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Kritik

Der Zauberer im Licht des Alltags

Thilo Krauses zweiter Gedichtband entwickelt eine Poetik der Unmittelbarkeit, in der die Einzelheiten zu ihrem Recht kommen.
Hamburg

Clemens Brentano Förderpreis 2016 für Thilo Krause // 13.03.2016

Alle Gedichte stammen aus der Erfahrung des Denkens, doch in längst nicht allen spürt man die Dringlichkeit des Alltags, der alltäglichen Beobachtung derart stark wie in Thilo Krauses neuem Band „Um die Dinge ganz zu lassen“. Nicht das Besondere nimmt Gestalt an im Gedicht, vielmehr verleiht das Gedicht jenem gewöhnlichen Augenblick eine Bedeutung, die ihn für einen so kurzen und flüchtigen wie ewigkeitsschweren Gedichtmoment zur Weltmitte erklärt. In den „Fragmenten eines Tagesbuchs“ von Paul La Cour steht der bedenkenswerte Satz: „Nichts ist mir zur Zeit wichtiger als die Trennung zwischen dem Gedicht, betrachtet als ein Komplex aus literarischen Konventionen, und der Poesie.“ Es scheint beinahe ein Wagnis, das Leben nicht durch eine Reihe von Brechungen und Camouflagen zu transformieren, sondern der gelebten Erfahrung eine unmittelbare Form zu geben, doch Thilo Krause geht es erfolgreich ein.

Über Kinder, zumal die eigenen, zu schreiben, ist immer heikel, verbirgt sich darin doch ein nicht unerhebliches Kitsch-Potential. Krause jedoch meidet sämtliche Gefahren und Falltüren souverän, indem er sich gleich im Eröffnungsgedicht auf die Stufe des Kindes stellt und unumwunden erklärt: „Ich lerne / die Dinge / von Anfang an.“ Damit ist gewissermaßen das Feld für die weiteren Gedichte abgesteckt. Krause bewegt sich auf gleicher Höhe mit den Dingen und Personen, die er beschreibt, nimmt deren Perspektive ein und zeigt dabei eine Empathie, die einen freundlichen, mitfühlenden Blick auf alles wirft. Der Dichter lernt beim Sehen, und dem Gesehenen wiederum wird durch die Worte eine Aura verliehen, die es zu etwas Besonderem macht. Blick und Ding stehen geradezu in einer innigen Liebesbeziehung. Und mit dem Sehenden zugleich lernt auch der Lesende zu sehen, das heißt: aufmerksam zu werden, das Einfache ernst zu nehmen. Dichtung beginnt nicht in den Destillerien des Kopfes, Dichtung beginnt direkt über der Oberfläche der Dinge.

Ja, Thilo Krause geht es zunächst um die Dinge selbst, dann erst um die Dichtung; die Dinge werden nicht mißbräuchlich als Quellen für die Poesie angezapft. Die nächste Umgebung, die familiären Beziehungen reichen ihm, es braucht nicht die klingenden, mondänen Namen, um einen unendlichen Raum zu öffnen, um Weite ins Gedicht zu lassen. Ein von Ameisen zerlegter Falter verwandelt sich in Platons reine Idee, die Katze läßt einen „in den Brunnenschacht der einen Pupille“ sinken. In jedem Gedicht ist Bewegung, ein dauerndes Heran- und wieder Wegzoomen, paradoxerweise aber nicht, um Unruhe zu verursachen, sondern vielmehr eine Ausgeglichenheit zu finden. „Ich rolle mich ein, spüre die Züge / den späten Verkehr. Agglo / summt und summt, während der Wind bläst / durch die Flötenlöcher der Sterne.“ Die Bewegung des Körpers hat ihren Kontrapunkt in den Dingen; in einem meditativen Zustand, einer Annäherung an die embryonale Haltung kann sich die Welt ringsum entfalten, Agglo, die schweizerische ‚Vorstadt’, ohne Artikel als wär sie ein Tier, ein Lebewesen, summt und erhält darin plötzlich eine Dauerhaftigkeit.

Das Gedicht kann überall seinen Ort finden, immer den richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Am Lattenzaun, unter den Brücken, im Schwimmbad: „Das ist mein Traum: / Mit der Binde des Kindergeschreis über den Augen / sehe ich nichts und erkenne alles.“ Es sind Begegnungen, die den Gegenstand belassen. Da wird kein Urteil gefällt, nur die Wirkung auf den Sehenden beschrieben: Aus dem Unscheinbaren eine Schönheit, die stets von hauchzarter Melancholie begleitet wird, die wiederum aus der Zerbrechlichkeit der Dinge herrührt. Ein vertrockneter Käfer auf dem Fensterbrett, ein Becher in der Auslage eines fliegenden Händlers, Brombeeren, der Winter in „Flocken mit Abständen groß wie zwischen den Wörtern“ — sie alle sind die Protagonisten in dem großen Welttheater der kleinen Dinge.

Müßte man so etwas wie ‚Vorbilder’ oder ‚Anregungen’ oder ‚Wahlverwandtschaften’ benennen, kommt einem einerseits der klare, kühle Realismus vieler amerikanischer Gedichte mit ihrer Präferenz für das Sichtbare in den Sinn, andererseits die chinesische Dichtung beispielsweise eines Basho, auf den hier immer wieder explizit rekurriert wird. Mit einer entfernten Anspielung auf den Titel eines Gedichtbands von Maria M. Benet könnte man Thilo Krause sogar als einen Kartographen der Anwesenheiten bezeichnen. Allerdings begibt er sich nicht auf eine erklärte Suche nach dem, was er aufzeichnen möchte, sondern schöpft direkt aus seiner Haltung dem Leben gegenüber. Deshalb vielleicht sind seine Gedichte direkt und aufrichtig, und dies mit einer hohen Kunstfertigkeit, die das Einfache delikat zu ziselieren versteht. Sie zu lesen wird zum Staunen darüber, welches poetische Potential in der nächsten Nähe steckt.

Thilo Krause
Um die Dinge ganz zu lassen
poetenladen
2015 · 96 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-62-0

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