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Kritik

Wieso Rosen ohne wieso?

Hamburg

Eidgenössische Literaturpreise 2012 geht an Thilo Krause für «Und das ist alles genug» Leipzig, Poetenladen Verlag, 2012

Einfache Worte, rhythmisch bewegt, vergegenwärtigen in kurzen Aperçus und längeren Zyklen Atmosphären und Zwischentöne aus dem häuslichen und familiären Alltag, aus städtischen und ländlichen Räumen, aus der belebten und unbelebten Natur. Scharf gefasste, leuchtkräftige Details aus der Gegenwart und Vergangenheit der sächsischen Herkunftsregion des Autors eröffnen länder- und epochenübergreifende Perspektiven. Dieser Debütband überzeugt durch die Variationsbreite der Motive und Formen ebenso wie als wohlkomponiertes Ganzes.
(Quelle: Webseite Eidgenössische Literaturpreise 2012) Anm. der Redaktion.

 

Thilo Krauses im Verlag des Poetenladens erschienenes Debut Und das ist alles genug präsentiert vom Titel an eine gewisse Janusköpfigkeit, deren Spuren sich durch den gesamten Band verfolgen lassen. Da spricht sich einerseits eine gewisse Genügsamkeit expressis verbis aus, aber das Und suggeriert einen Satzanschluss, der etwas Weiteres im Raum schweben lässt und über das, was genügt, hinausweist – zumindest auf einen Horizont von Erwartung und Erfüllung. Es gibt widerstrebige Tendenzen zu lesen.

Der Klappentext des Bandes ruft auf, was die Gedichte selbst schnell zu bestätigen scheinen: Diesen Gedichte lägen häufig „Alltagsbeobachtungen zugrunde“. Ich hoffe, recht verstanden zu werden, wenn ich sage, dass mich solche Formulierung misstrauisch machen. Welcher Lyriker geht nicht von Alltagsbeobachtungen aus, aber welcher bleibt schon bei ihnen? Nicht nur, dass man an einem einzigen Alltagstag wohl viele hunderte Seiten vollbeobachten könnte und die Reduktion und Komposition eines Gedichtbandes eine ganz andere Angelegenheit ist; nicht nur, dass meines Wissens nur Autoren einen Alltag haben – aber lyrische Ichs? (Hoffentlich nicht.) Genau das ist es, was den Alltag überschießt und ihn in dem Moment auslöscht, wo er in die Spannkraft und unter die Vorzeichen des Verses gezogen wird.

Gewiss wird bei Thilo Krause genau beobachtet und, mehr noch, der Akt des Beobachtens inszeniert. Die Drehbewegung des Betrachters in seiner Statik (es werden im Band bezeichnenderweise mehrmals Patiencen gelegt), sein Scharfstellen und sein schrittweises Mikroskopieren: „Der Regen an den Scheiben wie er abperlt. / Die Tropfen wie sie abperlen. / Kleine Schuppen Licht, die der Wind poliert.“ Das technische Vokabular des Scharfstellens und Mikroskopierens scheint hier im doppelten Sinne am Platz. Thilo Krause, der 1977 in Dresden geboren und bereits mit mehreren Auszeichnungen geehrt wurde, arbeitet an der renommierten Zürcher ETH und forscht zu intelligenten Energienetzen: Auch das eine Besonderheit unter heutigen Lyrikern, nicht nur die erwähnte Genügsamkeit und der nüchterne, immanente Blick. Die Naturwissenschaft hat allerdings einen eher subkutanen Auftritt in diesem Band, sie schiebt sich nie in den Fordergrund, wenn sie wohl auch stets als Disposition zugegen ist.

Am besten in Szene gesetzt ist dieser Zusammenhang wohl in dem fünften Abschnitt des Zyklus Nachrichten von Daheim, der den Band eröffnet. Das lyrische Ich, auf der Kante des Einschlafens, blickt an die Decke und in das „Nachtlicht von den Bäumen / in Scherben gebrochen“. Der Blick verdichtet sich in die Imagination eines Käfers, dessen Aufbau immer genauer beschrieben wird; der Sprung vom Beobachten zum Imaginieren läuft über das schöne Wort „flimmern“, das bereits bei E.T.A. Hoffmann als Marker für die ununterscheidbaren Moiré-Effekte zwischen Realität und Fiktion fungiert (etwas in dem wunderbaren Nussknacker und Mausekönig, in dem an einschlägiger Stelle zudem die Bücher ins Spiel kommen und es heißt: „Spielen konnte Marie gar nicht recht wegen des wunden Arms, und wollte sie lesen oder in den Bilderbüchern blättern, so flimmerte es ihr seltsam vor den Augen, und sie musste davon ablassen.“). Der Käfer breitet die Flügel, breitet sie über die Augen des Ich, und das Gedicht schließt: „während ich sinke und sinke / weiß ich, aus diesem Stoff ist der Schlaf.“ Dass in diesem Protokoll zur Selbsttätigkeit der Augen die Imagination mit dem Schlaf ineins gesetzt wird, das weißt auf einen Wissenschaftler, etwas altmodisch könnte man vielleicht sagen: auf einen Aristoteliker, für den die Interpretation von Welt nicht das Primat über die Welt beanspruchen kann. Dass allerdings bei weitem nicht alle Gedichte eine solche einladende Spann- und Tragweite in ihrer reduzierten, konzentrierten Machart und Bildwelt präsentieren, kann nicht verschwiegen werden.

