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Kritik

Schlange vom Schlage eines Essays

Swantje Lichtensteins poetische Reflexionen zum Thema „Geschlecht“
Hamburg

Dieses Buch, dieser Essay, dieses Gedicht will, nein: kann, ach: muss – mehrmals gelesen werden. Am besten laut, murmelnd, jedes Wort tastend/schmeckend. Denn da, auf der Ebene des Klangs, der Assonanz, der Assoziation ist seine Heimat, sein Heimspiel, sein reich gedeckter Tisch. Scheu, spröde verweigert es sich dem schnell-haschenden Zugriff, dem allzu-leichten analytischen Verstehen von Ansichten/Perspektiven, dem Erfassen, Einordnen und Ablegen/Abheften. Es braucht keinen (verzichtet auf) EINEN Gedankengang, eine logisch-schließende Struktur von Argument zu Argumente. Es hat ja den Klang, die Fülle! Wozu ein Beweis, wozu ein Versuch zu Überzeugen, wenn die größere, die maximale Wahrheit sowieso nur zwischen Zeilen zu finden ist, im Angesicht des schwer fassbaren, verflochtenen Ganzen. Darin schließlich, ist es klar und fordernd (selbstbewusst anspruchsvoll, bei sich seiend – selbstsicher im Zweifel): dieses Essay. Es will den ganzen Leser, die Leserin, den Mann, die Frau, den Kontakt, das Gespräch, die Beziehung …

Swantje Lichtensteins in der Edition Poeticon des Verlagshauses J. Frank erschienenes Essay ist zwar nur 44 Seiten dick – in einem äußerst handlichen, zum Verschwinden in Taschen und Papierstapeln neigenden A6-Format.1 Der geringe Umfang wird aber deutlich kompensiert durch die poetisch extrem dichte, ausgeformt-reflektierte Sprache, die die vorgebrachten Gedanken und Argumente beständig auf der Ebene des Klangs und Anklang verschränkt, erweitert und umbricht. Dem Essay eine Kernargumentation oder einen Kerngedanken zuzusprechen, macht somit keinen Sinn: widerspricht ihm, seiner Form und seinem Anliegen.

Orientierend über den Inhalt könnte man vielleicht auf die verschiedenen Perspektiven/Assoziationen hinweisen, aus denen Swantje Lichtenstein über das Thema „Geschlecht“ reflektiert. Einmal fragt sie – im Sinne der Assoziationskette Geschlecht = Familie / Herkunft = Art / Gattung / Zugehörigkeit – nach der Eigenständigkeit und Eigentümlichkeit des literarischen Genres des Gedichts. Zum anderen diskutiert sie das Geschlecht bzw. die Körperlichkeit des poetischen Sprecher-Ichs (dem ja als literarischem Werk prinzipiell primäre weiblich/männliche Geschlechtsmerkmale fehlen) – insbesondere im Verhältnis zur Leiblichkeit und Sinnlichkeit des bzw. der AutorIn.

Vor allem aber Thema ist die durchaus spannungsvoll-erotisch gemeinte Liebe zum Wort (zur lyrischen Verknappung und Konzentration), sowohl den geäußerten Gedanken nach als auch angesichts der intensiv durchgearbeiteten Sprache.2 So sehr der Text auch mit ergänzenden – in Klammern zugesetzten – Assoziationen aufgeladen und vielfältig verflochten ist, sich einer linear-aufbauenden Argumentationsstruktur oder gar der Orientierung des Lesers / der Leserin über das Ziel und den (Fort-)Gang der Argumentation verweigert: Kein Wort, kein Gedanke ist hier zu viel, unpassend, unproduktiv – und sei es nur aus Gründen dem Bitterernst des angestrengten Denkens eine spielerisch-ironisierende Ebene abzugewinnen.

