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Kritik

Die tröstende Poesie des Zweifels

Eine Auswahl von Tadeusz Dabrowskis Gedichten von 2005 bis heute
Hamburg

Tadeusz Dabrowskis Debüt in Deutschland, 2010 in der Übersetzung von Monika Rinck, Andre Rudolph und Alexander Gumz, bei Luxbooks erschienen, hat es im Jahr darauf auf die SWR Bestsellerliste geschafft. Michael Krüger hatte Dabrowski im Nachwort zu „Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund“ bescheinigt, „drauf und dran zu sein, die große Tradition der polnischen Lyrik fortzuschreiben.“ Eine Behauptung, die mehrfach von der Kritik aufgenommen und bestätigt wurde.

Jetzt ist in der Edition Lyrik Kabinett ein Band erschienen, der Dabrowskis Gedichte von 2005 bis heute beinhaltet. Übersetzt hat die neueren Gedichte Renate Schmidgall. Der Band trägt den Titel „Die Bäume spielen Wald“. Und das ist kein guter, sondern ein hervorragender Titel für diese Gedichte.

Denn der Wald mit den spielenden Bäumen umfasst alles. Den sterbenden Vater, die Penner in Berlin (denen Dabrowski ein Gedicht widmet), die fehlende Grundlage für jeglichen Rassismus.

Wir, jeder einzelne von uns, ist einer der spielenden Bäume. Und der Wald ist das, was wir aus ihm gemacht haben, die Welt in der wir leben. Eine Welt, in der die Globalisierung immer mehr Opfer fordert, in der Gewalt und Rassismus regieren, aber in der es auch kleine liebevolle Beobachtungen gibt, die beweisen, dass es trotz allem und immer wieder die Liebe gibt. Solche, die nicht weiß, wohin sie soll und die, die ihren Platz und ihre Bestimmung sehr gut kennt. So genau, dass sie kein Geheimnis mehr braucht.

Überhaupt machen Dabrowskis Gedichte deutlich, dass es diese eine, unumstößliche Wahrheit ebenso wenig gibt, wie eine festgeschriebene und über die Jahre wiedererkennbare Identität. Mit Hilfe der Poesie hat er selbst den Schluss daraus gezogen:

         Bis es wirkt

         1.
         Dichtung ist
         wenn du´s spürst

         dieses
         Etwas

         spürst du´s?

         2.

         (wenn nicht
         lies das Gedicht
         noch mal)

Wobei wir bei einer weiteren grundlegenden Eigenschaft von Dabrowskis Gedichten wären; der Ironie, der Gabe, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ein Witz, der weit vom Sarkasmus entfernt ist, sondern eher auf eine Art Demut verweist. Und im „spielen“ des Titels seinen Niederschlag gefunden hat.

In Dabrowskis Gedichten ist immer wieder viel von Unmöglichkeit die Rede. Von der Unmöglichkeit, die Seele ausfindig zu machen, sowie von der Unmöglichkeit der Lebenden die Toten zu verstehen. Überhaupt die Sterblichkeit, die fürsorgliche Abwesenheit Gottes.

         Im anderen Zimmer liegt Vater, liest vor dem Schlafen.
         Er hat mir immer gegeben, was ich brauchte.

         Im anderen Zimmer liegt Vater, liest vor dem Schlafen.
         Er hat mir immer gegeben, was ich brauchte.
         Ich glaube, ich bin gut zu ihm.

         Wir liegen in benachbarten Zimmern, Stille, man hört das Wasser
         in den Heizkörpern murmeln. Die Zeit vergeht. Was sonst
         kann ich tun, ihn endlos umarmen, immer wieder sagen:

         Ich liebe dich? Ich finde nicht. Also liege ich da und denke
         an sein altes Herz und die abnehmende Zahl
         der ihm zugedachten Schläge. So viel Liebe, und keine Ahnung

         wohin damit.

In anderen Gedichten geht es um die sonderbare Entfernung zum Tod. Wenn Dabrowski schreibt:

         „... Angeblich bringt uns jeder Tag
         dem Tod ein wenig näher. Aber in Wirklichkeit
         entfernt uns jeder Tag vom Tod.

erinnert mich das an diese Auffassung von Zukunft und Vergangenheit, die bei den alten Griechen nachzulesen ist. Sie begriffen die Vergangenheit als etwas, das vor uns liegt, während die Zukunft sich hinter unserem Rücken abspielt. Bezeichnenderweise lautet die Überschrift, für die Gedichte, die sich mit dieser Thematik befassen „Dazwischen“.

Und nach der Lektüre der Gedichte drängt sich der Schluss auf, dass die einzige Gewissheit die ist, dass es keine eindeutigen Antworten gibt, nur die tröstende Poesie des Zweifels.

Die letzten, mit „Neue Gedichte“ überschriebenen Gedichte, beschäftigen sich hauptsächlich mit der Poesie, mit dieser mysteriösen Macht, von der Dabrowski schreibt:

         Niemand hat sie gesehen. Doch ohne sie ist nichts
         gemacht,
was gemacht ist.

Was Dabrowskis Gedichte auszeichnet ist der Zweifel und die Unmöglichkeit, das Leben als solches zu begreifen. Nicht zuletzt der Zweifel an den Worten selbst:

         Den Himmel nennst du übrigens auch  nur Himmel aus Mangel
         An besseren Begriffen. Weil du selbst Himmel sein willst,

Aber dieser Zweifel an nahezu allem, führt bei Tadeusz Dabrowski weder zu Sarkasmus, noch zu Fatalismus, sondern zu einer liebevollen Beharrlichkeit. Dieser Umstand scheint mir der Schlüssel, nicht so sehr für das Verständnis von Dabrowskis Gedichten zu sein, als vielmehr für seinen Antrieb, überhaupt Gedichte zu schreiben.

Im ersten im Band abgedruckten Gedicht „Auflösung“, in dem es vordergründig um das Detail eines Aktfotos geht, das so weit vergrößert wird, bis nichts mehr „außer grauen Rechtecken“ zu sehen ist, heißt es von diesen geometrischen Gebilden, sie seien angeordnet, wie :

                 die Steine in der Klagemauer, vor der ich stehe
Tag und Nacht, um beharrlich die Fugen zu sprengen
         mit den Zetteln meiner Gedichte.

Zettel, auf denen Zeitdiagnose ebenso Platz findet, wie die vergebliche Liebe zum sterbenden Vater. Gedichte zwischen der Größe und Allgemeinheit der Welt und der winzigen Verlorenheit des Einzelnen, Gedichte, die keine Geheimnisse brauchen, um mit Zweifel und Einsamkeit einen ganzen Wald zum Spielen zu bringen.

Tadeusz Dabrowski
Die Bäume spielen Wald
übersetzt von Renate Schmidgall
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2014 · 104 · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24664-5

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