Die Differenz aber zum Alltag beginnt im Band damit, dass ausnehmend viel von Erinnerungen die Rede ist, Erinnerungen an eine vorwiegend ländliche Kindheit, an Großeltern, an Räume und Landstriche – und hier ist es auch, dass die Spannung, die an dem obigen Ausschnitt aus Nachrichten von Daheim abzulesen war, zu vermissen ist. Die wiederkehrenden Figuren und Momente der Erinnerungen lassen die Gedichte zwar sehr zart werden, schließen den Leser aber auch fortschreitend aus, da sich neben den Wegmarken des Gedächtnisses keine weitere, auszufaltende sinnliche Welt erschließt.

Wenn sich im Fortgang des Bandes die Gedichte aus der Erinnerung lösen, entstehen gelungene Vignetten und Ansichten, die eine angenehme Unschärfe umgibt: „In der Wand war die Nacht / eine eingelassenes Kistchen Schwarz / mit den matten Perlen der Laternen darin.“ heißt es in Fenster. In den Gedichten des Zyklus Nicht im Amselgetön schließlich geraten erinnerte/blühende und gegenwärtige/verblühte Landschaft in eine Kollision, die durchaus spektakuläre Einzelbilder zu Tage fördert – und mit einer Rückeroberungsbewegung der Natur gipfelt, in der auch die Titelwörter des Bandes fallen: „Was will ich singen hier? Der Farn / legt sich mir um die Beine / öffnet sich, schließt sich / rauschend, warm / und das ist alles / genug.“ Das es dennoch noch Raum für Empathie in dieser Beobachtungshaltung gibt, zeigt sich etwa in realistischen Schilderungen, wenn „die Schwalben sich die Köpfe wund schlagen / an den Scheiben des Supermarkts.“

Bei allem genauen Blick bleibt es doch eine etwas mürbe, zum mindesten introvertierte Angelegenheit, da der Leser aus dem Realismus vor allem der (Kindheits-)Erinnerung ausgeschlossen, ausgesperrt bleibt. Nun braucht man nicht auf jenen zauberhaften Satz Alberto Giacomettis zu verfallen, dass Realismus Quatsch sei – den Satz mag man als Wahrheit unterschreiben, trotzdem kommt man Krauses Gedichten damit nicht bei, weil die Welt hier eben unter lyrischen Vorzeichen präsentiert wird, unter der Linie eines Horizontes.

„Was will ich singen hier? Der Farn / legt sich mir um die Beine“: entgegen dem ersten Blick scheint hier kein bukolisches Äquivalenzdenken zu herrschen, in dem ein arkadisches Kontinuum von meinen Lippen zur Wimper des Zeus verläuft. Die Verhältnisse sind doch klarer und schärfer konturiert, als das ein Arkadier je behaupten würde. Das Gedicht Klage des Ehrlichen formuliert in diesem Zusammenhang geradezu einen Anti-Chandos; wo jener hofmannsthal’schen Figur in einem (pardon) Orgasmus sprachgewaltiger Sprachkritik die Worte „im Munde zerfallen wie modrige Pilze“, klagt Krauses Ehrlicher: „Alle Rede gerinnt mir zu Dingen. / Im Umkreis der Worte, die ich aufs Letzte verstehe / habe ich jeden Weg beschritten“. Gewiss ist das ein Rollengedicht: aber die Sprache, die es führt, ist die Sprache der Verkündigung.