Wer allerdings von dem Essay eine poetisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit Mann-Frau-Stereotypen und dadurch spannungsvoll grundierten Wechselspielen der Liebe erhoffte, sucht umsonst. Dieses Themengebiet wird, wenn-dann, auf einer assoziativ einbezogenen Subebene gestreift, aber nicht – schon gar nicht klärungs- oder lösungsorientiert – behandelt. Körperlichkeit und Sinnlichkeit sind als Fundamente oder nicht zu leugnende Kontexte von Poesie „akut“ angesprochen, das biologische Geschlecht und Sexualität sind in diesem Sinne konstatiertes und unproblematisches Faktum. Die Frage der sozialen Geschlechtlichkeit (des Gender, der Geschlechterrollen) scheint hingegen in dem Essay gänzlich ausgeblendet bzw. überwunden – vor allem in der als solitär-autoerotisch vorgestellten Beziehung der Autorin zu ihren eigenen Texten bzw. zum Sinn und Zweck ihrer Lyrik. Der Leser oder die Leserin, die eine geschlechtsbezogene Rollenstruktur oder Lesart in ein Gedicht einbringen könnten, sei – so positioniert sich Swantje Lichtenstein als Dichterin – irrelevant im Rahmen ihres intensiv-sinnlichen, einsam-entrückten Arbeitens (Ernst-Spielens) am Text. Bei dieser Aussage der Verzichtbarkeit eines imaginierten Gegenübers beim Schreiben, rührt sich allerdings ein gewisser Zweifel und Widerspruch beim Rezensenten. Sich liebend (vereinigend, beglückend) im Wortgedreh verlieren, mag als Beschreibung für den Schreibprozess und des euphorisch-sado-masochistischen Glücksgefühls des Autoren dabei taugen, als Kern und Sinn des Dichtens erscheint es mir indes zu selbstbezüglich und als l’art pour l‘art zu sehr mit der Gefahr einer dekadent-elitären Entfremdung und Abschließung gegenüber der (Welt- und Vor-Ort-)Gesellschaft behaftet. Gerade die für ein komplexitätsbewahrendes Geistesleben freigestellten Intellektuellen sind – meines Erachtens – zur Analyse, Stellungnahme, Positionierung und zum Widerstand gegen reale Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und Dummheiten aufgefordert, auch und gerade mit den literarischen Mitteln, über die sie liebend verfügend. Aber, wie gesagt, das ist nur ein Grummeln im Rezensenten, der sich in dieser Frage gerne mit der Autorin des Essays noch intensiver streiten würde. Der Essay selbst ist dafür eine wunderbar anregende und aufreizende, durchdachte und gefühlt-lebendige Basis.3

Abschließend sei hervorgehoben: Meine Skizze zentraler Themen des Essays ist auf jeden Fall falsch (unzureichend-schief)! Jede Leserin und jeder Leser wird, dass ermöglicht und erzwingt der Text in seiner Reichhaltigkeit und Dichte, eigene Themen entdecken (abgesehen von Mann-Frau oder pornöser Erotik) und aktiv mitdenkend und mitfühlend bearbeiten können.

Swantje Lichtensteins Essay ist damit eine überaus gelungene und empfehlenswerte Einladung zu einem anspruchsvoll-intensiven Zwiegespräch zum Thema Geschlecht – fern von den soziologischen Engführungen und Schützengräben der Genderdebatte, das sich unbedingt lohnt, wenn man sich auf die wunderbare Sprache, die herausfordernde Verflochtenheit der Gedanken, den kulturgeschichtlichen Verweisungsreichtum und den feinen Humor einzulassen vermag.

Wenn alle anderen Heftchen dieser von Asmus Trautsch herausgegebenen Essay-Reihe ebenfalls dieses Niveau und diese Qualität haben, dann sind sie – zumindest für den Rezensenten – ein intellektuelles Pflichtprogramm. Kaum bessere Gesprächspartner wären in kurzen Moment des Wartend-sich-Versenken-Wollens denkbar. Das handliche Format, um sie ständig mit sich zu führen, haben die Büchlein schon mal.4

  • 1. Zum Thema „äußerst handliches A6-Format“: Ich musste mir ein zweites Rezensionsexemplar des Essays besorgen, da das erste verschwand – und sitze nun beim Texten mit dem wiedergefundenen ersten, bedauernd, dass das zweite Exemplar mit den Unterstreichungen und Randnotizen irgendwie nicht zu aufzufinden ist.
  • 2. Hier schließt der Essay gedanklich sicherlich an Swantje Lichtensteins Gedichtband „Entlang der lebendigen Linie. Sexophismen. Ein lyrischer Zyklus“ im Passagen-Verlag Wien (2010) an, den sich der begeisterte Rezensent vorgenommen hat, nun ebenfalls zu studieren. Ein Hintergrundgespräch mit Swantje Lichtenstein zu diesem Gedichtband.
  • 3. Für den Rezensenten produktiv niedergeschlagen hat sich dieses Essay auf jeden Fall auch poetisch. Ein Gedicht ist entstanden, auf das hier ergänzend zur Rezension gerne verwiesen wird
  • 4. Wie der Rezensent das Verlagskonzept wahrnimmt, wird sein heimlicher Wunsch, die Essays auch als E-Book mit sich führen zu können, kaum angenommen werden. Was ausgesprochen schade ist: So kurz, intensiv und dicht wie die Texte sind, wären sie wunderbar als Aufwachlektüre auf dem Smartphone, wenn die Partnerin noch schläft und man weder Nachttischlampen-Licht machen noch mit den Seiten rascheln darf
Swantje Lichtenstein
Geschlecht
Schlagen vom Schlage des Gedichts
Edition Poeticon
Verlagshaus J. Frank
2013 · 48 Seiten · 7,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-81-4

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