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Kein Kommentar?

Oh doch. Swantje Lichtenstein kommentiert die Welt lyrisch!
Hamburg

Swantje Lichtensteins „Kommentararten“ kommt auf Papier, das haptisch etwas her macht und in einer für das Verlagshaus J. Frank typischen soliden Aufmachung. Ein durch und durch physisches Buch also. Trotzdem verstehen die Texte darin, sich in den Äther unserer Netze einzuhacken. Sie müssen das, denn Lichtenstein gelingt es, die uns umgebende Sprache zu isolieren, sie zu verfremden und so neu zusammenzusetzen, dass das, was am Ende fremd erscheint, das Vertraute ist. Lichtenstein versteht es, uns vorzuführen, wie verfremdet ein Großteil der uns umgebenden Sprache ist. Sie muss den Umweg über die Lyrik machen und genau das gibt diesen Gedichten die Kraft Kommentar zu sein, der keine ganze Seite ausfüllen muss und lyrischen Platz am Rand behält.

Fünf verschiedene Arten des Kommentierens erweckt Swantje Lichtenstein zu eigenwilligem Leben. Eine gewisse Wissenschaftlichkeit geht ihrer Sprache hin und wieder nicht ab, der Hang zur Nominalisierung zwingt die innere Lesestimme im Kopf dazu langsam und betont zu lesen, wie ein junger Lyriker, der nicht zum ersten, aber auch noch nicht zu oft, auf der Bühne stand, um zu performen, was sonst nur notiert ist. Überprononciert geriert sich die Stimme im Kopf, wird nur so den Texten gerecht, die die Augen ohne Mühe mitverfolgen. Ein Sog baut sich auf: hat man sich erstmal an den Rhythmus und die Technik der Texte gewöhnt, lernt man erst sie zu dechiffrieren. Sinn finden zu wollen, wo keiner ist, oder ihn da zu suchen, wo er nicht sein kann, weicht einer Gelassenheit gegenüber dem Strom aus Wörtern dieser Kommentare.

Es fängt recht prosaisch an: das Kapitel „Sätze“ beinhaltet Lyrik in Prosa, die gerne in Bandwurmformation über die Seite schlängelt. Ein nachdenklicher Zeigefinger zeigt da auf die Welt, erforscht Sprache und klopft die Kehrseite doppelter Böden ab. Das gelingt nicht immer, manche der Wortspiele man humorvoll lesen, andere sind so offensichtlich, dass man aus Schock lacht. Runtergetippt wirkt der Fluss. In der Tat tragen diese Texte, auch wenn gedruckt, den verruchten Zug des virtuell Zusammengebauten. Es scheint, also könne so schnell kein Gedankenstrom von Hand auf Papier gebracht werden. Zu wild sind die semantischen Verbindungen, zu spontan die synaptischen Kurzschlüsse. Liegt hier vielleicht Lyrik vor, die das Digitale nicht zelebrieren muss, um seine Ästhetik zu transportieren? Ist ein Kennzeichen unserer Zeit vielleicht einfach, dass wir tippen können, was wir wollen, ohne Tipp-Ex zu brauchen. Auch eine Schreibmaschine lässt sich schnell betippen, aber in einem virtuellen Dokument kann man einfach löschen - und muss eben genau deswegen nicht.

Müßig den Entstehungsprozess von Lichtensteins Texten nachvollziehen zu wollen, darum geht es in dieser Reflexion aber auch gar nicht. Die Fährte ist allerdings bereits im Design des Bands angelegt: Rauten (#) vor den Kapiteltiteln und Unterstriche (_) am Ende, das führt zu einer Ästhetik, wie in einem alten DOS-Computer. Der blinkende Cursor gibt uns das Gefühl ein Wort vor uns zu sehen, das gerade getippt oder noch nicht fertig ist. Da springt das zweite Kapitel ein, dass da heißt: „# NEUDEF_“.

Neudefiniert wird hier nicht viel, zumindest nicht klar. Kein Gedicht ermahnt, kein Text bemüht sich um eine Existenzberechtigung. Schlimmer noch: die sprachliche Intuition wird hinters Licht geführt. Was vertraut erscheint, sind textliche Fundstücke auf der rechten Seite, die klingen wie einer Beschreibung, der Werbung oder eine Bastelanleitung genommen. Egal ob diese Texte „echte“ Fundstücke sind oder täuschend echte Imitationen, die Gegenüberstellung von lyrischem Text auf der einen und Fundstück in konsequenten Großbuchstaben auf der anderen Seite entfaltet eine bizarre Wirkung:

„Die Zeichen stehen auf der anderen Seite. Sie sieht das wieder nicht. Sie sieht nichts. Sie linst nur hinter den Seiten hervor.“

trifft auf:

„GREIFEN SIE SUBTIL IN MATERIALAUSWAHL UND FORM DAS THEMA WASSER AUF.“

Wird hier etwas Neudefiniert? Wohl kaum. Oder doch? Unsere Kritikfähigkeit wird auf den Prüfstand gestellt und mit einer Skepsis kontaminiert, die Lichtensteins Texten zu Eigen ist und gewissermaßen als Schlüssel zu ihrem Verständnis dient. Es sind vielleicht Kommentararten, die Lichtenstein hier versammelt, aber ihnen allen ist eine bestimme Attitüde gemein: die Skepsis gegenüber der Welt und die Neugierde auf eine andere Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit des Sprechens auch, aber darüber hinaus eine andere Art zu Denken und damit letztlich ultimativ zu Handeln.

Im „Logischen Kommentarium“, dem vierten Teil des Bandes, wird das Kommentieren selbst zum Selbstzweck. Nicht immer kann man den Gedankensprüngen folgen, erwartet man doch, manchmal zu recht, einen Zusammenhang zwischen dem Kommentar und dem Fließtext. Exzessiv werden kleine Texte mit Sternchen (*) überhäuft und kommentiert. Ganz logisch geht es im „Logischen Kommentarium“ nicht immer zu. Die Eingangs genannte Wissenschaftlichkeit wird hier zum überhöhten Stilmittel gepusht, nicht ohne manchmal in Manierismen zu verfallen. Zugleich müssen diese Texte das wohl, wenn sie die Eigenarten des wissenschaftlichen Schreibens beim Wort nehmen und getreu nachbauen. Die Parodie gerät zur Realsatire, deren Unlesbarkeit wohl in Kauf genommen werden muss, um den Punkt klar zu machen. Lyrik darf manchmal auch wehtun. Zum Teil ist diese Medizin aber so bitter, dass man sie kaum schlucken will.

Prosaischer und entspannter geht es in „Tagen“, dem letzten Teil zu. Kleine Alltagsbeobachtungen entblößen die prosaische Realität und entstellen sie, in dem sie sie darstellen. Die bloße Imitation, das blanke Nacherzählen, wird hier zu einem Mittel der Verfremdung. Was hier passiert, ist kein Geschehen, es besteht durch und durch aus Fiktoplasma: dem Stoff, aus dem Literatur gemacht ist. Der Stoff, der Stoffe aufbaut. Kleine Geschichten entspinnen sich hier in mikrokleinen Kosmen. Wie ausgefranste Skizzen kommen diese Texte daher. Durch und durch heiter ist dieser Band, aber er lässt sich nicht darum lumpen, nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt auf die Schippe zu nehmen und sie einfach wegzuschaufeln. Legt man den Band weg, muss man noch immer belustigt auf die Welt schauen. Mehr kann ein Buch nicht wollen.

Swantje Lichtenstein
KOMMENTARARTEN */!
Verlagshaus Berlin
2015 · 112 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-02-8

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