusammen.

Sontag möchte »präsent sein« und erklärt genau das zur »Tätigkeit des Schriftstellers – der Schriftsteller schenkt der Welt seine Aufmerksamkeit. Ich bin entschieden gegen die solipsistische Auffassung, dass alles in unseren Köpfen stattfindet. Das stimmt nicht, es gibt eine äußere Welt, ob man sich in ihr bewegt oder nicht. « Sontag, die – wie auch Cott beeindruckt in seinem Vorwort zu Protokoll gibt – in Absätzen und nicht einzelnen Sätzen, in druckreifen Gedankengängen also spricht, wollte nicht zwischen »Seele und Geist, Denken und Gefühl, Phantasie und Urteilskraft« differenzieren.

Im Verlauf von The Doors und Dostojewski wird zwar deutlich, dass Cott ein exzellenter Interviewer ist, viel offensichtlicher ist jedoch, dass es seiner kaum bedarf. Er braucht Sontag, die selbst zugab, dass »viele [ihrer] Gedanken im Gespräch entstehen«, nur die Bälle zuzuspielen, auf dass sie Einblick in ihr Schaffen, Denken und damit auch Fühlen gibt. »Es gibt eine Entscheidung zwischen Werk und Leben«, behauptet sie an einer Stelle. Das verwundert fast. Verwundert insofern, als dass sie selbst nicht nur tiefe Einblicke in die ihren Theorien zugrunde liegenden Gedanken preisgibt, sondern sich und ihrem Gegenüber wie auch der Leserschaft eine Intimität zutraut, die Seltenheitswert hat.

So ist denn The Doors und Dostojewski gleichermaßen ein probates Einstiegswerk in Sontags Werk wie auch Dokument einer eindrucksvollen Persönlichkeit. Eine, die sich immer schon dankenswert unprätentiös gab und zwischen Denken und Fühlen keinen Unterschied sehen wollte. Sie redet von sich selbst, warmherzig, körperbewusst und ungemein intelligent. Und zugleich von der Welt, der sie wie kaum jemand anderes ihre Aufmerksamkeit schenkte, ob auf Rockkonzerten oder in philosophischen Texten.

Susan Sontag · Jonathan Cott
THE DOORS UND DOSTOJEWSKI
Das Rolling-Stone-Interview
Übersetzung:
Georg Deggerich
Hoffmann und Campe
2014 · 160 Seiten · 18,00 Euro

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