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Kritik

Schleudersitz in den Himmel

Hamburg

Im Niemandswo

Da war kein Haus, war keine Grenze
nur weite Landschaft ohne Horizont
in der vergebens Anhaltspunkte suchte
wer sich in dieses Namenlos verirrte.

Dies könnte ein Gedicht zur aktuellen Flüchtlingssituation sein. Es steht im ersten der acht Kapitel des neuesten Buchs von Thomas Böhme, das Texte aus 10 Jahren vereint, entstanden 2006-2015. Da dieser Titel eine Hälfte des Buchtitels ausmacht, bin ich geneigt, es als Schlüsselgedicht zu lesen. Vier Zeilen, die in eine Landschaft einführen, die weit ist und in der kein Haus, keine Grenze, keine Orientierung zu finden ist, die ein „Namenlos“ bleibt und das Potential bereithält, sich in ihr zu verirren. Das Wort Landschaft ist konkret. Diese ist allerdings nicht näher beschrieben, sondern wird unserer Phantasie überantwortet und ist bestimmt keine Ödnis oder Wüstenei. In drei weiteren Strophen variiert der Lyriker die eingeführte Szenerie, die ein Verlieren nachzeichnet, an dem dieses (w)er der letzten Strophe irre wird:

Der nicht einmal den Horizont erahnte
an namenloser Landschaft irre wurde
vergebens Haus und Grenze suchte
im Niemandswo und ohne Anhaltspunkt.

Ich fühle mich hier an Mozartvariationen erinnert, die vordergründig einfach und verspielt am Rand, nein, bereits über abgründige Untiefen „tänzeln“. Dieses Gedicht ist im Kapitel mit dem Titel „Jedes Kind braucht einen Wald“ zu lesen und lässt deshalb sogleich an ein Kindheitsszenario denken: Das Neugeborene, das seine noch unbeschriebene Lebenslandschaft vorfindet, sich beim Heranwachsen seinen eigenen Weg suchen, seine persönlichen Abdrücke hinterlassen und trotz allem, was gelingen mag, letztendlich scheitern wird müssen. Da Thomas Böhme seine Kindheit in den 50-er, 60-er Jahren in der DDR verbrachte, ist es naheliegend, das Gedicht politisch zu lesen: Das Ausgesetztsein nach dem Wegfall deutsch-deutscher Grenzen, der Wegfall ehemaliger Orientierungsmarken, die unverrückbar schienen, die jähe Weite einer neuen, noch unbeschriebenen Freiheitslandschaft, die das Potential hat, irre zu machen und in nuce das Scheitern in sich trägt.

Doch wir begleiten den Lyriker nicht unmittelbar als Augenzeugen, sondern wohnen einem Rückblick bei, erleben mit seinen Augen die Suche nach dem Gewesenen, nach Ein- und Abdrücken, die er zu (be)greifen versucht, in Verse fasst und zu Gedichten webt, um sich ihrer zu vergewissern vielleicht. Wir erfahren von imaginierten physischen Hinterlassenschaften, wenn er etwa, wie im siebenten Kapitel mit dem Titel „Unsere Schuhsohlen hinterließen Abdrücke“, wirkliche oder erdachte Reisen verdichtet. In erster Linie aber sind es Abdrücke aus und mit Worten, die der Lyriker, geboren 1955, ersinnt, sammelt und prägt. Diese Gedichte sind nicht nur Fazit aus 10 Jahren lyrischen Schaffens, sondern „Erinnerungslappen“ eines Lebens, eine Bilanz dessen, was sich in Thomas Böhmes Niemandswo eingeschrieben hat und trotzdem in einer noch namenlosen Schwebe schwer zu fassen ist. Denn wie war es wirklich, was erinnert man wahr, was falsch, was hat sich gleichsam wie von selbst zusammenfabuliert? Der Lyriker präsentiert seine „Fragmente eines Erinnerungsimplantats“, ist sich dabei immer bewusst, „der Erinnerung geht der Sauerstoff aus“ und auch „Die Erinnerung ist so löchrig“.

Die ersten zwei Kapitel sind Kindheitszuschreibungen. „Glücklose Objekte in entfärbter Landschaft“ sehen wir, eine Bezeichnung sowohl für Baumgruppen und rostige Eisenbäume am Ende der Welt, als auch für fehlende menschliche Beziehungen. Die Landschaft wirkt unwirtlich, vieles ist trist, Geländespiele finden zwischen Schutthalden, verrottenden Werksgeländen und Gräben mit Faulschlamm statt. Hier gibt es „Zwielichttage in zweiundzwanzig Abstufungen von Grau“, an denen „verbockte Nebel“ Blinde Kuh spielen. Laternen sind fahl, Äste spreizen sich schwarz und kahl.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Jedes Kind muss durch den Brunnenschacht“ lesen wir Momentaufnahmen aus einer Nachkriegskindheit, die typisch für die 50-er, 60-er Jahre ist und auch anderswo in Europa genau so hätte stattfinden können: Nachmittage im Hof, der Angst einflößende Hausmeister, eine Mutter mit Petticoat und Lockenwicklern, die die Kinder sich selbst überlässt und später „Krautsuppe / mit Fettaugen & schwammigem Fleisch“ kredenzt. Da wird eine Schaukel zum Schleudersitz in den Himmel, gibt es blutende oder schorfige Knie, Langeweile und kleine Glücksmomente:

Im Hof lockt die Teppichstange.
Kopfunter hängend ist die Welt doch am schönsten.

