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Das Trostgeräusch von überflogenen Meeren

Was die Dichterin uns sagen will: Sylvia Geists neuer Gedichtband »Gordisches Paradies«
Hamburg

Die berühmte Deutschlehrerfrage »Was will uns der Dichter damit sagen? « hat nicht nur Generationen von Schülern das Lyriklesen ausgetrieben. Sie ist auch, und nicht so selten, vollkommen nutzlos. Denn oft kann man, was Gedichte sagen, mit dem Verstand gar nicht erfassen. Sondern nur mit dem Gefühl.

Die Gedichte von Sylvia Geist gehören in diese Kategorie. Obwohl die Autorin, 1963 in Berlin geboren und in Hannover und Vancouver lebend, den Leser manchmal aufs Glatteis führt. Beispielsweise gibt es Gedichte von ihr, die – Sylvia Geist hat außer Germanistik und Kunstgeschichte auch Chemie studiert – nach dem Periodensystem entstanden sind und in strenger Form Charakteristika einzelner Elemente widerspiegeln. Das klingt sehr nach naturwissenschaftlicher Präzision. Aber, wie gesagt, es ist die Form. Was dann drinsteckt in den Texten, muß man doch erfühlen.

So steht es auch mit dem neuen Buch der Dichterin (die außerdem Prosa und Kritiken schreibt und übersetzt und herausgibt). Es heißt »Gordisches Paradies«, versammelt Texte von 2009 bis heute und ist gerade bei Hanser Berlin erschienen.

Mit dem Titel geht’s schon los, beziehungsweise mit dem gleichnamigen Langgedicht: Gordische Knoten sind unentwirrbar. Daraus soll ein Paradies bestehen? Sylvia Geist befleißigt sich auch hier der strengen Form, es gibt sechs Abteilungen, sie reichen von »Erste Schlinge« bis »Letzte Schlinge«, und sie werden immer kürzer, erst zehn Strophen, dann fünf, dann vier, zuletzt nur noch eine. Und immer wiederholen sich Textpassagen, grammatikalisch leicht verschoben gelangen sie auch zu leicht verschobener Bedeutung.

Das »Gordische Paradies« handelt von der Liebe. Und davon, wie die Autorin gesprächsweise bemerkte, daß es bestimmte Unauflöslichkeiten der menschlichen Existenz gebe, zu denen beispielsweise die Endlichkeit gehört. Und daß diese Unauflöslichkeiten wiederum eine eigene innere Schönheit besitzen.

Wie solche Zeilen:

»das Rädertier wir, kleines mäandrisches Zeitalter / zählt sich aus an seinen tauben Zähnen …« Oder: »… das Trostgeräusch von überflogenen Meeren …« Oder: »…gerät das Wetter / ins Rutschen, krallt in die Fugen, tickt, schlägt / durch …«

Es wäre anmaßend, die überbordende Fülle der Bilder und Sprachwendungen des Textes in ein paar Beurteilungen zusammenfassen zu wollen. Man muß dieses Gedicht lesen, immer wieder, und immer wieder laut, denn nur so erschließt sich seine Melodie, und aus der Melodie und den Worten entstehen dann eigene Bilder. Und daraus Gefühle.

Weitere thematisch sortierte Zyklen finden sich in dem Buch, etwa Kindheitsgedichte (»Ich sehe, wie meine Mutter blind wird. / Noch nichts, was es aufhält, das Fenster, / durch das der Tag die Farben schickt …«, aus: »Makula«), Reisegedichte, Kunstgedichte. Wunderschön eine kleine Sammlung von Dorfgedichten, entstanden während eines Stipendienaufenthalts im pfälzischen Donnersbergkreis. Erdig, aber nicht idyllisch: »Die Häuser sind geplündert oder weg / geschenkt, bis auf ein paar Vorhänge, / hinter denen sich die Leere noch schämt. «

Und eine im Wortsinn traumhafte Erfindung von Sylvia Geist ist der verborgene Zyklus »Nachtausgabe« – sieben Gedichte, die sich über das Buch verteilen und dort als Bestandteile anderer Zyklen erscheinen. Sie sind es auch – und wieder nicht, sind Traumtexte, die ihr eigenes Leben im Buch führen wie es die Träume im Alltag tun. Hier entfaltet sich die stilsichere Sprache der Autorin (»… und ich blende das Fenster, indem ich es öffne …«, aus: »Kahl«) fast noch besser als anderswo, denn das Medium des Traums ist das Gefühl. Und Sylvia Geist kann man immer dann am besten verstehen, wenn man fühlt.

 

Anm. der Redaktion: Fix Zone Informationen zur Buchpremiere am 27.02.2014 in Berlin

Sylvia Geist
Gordisches Paradies
Hanser Berlin
2014 · 112 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24501-3

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