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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Renshi

Hamburg

Tanikawa Shuntaro ist ein sehr bekannter Name, nicht wahr?
Ähm, der Lyriker?
Ja, ja.
Kutti MC?
Ah, da schnackelt es, der weltbekannte Schweizer Mundart-Rapper, klar.

Die beiden reichten sich Eimer zu, über Berg und Meer, da der Arme Länge nicht reichte, mittels eines Übersetzers, nein zweier: vom deutschen ins Japanische übersetzte Niimoto Fuminari, vom Japanischen ins Deutsche Eduard Klopfenstein, beides hochgelahrte Professoren. In den hin- und herwandernden Eimern lagen Gedichte, das Ganze nennt sich Kettengedicht oder Renshi, eine Schreibform mit langer Tradition auf eigenwilligen pazifischen Inseln.

Hinter Kutti MC verbirgt sich Jürg Halter, von dem einige Lyrik-Bücher bei Amann erschienen sind, Baujahr 1980, Bern, der gern performt und viele Künste mag, er spielt für Neugierige auch die YouTuba. Und hinter Tanikawa Shuntaro verbürge sich eine echte Bildungslücke, so sie ihn tatsächlich nicht kennten, Scherz beiseite, natürlich kennen wir ihn, 1931 in Tokyo geboren, er ‚gilt als der bekannteste japanische Dichter der Gegenwart‘, die Bio im Buch sagt schlicht ‚er hat jede bedeutende Auszeichnung in Japan gewonnen‘, dazu kommt der American Book Award und Potz-Blitz, sogar der Pekinger Zhong Kun International Poetry Award. Überdies ein sehr freundlicher, lustiger Herr mit schöner Schrift, denn die Bonner Buchhandlung Böttger war eine der Stationen auf der beiden Welttournee durch Deutschland, in der sie das Buch, das im Secession-Verlag erschienen ist, signierten, vorstellten und vorlasen und ich lauschte dem ungewohnten Wechselspiel von Japanisch und bärndütschem Akzent.

Es ist ein exquisites Buch, das schon japanischer Handschrift bedarf, um es weiter zu verschönen, die Seiten sind nicht aufgeschnitten und so schimmern Schwarz-Weiß-Fotographien der beiden Autoren durch und färben die Gedichte, die Münchner Agentur Kochan hat sich das edle weiße Design, das Frontispiz und das heimliche Quer-Format ausgedacht, die Texte sind in Deutsch und Japanisch enthalten.

Die Idee eines Renshi ist, wie vermutet, der eine schreibt was, der andere antwortet. Klassischer Vorläufer ist das Renga, wo ein bitteres Regelwerk lauert und sich die Teilnehmer wie Schachspieler gegenübersitzen, aber das ‚shi‘ in Renshi steht für ‚in modernem Stil‘, also ein eigentlich freies poetisches Gemeinschaftswerk. Hier war Fernschach angesagt, obwohl die beiden sich persönlich kannten, und es waren Regeln vereinbart: fünf Zeilen, Reaktion nur auf den unmittelbaren Vorgänger, das ganze zog sich über vier Jahre.

Tanikawa ist ein Meister, noch dazu ein frecher, junggebliebener, das ergibt sich schon nach wenigen Texten von ihm, der Druck in diesem Versuch lag auf Jürg Halter, dem so viel Jüngeren, der sich noch dazu auf den japanischen, ruhigen und leicht verschmitzten Ton einlässt – ein mutiges Unterfangen, kein Wunder, dass er gleich am Anfang, im dritten Text loslegt:

Aus dem brabbelnden Abfluß zog ich den Stöpsel,
                       lange würde es mich nicht mehr halten
                       in der hohlen Hand des großen Meisters
Die souveräne Replik und Weiterführung von Shuntaro liest sich so:
„Lackschale – ein Schiffchen             Essstäbchen – das Ruder“
                       als Däumling paddle ich gleich mal hinaus auf die Gosse
                       vorübergleitende Mondsplitter erloschene Planeten Trabanten
                       weggeschmissene Mickey Mouse und ein Mao-Porträt
                       was stellt sich wohl unterwegs noch alles in die Quere? da bin ich gespannt!

Diese Spannung will ich nicht nehmen. Es sind sechsunddreißig Miniaturen, jede tanzt ihren eigenen Pas de deux mit  seinem Vorgänger und dem Nachfolger, jeder führt in diesem Tanz, ein Wechselspiel zweier recht unterschiedlicher Charaktere. Schade, dass das Verfahren auf der deutschen Insel nicht gepflegt wird.

Das Buch kostet ausstattungsbedingt etwas an Geld (29 €). Ich bin ziemlich happy, eins mit beider Signaturen zu haben.

Tanikawa Shuntaro · Jürg Halter
Sprechendes Wasser
Deutsch und Japanisch
Übersetzung:
Niimoto Fuminari und Eduard Klopfenstein
Nachwort: Okuda Osamu
Secession
2012 · 62 Seiten · 29,80 Euro
ISBN:
978-3-905951-15-8

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