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Kritik

Größenwahn und Selbstkritik

Susan Sontags Tagebücher, die Aufzeichnungen einer Getriebenen
Hamburg

Susan Sontag konnte etwas, das nicht viele können: verschiedene Bereiche überblicken und zwischen ihnen geistreiche Verbindungen herstellen. Die 1933 in New York geborene und dort im Jahr 2004 an Leukämie verstorbene Publizistin und Schriftstellerin brachte die Künste zusammen. Film, Literatur, bildende Kunst, Fotografie: All das betrachtete sie wie unter einer großen Lupe, um anschließend schlaue Bemerkungen darüber zu verschriftlichen. Kaum etwas erschien ihr rätselhaft, „nur die Liebe“. Sontag schrieb zwar auch Romane, doch wurde sie vor allem mit ihrem essayistischen Werk bekannt und berühmt. Mit 17 Jahren heiratete sie den Soziologen Philip Rieff. Der gemeinsame Sohn David Rieff gibt nun die Tagebücher seiner Mutter heraus, der zweite von insgesamt drei Teilen, kürzlich mit dem Titel „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ bei Hanser erschienen. Die Tagebücher umfassen die Jahre 1964 bis 1980, jene Zeit, in der Sontag nicht nur angeblich regelmäßig Speed konsumierte, sondern auch an ihren wichtigsten Publikationen arbeitete. 1968 erschien in Deutschland eines ihrer Hauptwerke, der Essayband „Kunst und Antikunst“. Darin findet sich einer ihrer bekanntesten Texte, ihr eigentliches Manifest mit dem Titel „Gegen Interpretation“. Sontag forderte darin ein Zurückschneiden der Kunstrezeption zugunsten des Kunstwerks: „In einer Kultur, deren bereits klassisches Dilemma die Hypertrophie des Intellekts auf Kosten der Energie und der sensuellen Begabung ist, ist Interpretation die Rache des Intellekts an der Kunst. Mehr noch. Sie ist die Rache des Intellekts an der Welt. Interpretieren heißt die Welt arm und leer machen.“ Der Essay endet denn auch mit der Forderung nach weniger Hermeneutik, stattdessen mit der Forderung nach einer „Erotik der Kunst.“

An ebenjener Erotik mangelte es Sontag in ihrem eigenen Leben, fehlten ihr nach persönlichen Angaben Sinnlichkeit und Leichtigkeit. Stattdessen wird die Autorin selbst von der „Rache des Intellekts“ eingeholt. Ihre amourösen Beziehungen waren selten gesund, die Ehe scheiterte früh und die zahlreichen Verbindungen mit Frauen, unter anderem mit der Fotografin Annie Leibowitz, waren nicht von anhaltendem Glück geprägt. „Ich war in all meinen Beziehungen parasitär. (...) Ich sammelte meine Schätze ein – und dann machte ich mich aus dem Staub.“ Während ihre Eltern in der Republik China arbeiteten, wuchs Sontag zuerst bei ihren Großeltern auf, ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Zu ihrer alkoholkranken und depressiven Mutter hatte Sontag ein schwieriges Verhältnis. Die emotionale Flaute bekämpfte die Autorin mit Disziplin, wie ihre Tagebücher belegen, die zu einem großen Teil aus Listen bestehen. Akribisch sammelte Sontag Material für literarische als auch essayistische Texte, notierte seitenweise Adjektive, Substantive, Romanstoffe oder kürzlich geschaute Kinofilme. Das klingt wenig erotisch, eher getrieben. Getrieben von dem Wunsch, brillante Texte zu verfassen.

Wie stellte sie das an? Anhand ihrer Tagebücher kann man einigen Aufschluss darüber erhalten, Gedankengänge mitverfolgen. Der Herausgeber leistet einen wichtigen Beitrag, fügt oft fehlende, für den Leser dennoch wichtige Informationen in Klammern hinzu, vervollständigt Namen und übersetzt fremdsprachige Passagen. Auch leitet Rieff einige Einträge mit Hintergrundinformationen ein. So interessant das für Sontag-Fans klingen mag und so spannend ihre Reflexionen über die Kunst von John Cage, Marcel Duchamps oder Joseph Brodsky sind, so deutlich wird bei diesen Tagebüchern, dass sie offensichtlich nicht für fremde Augen bestimmt waren. Manchmal steht da mehr, als man eigentlich wissen will. Auch der ständige Wechsel von maßloser Selbstüberschätzung auf der einen und Schuldgefühlen, Selbstkritik und Unsicherheit auf der anderen Seite, ist irritierend. Zuweilen glaubte Sontag, bald den Nobelpreis zu erhalten, hielt andere Menschen durchaus für minderbemittelt. Einige Abschnitte später hält Sontag ihren eigenen Verstand für „nicht scharf genug“, sich selbst für „nicht attraktiv, nicht liebenswert“, für „unvollkommen“. Deutlich wird beim Lesen dieser Tagebücher mit Sicherheit eines: Sontags Ichbezogenheit. „Interpretieren heißt das Phänomen neu formulieren, letztlich ein Äquivalent für das Phänomen finden“, schreibt das Phänomen Susan Sontag, die in ihren Tagebüchern zu einer Frau wird, die nicht nur herausfinden will, was sie denkt, sondern wer sie ist.

Susan Sontag
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke
Tagebücher 1964-1980
Übersetzung:
Kathrin Razum
Hanser
2013 · 368 Seiten · 20,99 Euro
ISBN:
978-3-446-24452-8

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