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Kritik

Jenseits des GehEules die LaserS.KA(H)LPelle

Hamburg

Die Befürworter der sprachexperimentellen Dichtung und deren Verächter stehen einander nicht selten unversöhnlich gegenüber. Daß dies nicht notwendig so sein muß, zeigen nun in schönster Weise die Gedichte von Susanne Eules, denn sie sollten diesseits und jenseits des trennenden Grabens gefallen. Eules’ Gedichte sind nämlich allemal ansprechend, weil konkret, bildhaft und inhaltsschwer, nichts ist, trotz ihrer Komplexität, in elfenbeinerne Höhen geschraubt, im Gegenteil, die Balance zwischen Verankerung in den Realien und sprachlicher Destabilisierung macht den ungewöhnlichen Reiz des (auch ansonsten schön gestalteten) Bandes aus. Selten hat das Sezieren der Sprache solches Vergnügen bereitet.

Was zunächst auffällt, sind verfremdende Schreibungen. Unter anderem durch Markierungen, Punkte im Wort, unübliche Trennungen taucht zum Beispiel die See im „seegelherz“, das Auge im „zÅUGEnblick“, die Frage in den „frag.menten“ auf. Mittels solcher Frakturen entstehen weitere Bedeutungsebenen, die den — laut gelesen nicht besonders ungewöhnlichen — Gedichten auf optische Weise einen sprachlich aufgeladenen Subtext unterschieben. Andere grafische Elemente sind nordisch aussehende Umlaute wie å, ů oder ø oder das gleichsam runenhafte ÿ. Sie verlangsamen das Lesetempo, fordern zu konzentrierterer Lektüre und schärferer Wahrnehmung auf. Allerdings beschränkt sich ihre Funktion allein nicht darauf, denn sie sind Teile eines vielsprachigen Gewebes mit Einschlüssen und Einflüssen des Englischen und Französischen, einmontierten Zitaten und diversen Anspielungen auf u.a. Brecht, Celan, Hölderlin, Mörike, Christiane Vulpius, Paula Modersohn-Becker, Sylvia Plath, Emily Dickinson und — wen sonst — Friederike Mayröcker.

Es ist schwer, die Gedichte des vorliegenden Bandes auf einen Nenner zu bringen, jedes hat seine eigenen Gravitationszentren, wird durch die besagten Mittel zu einem Kräftespiel verschiedener Verweise. „schachtel & halm — am damm der fahrt“, beginnt etwa ein Gedicht, das als „postkard : fading“ getarnt ist, als verblassende Postkarte also, in der qua Scheibung auch das Postkardiale mitschwingt: Das Urtümliche ist ebenso präsent wie der moderne Zivilisationmüll, die Fahrt ist zugleich eine gedämmte, unterbrochen von Bertolt-Brecht-Zeilen, „lasst euch nicht“, nämlich: verführen. Das Schwindende und Verlorene verliert den sprachlich geleimten Zusammenhalt, doch es bleibt der Trost: „immer blůht die kunst des wacholderwerks“. Solche Naturbeschreibungen sind in Eules’ Gedichten nicht selten, stets verquickt mit ihrer sprachlichen Darstellung, die eine Wahrnehmungsform ist. Dem Naturgedicht wird somit eine naive Idyllik ausgetrieben, doch über den Umweg der Verfremdung, die eine Entfremdung ist, kommt sie wieder hinein, als Folie für die Sehnsucht.

MELA.ncholie

lotung der SINNschrift
soggranul der sch.reib

flåche fokussiert an ner
fåcherung : das mittwissn

kerbig im gingkoblatt :
dehn & sehnung:

schlitzlicht das
auf die wortkante fållt

Das Nebeneinander von salopper Rede und hohem Bildungsgut biegt das Artifizielle wieder zurück in den Alltag, in die Beobachtung, in die Erfahrung. Das scheint mir die umgekehrte Richtung von manchen anderen avancierten Bemühungen zu sein, die Sprache als solche aufzurauhen und sichtbar zu machen. Susanne Eules gelingt es erfolgreich, alle — vielleicht widerstreitenden? — Elemente miteinander zu verbinden.

Susanne Eules
übern rückn des atlantiks den rand des nachmittags
Artwork, Layout und Satz: Korinna Feierabend
Fixpoetry Verlag bei Horlemann
2012 · 104 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-942890120

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