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Kritik

Risse im offenen Gewebe

Hamburg

Der Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2013 geht an den aus Nigeria stammenden amerikanischen Autor Teju Cole für seinen Roman Open City (Suhrkamp 2012) sowie an Christine Richter‐Nilsson für die deutsche Erstübersetzung. Wir gratulieren! 

In ihrem Nachruf auf die slowenische Dichterin Maruša Krese schrieb Andrea Stifter: „Maruša, Du warst so politisch, dass ich Angst davor hatte, mit Dir über Politik zu reden (weil ich dachte, ich verstünde nichts. Dabei ist das nur eine Ausrede. Jeder versteht).  Du hast es zuwege gebracht, diese zwei Dinge zu vereinen, die sich für mich ausschließen: Menschlichkeit und eben Politik.“

Genau dieses zutiefst humanistische Politikverständnis begegnete mir in dem Roman „Open City“ von Teju Cole, einem essayistischen Spaziergang durch die Schichten einer Stadt und ihrer Geschichte, aber auch durch die Schichten der Menschen und ihrer Geschichten.

Julius erholt sich von seiner Psychiatrie Ausbildung, indem er durch die Straßen New Yorks wandert, Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungen gehen fließend ineinander über. „Open City“ ist gesättigt mit Geschichte und Geschichten, Littleton, der Einsturz der Zwillingstürme, die afrikanischen Völkermorde, der zweite Weltkrieg in Europa, die Unterdrückung der Schwarzen in den Vereinigten Staaten. Ebenso wie die sehr persönlichen Geschichten, wie die Geschichte eines Flüchtlings aus Afrika, der nach zwei Jahren Haft abgeschoben werden soll. „Open City“ ist ein Spaziergang durch ein Leben voller offener Wunden.

Die Welt, in der Julius lebt, und von der er erzählt, setzt sich in ihm, „ohne dass mir das bewusst gewesen wäre, auf merkwürdige Weise fort.“ Identität, das was wir ein „Selbst“ nennen, setzt sich aus unendlichen vielen Puzzleteilen zusammen, aus vielen kleinen Geschichten, die Bestandteil der großen Geschichte sind.

Einmal nur verlässt Julius für seine Betrachtungen New York, vorgeblich um in Brüssel nach seiner Großmutter zu suchen. Ein Plan, der schnell in den Hintergrund rückt. Stattdessen macht Julius in einem Telefonshop die Bekanntschaft mit Farouq. Über seine Arbeit in diesem Telefon und Internetshop, in den Menschen der unterschiedlichsten Herkunft kommen, sagt Farouq: „Das ist wie ein Testlauf für meine Ideale: Menschen können zusammenleben und gleichzeitig an ihren Werten festhalten.“ Ihm geht es um die Anerkennung, einen wertschätzenden Umgang mit der Differenz. „Ich glaube wirklich daran, dass Menschen die Fähigkeit haben, friedlich zusammenzuleben, und ich möchte herausfinden, wie das funktionieren kann.“ Zu diesem Thema hat er eine Magisterarbeit eingereicht, die aber abgelehnt wurde. Wie Farouq glaubt, aufgrund des Zeitpunktes, denn kurz zuvor war das Attentat auf die Twin Towers verübt worden. Ein wenig scheint es, als würde Teju Cole diese zum Scheitern verurteilte Arbeit mit seinem Roman weiterschreiben. Er versucht das andere und den anderen ernst zu nehmen, seine Andersartigkeit zu verstehen, bevor er sie bewertet. Unterschiedliche Positionen werden geklärt, gegeneinander abgewogen, ohne dass das Gespräch abreißt. Den unterschiedlichen Denkrichtungen liegen Theorien zugrunde, ohne dass das Kapitel theoretisch oder langatmig wird. „Der Punkt von „Theorie“ für mich ist gerade, dass sie als Theorie etwas bewirkt in der wirklichen Welt“, sagte Cole im Interview mit Ekkehard Knörer in der Zeitschrift Merkur.

Der Erzähler ist jemand, der fragt, zuhört und empfänglich ist für die Geschichte, die sich in den Geschichten derer, denen er zuhört, ablagert, die er vorsichtig verknüpft mit seiner eigenen Geschichte und daraus das Netz knüpft, aus dem dieser Roman gesponnen ist.

Das Netz selbst bekommt gegen Ende des Buches einen Riss, wenn der Leser erfährt, dass Julius nicht nur selbst Opfer eines Überfalls geworden ist, sondern von der Schwester seines ehemaligen Schulfreundes beschuldigt wird, sie vor Jahren sexuell missbraucht zu haben. Mit keinem Wort geht Julius auf die Anschuldigung ein. Seine Integrität als Person ist angekratzt. Plötzlich steht alles in Frage, weil dieser Mann, der den Leser durch das Buch und seine Gedanken geführt hat, offenbar nicht nur eine traurige, sondern eine zusätzlich schuldvolle Vergangenheit hat.

An manchen Stellen merkt man dem Roman an, dass Teju Cole, der 1975 in Michigan als Kind nigerianischer Eltern geboren wurde, Kunstgeschichte studiert hat. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel Open City, sei „eine philosophische Meditation, keine funkelnde Erzählmaschine.“

Eine Meditation, die die Risse und Wunden und die damit verbunden Traurigkeit einer offenen Stadt, mit offenen Augen und Sinnen betrachtet, und in diesem Sinne lebendig, politisch und weit mehr als ein Spiegelbild ist: „Am Leben zu sein, so schien es mir jetzt, als ich da stand und mir alle möglichen Sorgen machte, hieß Original und Spiegelung in einem zu sein; tot zu sein bedeutete, abgespalten zu sein, ein bloßes Spiegelbild.“

Teju Cole
Open City
Übersetzung:
Christine Richter-Nilsson
Suhrkamp
2012 · 333 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42331-8

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