aber auch gewaltige Irritationen, die vom Kind (noch) nicht eingeordnet werden können, u.a. durch politische Geschehnisse, etwa wenn eine Nachbarsfamilie in den Westen türmt. „Wie passte das alles zusammen?“, fragt denn auch ein Gedicht treffend. Dagegen setzt das Kind die Welt der Phantasie, etwa beim Indianerspiel, das durchaus grausam sein kann. Böhme zitiert Kinderlieder, entwendet und mischt das Figurenarsenal von Märchen, lässt Jakob und Wilhelm (Grimm) sich in ihren Geschichten verlaufen. Zahlreiche mythologische Anspielungen und manch religiöser Verweis sind eingestreut, die das gesamte Buch durchziehen. Besondere Bedeutung weist Böhme der Tierwelt zu. Einige dieser Tiere haben menschliche Eigenschaften, andere sind surreale Phantasie- oder Traumwesen. So erschafft er einen Wolf der ein Federkleid trägt, einen Flamingo, der auf einem Kopf sitzt, imaginiert magische Falter, die sich über das Zwischenstadium der Fledermaus in einen Vogel verwandeln, oder schreibt Vögeln zu, dass sie das Morsealphabet kennen. Gar manches bleibt dabei so wundervoll wie rätselhaft.

Im vierten Kapitel „Öffnung der Almanache“ thematisiert Böhme u.a. Verirrungen des 20. Jahrhunderts. Mehrere Gedichte greifen den ersten und zweiten Weltkrieg auf. Auch das beschränkte Leben in und der Mief der DDR sind hier immer wieder Thema, bis hin zu atmosphärischen Details, etwa den Sprelacarttischen. Daneben gibt es Erinnerungstexte, manche davon gewidmet, die sich mit KollegInnen auseinandersetzen, etwa Wolfgang Hilbig, Adolf Endler oder Else Lasker-Schüler. In „Desperado“ lässt der Lyriker ein Patti-Smith-Konzert, das er 2013 hörte, Revue passieren und vergleicht es mit einem 30 Jahre zuvor erlebten. Es ist nicht zuletzt ein Poem über das Altern, über Bewahren und Verlust, wiederkehrende Themen, die Böhme beschäftigen. „Innehalten“ heißt ein Gedicht über im Konjunktiv verbrachte Jahre, die sich nicht mehr rückgängig machen ließen, und all „die verpassten und verspaßten Gelegenheiten“. Nicht nur in den Schuhen nistet nun die Müdigkeit. Manches klingt gar wie ein Trostspruch:

... Auch das Altern, mal rein statistisch betrachtet
ist nicht so schlimm, wie sie immer behaupten.
Wenn dich Idioten mit Lichthupe überholen
geh vom Gas runter, schieb das Rad!

In „Ich & mein Tod“ heißt es:

Jede Nacht gehe ich mit meinem Tod ins Bett.
Seine Knochen sind anschmiegsam und wie oft
ist ihm kalt; immer will er sich an mir wärmen.

Der personifizierte Tod wird hier zu einem Lebenspartner, der unausgesetzt jammert, an Schlaflosigkeit leidet und abends Schäfchen zählt, der im Traum grunzt, nachts ins Bett macht, weshalb das „ich“ duldsam Decken und Laken wechseln muss, der morgens nicht aus den Federn will und sich nicht die Zähne putzt. Hier ist der Tod kein Schrecken, den man ausklammert, sondern der alltägliche, fehlerbehaftete Begleiter im Leben, den man ironisieren und so vielleicht ertragen kann, auch wenn er, wir wissen es alle, am Schluss das letzte Wort haben wird. Das Gedicht sprüht vor Witz und ist alles andere als traurig oder depressogen. In anderen Beiträgen des Buchs hingegen bleibt der Grundton melancholisch, wird manchmal von leiser Ironie gebrochen. Lautmalerische Adjektive wie „morsch“ oder „mürbe“ gehören zu den Lieblingsworten des Dichters, mit denen er Atmosphären kreiert: Eis hat morsche Konsistenz, Tempelstätten sind morsch, auch das Gras, Laub klebt morsch an Bäumen, die Zukunft (des Dichters?) hat morsche Zähne. Mürbe sind Schrunden oder Mauern. Immer wieder fällt ein Funken Leichtigkeit dazwischen, etwa wenn es heißt:

Der Sommeranfang nahm uns die Schwere
die Gottes Schöpfung als Plagwerk mißdeutet.

Drei weitere Motive halte ich für heraushebenswert:

Da ist des Lyrikers Lust an der Verwendung alter Wörter, die er einflechtet, vielleicht auch, um Abdrücke der Vergangenheit dem Niemandswo des Vergessens zu entreißen und sie mit der horizontlosen Weite eines heutigen Niemandswos zu verbinden. Beispielhaft seien genannt: Provinzkokotte, Störschneider, sintemalen, bucklicht, fürbaß, Schindanger, Lichtbildner und Magnesiumblitz.

Da ist das Motiv der Sanduhr, das u.a. 1983 schon Teil des Titels des ersten Lyrikbandes von Thomas Böhme war („Mit der Sanduhr am Gürtel“), nun ergänzt durch den Küchenwecker oder Teile von Uhren, z.B. einem Zifferblatt, das „ins lockere Gras“ fällt, während die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint.

Und da sind die Motive des Flügels, des Flatterns und des Flugs: Flügelhaube und -schuhe von Merkur (Hermes), dem Pfiffikus der Lüste; Vogelflügel; geflügelte Engel und solche, die ihre Flügel verlieren; auch Worte haben hier Flügel, manche jedoch entlegen sich ihrer, hängen diese an den Nagel und werden nutzlos. Und selten wachsen im Gedicht sogar der Zukunft Flügel.

Thomas Böhme
Abdruck im Niemandswo
poetenladen
2016 · 160 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-75-0

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