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Kritik

Vom Verschwinden

Parodie der Form
Hamburg

Es gibt in einigen sehr guten Romanen der Moderne ein erstes Kapitel, das so etwas wie die Erzählung der Erzählung beinhaltet. Der Erzähler tritt auf und streitet die Autorschaft am kommenden Text ab, indem er eine Geschichte entwirft, wie der Text zu ihm gelangt ist. Entweder hat er ihn auf einem Jahrmarkt erworben, in einem alten Koffer entdeckt oder er wurde ihm ganz einfach zugeschickt. Das beginnt bei Cervantes und endet wohl erst mit dem Ende des Romans selbst. In einigen postmodernen Romanen wird der Erzähler als Souverän wieder ins Spiel gebracht. Mühsam oder spielerisch versucht er, dem Material Herr zu werden. In Tanguy Viels Das Verschwinden des Jim Sullivan besteht das Material, dessen der Erzähler Herr werden will, aus der gesamten Tradition der Great American Novel von Faulkner bis Auster gewissermaßen. Da es sich bei einem der Protagonisten des Romans um einen Literaten und Literaturwissenschaftler handelt, der an der Uni lehrt, fällt es dem Autor auch nicht schwer, die entsprechenden Namen durch den Text tropfen zu lassen. Außerdem besteht der gesamte Text aus Anspielungen und Verweisen. Das ist zuweilen amüsant und ermüdend zugleich. Und natürlich beginnt der Literaturwissenschaftler eine Affäre mit einer Studentin, die mit ihm spielt, er trennt sich von seiner Frau, und natürlich haben wir ähnliches bei Roth gelesen, dessen Name merkwürdigerweise im ganzen Roman nicht fällt. (Oder ich habe ihn überlesen, weil er derart präsent war.)

Es handelt sich bei Viels Roman also um eine Parodie. Im Grunde fasst er auf 120 Seiten zusammen, was die vielen und auch vielen sehr dicken und auch sehr männlichen amerikanischen Romane des letzten Jahrhunderts verbindet. Es wird upgedatet, wie man bei einem Computer sagen würde. Das hört sich dann zuweilen so an:

Und so kommt es, das in meinem Roman – denn ich wollte das Ereignis unbedingt erwähnen, schon wegen des zeitlichen Zusammenhangs – Dwayne Koser im Krankenhauszimmer in Northville auf dem an der Wand hängenden TV-Bildschirm sieht, wie eine Boeing 747 in einen Turm des World Trade Center fliegt, und ebenso wie Millionen von Amerikanern in der selben Sekunde etwas sagt wie: „Oh my god!“ um es gleich zu wiederholen, „Oh my god!“, mindestens vier fünf mal, denn ihrer aller, aller Amerikaner Gehirne, schienen an diesem Tag auszurasten, für lange, jedenfalls stark genug, dass Ärzte in Northville die Dosis von Prozac, Adepend, und Alprazolam spürbar erhöhten, so erklärte der Chefarzt es Susan – nicht Milly, nein, sondern Susan, die sich erinnerte, dass sie die Mutter von Dwaynes Kindern war und ihn besuchen kam, denn mit Milly war man ja schwer zerstritten.

Dieser Satz, der so etwas wie die Mitte des Buches bildet und einen Schlüsselsatz darstellt, ist wahrscheinlich der längste des Buches. Er beschreibt wie der Vietnamkrieg, der Kennedy Mord und dergleichen prägende Ereignisse wie der Anschlag auf das WTC aus dem Bewusstsein, wenn schon nicht verdrängt, so doch auf eine hintere Position verschoben werden. Vielleicht sieht Viel und mit ihm der Leser hier auch den Grund und die Möglichkeit zur Parodie der Form. Mir selbst fällt es  etwas schwer, weil ich vor dem Zynismus, der doch in den Formulierungen steckt, zurückschrecke.

Zu erwähnen wäre noch eine Art Rahmenhandlung. Ein Rockmusiker verschwindet spurlos in der Wüste, sein Auto wird leer aufgefunden, und jener Jim Sullivan, der dem Roman auch den Titel gibt, holt Dwayne Koser am Ende ab, um auch ihm den Weg ins Nichts der Wüste zu offenbaren.

Hinrich Schmidt-Henkel indes hat den Roman in ein gut lesbares Deutsch gebracht, eine Sprache, die der Versuchsanordnung des Textes entspricht.

Tanguy Viel
Das Verschwinden des Jim Sullivan
Ein amerikanischer Roman
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Wagenbach
2014 · 128 · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-8031-3264-2

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