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Kritik

Engagement … oder so…

Hamburg

Als ich im Studium die Essays Sontags empfohlen bekam und ihre Philippika wider die Interpretation las, war ich maßlos enttäuscht – nicht brüskiert, enttäuscht. Die scientific community betreibe am Text also eine „Massenvergewaltigung”; doch die Alternative? Fetischismus, das Werk, weil zu lesen bedeutet, daß man interpretiert, verstauben lassen? Vielleicht, bis eine Sontag es einem erschließe, wahrscheinlich aber, bis die Säure das Papier angreift? Ihre Behauptung, Interpretation würde „die Welt in diese Welt verwandeln”, erscheint mir bis heute obskur, vor allem, wo dies in eine „Schattenwelt der »Bedeutungen«” münde, als entsorgte der Hermeneut das Gelesene hernach. Als drückten die mehr oder weniger gelungenen Interpretationen, die nicht glücken dürfen, nicht einvernehmlich sein können, wenn man Sontag folgt, kein Liebesakt, immer Vergewaltigung, nicht in der beklagten Masse die Diversität und das Leben des Gelesenen aus: gerade das inszenierte Nicht-Interpretieren schafft diese Welt, wo die = diese und andere Welten sein können. Enzensberger, ungleich treffender:

„Die Lektüre ist ein anarchischer Akt. Die Interpretation, besonders die einzige richtige, ist dazu da, diesen Akt zu vereiteln”,1

was ähnlich klingt, aber schon andeutet: Die Anarchie der sich nicht einig werdenden Dennoch- und Gerade-da-Interpreten ist immerhin vielleicht das, was der Fetisch gerne wäre.

Ich las danach Sontag nur selten; und die große Liebe wurde es nimmer – das Engagement, das darin sich erschöpft, immerhin nichts Falsches gesagt zu haben, immerhin nicht der Interpretation sich schuldig gemacht zu haben, prägt ihre Texte, wiewohl die Einwände, wo sie konkret wird, bestechend sein können. Klug ihre Einwände wider 9/11 auch als Verdummung qua Rezeption, klug ihre Überlegungen, was „interessant” sei – allerdings: Schlegel hatte alles schon formuliert –, klug ihre Betrachtungen zu der Fotografie, die nicht „das Sehen selbst” ist.

Alles klug. Und dennoch…

Susan Sontag
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Fünf Essays [Was bedeutet das alles?]
Reclam
2016 · 64 Seiten · 5,00 Euro
ISBN:
978-3-15-019372-3

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