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Kritik

Es kommt auf die Details an

Teju Cole schreibt ein Buch zwischen fiktivem Bericht und Reportage über die Stadt Lagos in seiner Heimat Nigeria.
Hamburg

Lagos ist die größte Stadt Nigerias und kultureller Mittelpunkt des Landes. Lagos ist jedoch auch ein Moloch, der von Korruption, Gewalt und gegensätzlichen Ideologien beherrscht wird. Ob auf dem Konsulat in New York oder bei der Ankunft auf dem Flughafen von Lagos: „Geld, das je nach Kontext in größeren oder kleineren Beiträgen fließt, ist ein soziales Schmiermittel“, es „sorgt dafür, daß etwas erledigt wird“. Zollbeamte und Polizisten nehmen ebenso selbstverständlich wie willkürlich Bestechungsgelder ein und beweisen dabei enormen Einfallsreichtum, so lassen sie etwa Verkehrsschilder verschwinden, bloß um unkundige Autofahrer eines Verstoßes überführen zu können. Die Wirtschaft treibt seltsame Blüten, sie erreicht mitnichten alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen: wo Cyber Cafés aus dem Boden schießen, werden Emails mit sogenanntem Vorkassebetrug verschickt, und arbeitslose Jugendliche aus den Randvierteln, sogenannte Area Boys, erpressen Lieferwagenfahrer und scheuen dabei keine Drohung. Lagos ist an westlichen Maßstäben gemessen sicherlich keine Stadt, in der man gerne leben möchte, trotzdem überlegt der Erzähler, als er nach fünfzehn Jahren in seine Heimat zurückkehrt, immer wieder, ob er nicht doch bleiben soll. Denn in Lagos gibt es auch die durchbrechende Kraft der Hoffnung und des Widerstands, die atemberaubend bunten, exotischen Eindrücke.

Einer der herausragendsten amerikanischen Schriftsteller der jüngeren Generation wuchs  in Nigeria auf: Teju Cole. In dem vielbeachteten Roman „Open City“ (2011) hat er die cityscape New Yorks wie ein Archäologe der Gegenwart durchstreift und einen literarischen Meilenstein vorgelegt. Der Nachfolger nun, im Original „Every Day Is For the Thief“, erschien in einer abweichenden Version bereits 2007 in Nigeria, der (angenehm lesbaren, leider jedoch oftmals unnötig freien) Übersetzung liegt jedoch die Neuausgabe von 2014 zugrunde. „Jeder Tag gehört dem Dieb“ ist nicht so komplex wie „Open City“, steht dem Vorgänger an Kunstfertigkeit aber in nichts nach. Wie soll man Coles Bücher einordnen? Sie bewegen sich irgendwo zwischen Episodenroman, erzähltem Essay und Reportage, und in dieser Unbestimmtheit und Offenheit liegt ihr eigentümlicher Reiz, der manchen Kritiker an W.G. Sebalds englische Wanderungen gemahnte, auch wenn die literarischen Brechungen bei Cole ungleich stärker sind.

Lagos. Stromausfälle sind die Regel, die nächtlichen Generatoren verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm, der Lesen und Schreiben unmöglich macht, die Rufe der Muezzins ertönen, die Hitze lastet, die morgendliche Trägheit weicht dem nachmittäglichen Streß, die Angst vor Überfällen, Entführungen, Morden, Erpressungen ist allgegenwärtig. Der Erzähler läßt sich durch die Stadt treiben, trifft Verwandte und alte Freunde, führt Gespräche oder beobachtet nur, denn er weiß, das Leben ist „eine Summe von Geschichten“, und an denen sind die Leute, die ihm begegnen, durchaus reich: „Wunderbar, denke ich. Hier ist das Leben, in all seinen stinkenden Details.“ Deren Gestank ist allerdings oft wirklich nur schwer erträglich, denn es existiert eine „Diskrepanz zwischen dem Überfluß an Geschichten und dem Mangel an kreativen Refugien“, so wie es auch eine Diskrepanz zwischen den Erinnerungen und der aktuellen Wirklichkeit gibt, an der sich sie messen müssen — und dabei zu erschreckender Nüchternheit schrumpfen.

