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Kritik

Lady Lazarus

Das krankhaft in sich selbst gefangene Ich der Sylvia Plath
Hamburg

Es ist schlichtweg unmöglich eine Rezension über Sylvia Plath zu schreiben, ohne auf ihre Suizidversuche zu sprechen zu kommen. Nicht nur, weil der letzte und erfolgreiche mit dem Kopf im Backofen, die beiden Kinder schlafend im Zimmer nebenan, das spektakuläre Ende eines kurzen und aufgeriebenen Künstlerdaseins bildete – da ist sie gerade mal dreißigjährig –, auch weil die Autorin selbst immer wieder mit ihrer Todesobsession kokettiert: Dying/ Is an art, like everything else./ I do it exceptionally well und sich als lady lazarus stilisiert, die, wie die Katze, neunmal sterben kann, bevor es vorbei ist.

In diesem Jahr, 50 Jahre nach ihrem Tod 1963 sind gleich zwei ihrer Bände erstmals in deutscher Übersetzung erschienen: Der Koloss im Suhrkamp Verlag und Übers Wasser in der americana Reihe des luxbooks Verlags. Beide Bücher in einer zweisprachigen Ausgabe und übersetzt von Judith Zander.
Der letztere Band versammelt eine Reihe von Gedichten aus den Jahren 1961 und 1962. Sie stehen somit chronologisch und inhaltlich den Gedichten aus Plaths posthum veröffentlichtem Gedichtband Ariel am nächsten, der ihr verspätet den langersehnten Ruhm einbrachte.

Wie auch in Ariel erweist sich Plath in Übers Wasser als Vertreterin einer radikalen, ungeschönten Introspektion. Wie keine Autorin zuvor hatte Plath begonnen, ihr eigenes Leiden literarisch zu verwerten. Ob körperliche oder seelische Krankheiten, die eigene Promiskuität, oder der Hass auf den Vater, kein Thema ist zu intim oder peinlich, um vor dem Leser ausgebreitet zu werden. Das brachte ihr auch den Vorwurf ein, der Reiz ihrer Texte bestehe hauptsächlich aus diesem tabulosen Seelenstriptease, was ihrer Dichtung aber mitnichten gerecht wird.

Das Besondere an Sylvia Plaths Dichtung macht die Kunstfertigkeit aus, mit der die Autorin ihrem ausgestellten persönlichen Leid poetischen Mehrwert abzugewinnen vermag. In der Poetizität, der sprachlichen Ästhetik ihrer Offenbarungen und Bekenntnisse, darin liegt ihre Meisterschaft.

Eines der eindrucksvollsten Gedichte im Band ist daher In Plaster.

Wie der König im Mittelalter zwei Körper hatte, einen persönlichen, sterblichen und einen überpersönlichen, staatlichen und somit unsterblichen hat das lyrische Ich darin ebenfalls zwei Körper: den bettlägerigen leiblichen und ein Alter Ego aus weißem Gips, in dem es eingeschlossen ist. In einem geschickten Vexierspiel wird hier dir Frage erörtert welcher Körper der überlegenere ist.

I shall never get out of this! There are two of me now:
This new absolutely white person and the old y
ellow one,
And the white person is certainly the superior one.
She doesn't need food, she is one of the real saints.
At the beginning I hated her, she had no personality --
She lay in bed with me like a dead body
And I was scared, because she was shaped just the way I was

Ebenfalls lässt sich diese Alter Ego-Gipskonstruktion als poetologische Reflexion über die alte Frage nach dem Verhältnis von Künstler zu seinem Kunstwerk lesen. Wer konstituiert eigentlich wen?

Without me, she wouldn't exist, so of course she was grateful.
I gave her a soul, I blomed out of her as a rose
Blooms out of a vase of not very valuable porcelain

Dieses Verhältnis ist letztendlich immer eine lebendige Beziehung, in der beide nicht ohne einander können und die eigentlich immer eine Kippfigur bleiben muss. Ein Gleichgewicht, das Plath aber scheinbar nicht erträgt, nicht spielerisch nehmen kann. Für sie ist es ein todernstes Gerangel, bei dem einer letztendlich unterliegen, es auf ein radikales Entweder-oder hinauslaufen muss.

Somit ist In Plaster zugleich auch eine Metapher auf ein – auf Gedeih und Verderb – krankhaft in sich selbst gefangenes Ich, das bis in den konsequenten Tod hinein in Feindschaft und Konkurrenz mit sich selbst lebt.

I used to think we might make a go of it together --
After all, it was a kind of marriage, being so close.
Now I see it must be one or the other of us.
She may be a saint, and I may be ugly and hairy,
But she'll soon find out that that doesn't matter a bit.
I'm collecting my strength; one day I shall manage without her,
And she'll perish with emptiness then, and begin to miss me.

Hat man sich in das englischsprachige Original eingelesen, kann man gut nachvollziehen, warum das Wagnis der Gedicht-Übersetzungen bisher nur für den Band Ariel eingegangen wurde und auch hier erklärte z.B. Erich Fried ganze Gedichte für schlichtweg nicht ins Deutsche übertragbar.

Obwohl Plaths Ein-Satz-Verse und ihre Inhalte zumeist eher schlicht sind, obwohl gerade die deutsche Sprache ihrer außergewöhnlichen Liebe zu Komposita viel gerechter wird als die Englische, ist es schier unmöglich den besonderen Sylvia Plath Ton ins Deutsche zu übertragen. Viel zu oft sind es kleinste Nuancen, Assonanzen, Plaths untrügliches Sprachgespür für Doppel- und Mehrdeutigkeiten, die nicht ohne Verlust übersetzt werden können.

Tonight, in the infinitesimal light of the stars,
The trees and the flowers have been strewing their cool odours.
I walk among them, but none of them are noticing.

Judith Zander übersetzt:

Heute Nacht, im unendlich kleinen Licht der Sterne,
Streuten die Bäume und Blumen ihre kühlen Düfte.
Ich spaziere herum, ohne dass sie Notiz von mir nehmen.

Judith Zander bemüht sich zumeist um puristische Lösungen, um auch der Plathschen Lakonie gerecht zu werden. Manches Mal hätte  man sich aber die poetischeren Lösungen gewünscht, anstatt durch Mund und Auge für through mouth-hole or eye-hole z.B. die Mund- und Augenhöhle. Dann wiederum trifft man auf sehr schöne und geglückte sprachliche Kleinode, wie z.b. sternfern für star-distance.

Beeindruckend ist, dass es Judith Zander trotz aller Schwierigkeiten gelungen ist, einen durchweg homogenen, eigenständigen deutschen Ton für Sylvia Plath zu finden.

 

Sylvia Plath
Über das Wasser/ Crossing the water
Nachgelassene Gedichte
Übersetzung:
Judith Zander
Luxbooks
2013 · 140 Seiten · 22,80 Euro
ISBN:
978-3-939557-49-4

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