Der ganz oben erwähnte Horizont nun nimmt sich wie eine christlich überwölbte Blütenlese östlicher Philosophie aus. Darin bildet sich ein Fluchtpunkt für die genaue, detaillierte Hinwendung an die Gegebenheiten des Diesseits, für jenen zärtlichen Blick, der auf eine übergreifende Bedeutung hinarbeiten will. Was sich im Inhalt der Gedichte latent zum Ausdruck bringt, wird in ihrer Form (d.h. überhaupt: dem Gedicht) sowie in den sparsam, aber einschlägig platzierten Motti mancher Texte und des ganzen Bandes deutlich. Freilich ist es schwer zu sagen, ob es an der Eigendynamik der Bilder liegt oder an der Gestaltungsabsicht des Autors, dass sich immer wieder blitzartig eine verteufelt christliche Hoffnung über dem Raum ausbreitet, wenn etwa im Gedicht Wieder zu leuchten Blüte, Tod, Beerdigung und Auferstehung einer Blume beschrieben werden, ihre Samen „dunkle Sonnen mit der Kraft / aus dem Vergessen wieder zu leuchten.“

Drum zu den Motti; sonst läuft man zudem Gefahr, schlichtweg „süßlich“ zu sagen. Da sind einerseits die kühlen asiatischen Theoretiker des genauen, stillen Blicks – ein Satz des Du Fu schwebt über dem ganzen Band: „Folgt mein Blick den Krabbeltieren / wie jedes nur nach seinem Schlupfloch strebt.“ Eng und in diesem Sinne berühren sich auch Sätze von Shi Tao, Eugenio Montale und Tomas Tranströmer. Andrerseits aber stehen dort Caspar David Friedrich, der Verbrecher des Tetschener Altares, und eben, als letztes Motto Angelus Silesius und sein wohl berühmtestes Gedicht Ohne warumb: „Die Ros' ist ohn warumb | sie blühet weil sie blühet | / Sie achtt nicht jhrer selbst | fragt nicht ob man sie sihet.“ Ich glaube, dass es wenige Perioden der Literaturgeschichte gab, in der Dichter tatsächlich von Pflanzen sprachen wenn sie von Pflanzen sprachen: unsere Zeit und die von Monsignore Scheffler aka Silesius gehören sicherlich nicht dazu, zumal wenn es um Rosen geht. Dieser Vers aus dem Cherubinischen Wandersmann (I.289) hat einen nicht zu unterschätzenden Programmwert; ansonsten hätte man ja auch Gertrude Steins Sacred Emily zitieren können. Nicht nur steht Ohne warumb in einem Abschnitt des Wandersmannes, der sich mit Schönheit und Gelassenheit, also mit Ansichten und Beobachterinstanzen beschäftigt. Die Rose steht hier in genau jenem latent christologischen Bildmyzel, das in den genannten Gedichten aus Beobachtungsgabe, Auferstehungshoffnung und Zufriedenheit anklingt. So lautet das vorgehende Sinngedicht I.288: „Jhr Menschen lernet doch vonn Wisenblümelein | / Wie jhr könt Gott gefalln | und gleichwol schöne seyn.“ Und so geht es bei Silesius, 1624 geboren und protestantisch getauft, 1653 zum Katholizismus konvertiert (eine politischere Zeit für diesen Akt kann man sich kaum denken), munter weiter: III.84: „Die Rosen seh ich gern: denn sie sind weiß und roth | / Und voller Dornen | wie mein Blutt-Bräutgam mein GOtt.“ III.87: „Dein Hertz empfähet GOtt mit alle seinem Gutt | / Wann es sich gegen jhm wie eine Ros' aufthut.“ III.90: „Blüh auf gefrorner Christ | der Mäy ist für der Thür: / Du bleibest ewig Todt | blühstu nicht jetzt und hier.“ Undsoweiterundsofort.

Silesius gibt uns eine steile These, zumal im Kampfformat des Epigramms. Ich für meinen Teil könnte diese Pille nicht schlucken – aber es geht seit Menschengedenken das Gerücht, dass sie ausgesprochen wohltuend sei (also gerade umgekehrt wie jenes Buch in Offenbarung 10,10), dass dann eben alles genug ist. Es ist ebender Blickwinkel, unter dem Du Fus Krabbeltiere, die nach ihrem Schlupfloch streben, kongruent werden mit einer menschlichen Perspektive. Da ist sicherlich Gelassenheit und Ruhe, wenn sich dieser Blick eingeübt hat. Aber auch die Sehne des Bogens sirrt, Odyssee XXI,411, lieblich und hell wie die Stimme der Schwalbe.

Thilo Krause · Ralph Lindner (Hg.) · Jayne-Ann Igel (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Und das ist alles genug
poetenladen
2012 · 88 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-940691392

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