Lethargie führt zu Aggression, die wiederum eine seltsame Gefühllosigkeit erzeugt — ein Junge beispielsweise, den man beim Diebstahl einer Handtasche erwischt, wird bei lebendigem Leibe verbrannt, doch ringsum geht der Alltag in beunruhigender Normalität weiter, als sei nichts geschehen. So wie die Gegenwart verdrängt wird, so auch die Vergangenheit. Cole erinnert daran, daß die Kriege unter den Stämmen der Yoruba den Sklavenhandel befördert und ihm erst zu einem Aufschwung verholfen haben. Die besiegten Volksgruppen wurden an die Küste gebracht und auf Auktionen versteigert, ja, einige Stammeskriege eigens „mit dem ausdrücklichen Ziel geführt, die Händler mit Sklaven zu versorgen“.

Am Ende attestiert Cole Nigeria einen „Realitätsverlust“. Jegliche Form von Kritik gilt als unpatriotisch, deshalb ist die unrühmliche Geschichte des Landes nie aufgearbeitet worden, werden die Kunstschätze im Museum nur dürftig präsentiert, sind die Dichter nahezu unsichtbar, es sei denn, ein mutiger Kleinverlag setzt sich für sie ein. Der Aberglaube magischer Praktiken wurde nicht überall überwunden, und wo doch, haben entweder die Christen sich ein militantes Auftreten zugelegt, das finanziellen Erfolg predigt, oder hat sich, wie im ärmeren Norden, der Islam radikalisiert. Wie schwer es ist, diese Strukturen zu durchbrechen, zeigt sich im Gespräch mit dem Schüler eines der angesehensten Internate des Landes, das vom Querdenker Tai Solarin begründet wurde; ohne Umschweife erklärt er zum Beispiel dem Erzähler: „Ein Humanist ist jemand, der nicht an Gott glaubt. So haben wir es in der Schule gelernt.“

Doch es gibt auch jene Erlebnisse und Begegnungen, die ganz anders verlaufen: eine Frau in einem Danfo, die ein Buch von Michael Ondaatje liest, eine teure Rarität, oder das Konservatorium mit angeschlossenem Konzertsaal. Coles Ich-Erzähler läßt keinen Zweifel daran, daß er die zivilisatorischen Errungenschaften des Westens zu schätzen weiß, denen er freilich nicht unkritisch gegenübersteht. Die Schwierigkeit des Landes besteht zumeist in der Identitätsfindung in einer globalisierten Welt. „Die Menschen eines Landes brauchen etwas, was ihnen gehört, worauf sie stolz sein können, und sie brauchen Förderer, die solche Kulturinstitutionen unterstützen.“ Erst wenn die Einzigartigkeit der eigenen Kultur ins Bewußtsein rückt, kann sie souverän ihren Platz in der universalen Kultur einnehmen. Das sind Worte, die dort wie überall gelten. Wo die Wirtschaft versagt, sind es nämlich andere Kräfte, die etwas aufbauen: „Sie sind da, die Kreativen, trotz allem. Und wir brauchen sie, denn sie sind Hoffnungsträger, und Hoffnung ist es, was diese Stadt braucht, so wie jeder Ort auf unserer begrenzten Erde.“

Doch ist das Buch keine Abrechnung mit dem Heimatland, keine Suada über die Desillusionierung von Kindheitserinnerungen. Vielmehr besticht es durch einfühlsame, sehr ehrliche und ungekünstelte Beschreibungen. Gerade der subjektive Blickwinkel erkennt in all der niederschmetternden Schwärze noch die bunte Zuversicht. Häufig, viel zu häufig liegt zwar die Lösung eines Problems in der Redewendung „idea l’a need“, was so viel bedeutet wie: man braucht nichts als eine prinzipielle Idee, „es gibt keinen Grund, sich in Details zu verlieren“, Cole indes zeigt, daß es sehr wohl auf die Einzelheiten ankommt. Daß sich die Erfahrungen seines namenlosen Ich-Erzählers zumindest teilweise aus seinen eigenen biographischen Erfahrungen und Recherchen speisen, ist anzunehmen, doch nie genau auszumachen; so klaffen urplötzlich Abgründe und Verwerfungen auf, und wenn am Ende des Buches eine Szene voller bezaubernder, poetischer Imagination steht, möchte man auch als Leser wünschen, die finstere Stadt sei nur eine Chimäre, selbst wenn man sich des Gegenteils bewußt ist.

Teju Cole
Jeder Tag gehört dem Dieb
Übersetzt von Christine Richter-Nilsson
Hanser Berlin
2015 · 176 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24772-7

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