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Kritik

Böhm - oder wie er die Welt sieht

Die Erzählung startet unvermittelt in einer alltäglichen Situation: Ein junger Drehbuchstudent, Alex Böhm, steht bei glühender Hitze an einer Tankstelle bei Potsdam und wartet auf seine Mitfahrgelegenheit, die ihn nach München bringen soll. Von dort aus will er am nächsten Morgen mit seiner Freundin Johanna nach Portugal fliegen. Alex entscheidet sich jedoch ganz anders: Er steigt in den Wagen eines alten Schulkameraden ein - womit eine Reise in seine eigene Vergangenheit beginnt, gedanklich, wie auch topografisch.
"Paradiso" ist ein Roman voller Rasanz - ein literarisches Roadmovie, das von Potsdam aus in die nördliche Oberpfalz führt, und nach etwa vierundzwanzig Stunden bereits sein Ende findet: vierundzwanzig denkbar turbulente Stunden jedoch, in denen ein Ereignis das nächste jagt.

Die besondere Faszination gewinnt der Roman durch seinen Ich-Erzähler, der Hauptfigur Alex Böhm, einen schamlosen Blender im Hier und Jetzt. Der Leser ist von Beginn an gezwungen, das Geschehen aus Alex' Sicht zu verfolgen: Wie es ihn in fast jeder Situation dazu drängt, Geschichten zu erfinden, teils völlig neue Identitäten anzunehmen - um sich kurz darauf in infantile Schuldabweisungen zu flüchten. Etwa wenn er per Anhalter bei Patrizia, einer Studentin aus Hildesheim, mitreisend sich als Ludek Stepanke vorstellt, der angeblich gerade seinen ersten Spielfilm dreht. Über geschicktes Lavieren schafft er es tatsächlich, Patrizia für sich zu gewinnen. Nachdem sie ihn in seinen Heimatort gebracht hat, begleitet sie ihn noch in eine Cocktailbar; dort aber flüchtet Böhm klammheimlich durch ein Fenster in der Toilettenkabine.

Dabei ist Böhm sein schamloses Verhalten völlig bewusst: "So läuft das immer. Wenn ich mit einem Mädchen zu tun habe, das auch nur halbwegs in Ordnung aussieht und mich küssen will, tue ich es. Da kann ich nichts gegen machen, genauso wenig wie gegen die Globalisierung oder dagegen, dass der Mond sich um die Erde dreht. Irgendwann rastet ein Mechanismus ein, ich sage lauter Dinge, die ich überhaupt nicht so meine, und wenn ich mich erst einmal um Kopf und Kragen geredet habe, gibt es kein Zurück". Aber es gibt stets ein Schlupfloch, durch das Böhm es schafft, sich zu winden - und sei es ein Toilettenfenster.

Da der Erzähler um seinen notorischen Zwang zum Fabulieren weiß, bemüht er sich immerfort um Authentizitätsphrasen: Ständig wird dem Leser beteuert, dass es "wirklich" so gewesen sei oder es gibt ein lakonisches "keine Ahnung, wieso", als Motiv für sein Handeln. Der Leser wird in Böhms Lügen- und Gedankenstrom hineingesogen und gewinnt so den Eindruck, Zeuge eines Verhörs zu sein. So ist es auch nicht überraschend, dass Alex Böhm bekennt, großer Fan von Raskolnikow zu sein, dem Protagonisten aus Fjodor M. Dostojewskis "Schuld und Sühne". Böhm erfährt sein Leben als einen ständigen Prozess, bei dem er zwangsläufig mehr und mehr Schuld auf sich lädt: "Ich warte ja andauernd auf irgendeine Form der Bestrafung, und wenn es jetzt und hier passiert, ist es nur gut".
Die erlösende Strafe bleibt jedoch aus. Immer wieder beteuert der Erzähler, sein Verhalten grundlegend ändern zu wollen, ein neuer Mensch zu werden, aber eine ernsthafte Wandlung mag bei ihm einfach nicht eintreten.

Und so will es Böhm mit seiner schamlosen, infantilen Art nach und nach gelingen, Sympathien zu erhaschen: Das ist die heimliche Strategie der Erzählung, denn nachdem man ab einem gewissen Punkt unweigerlich mit Alex und seinen Lügenkonstrukten mitfiebert, muss man mit ansehen, wie alles aus dem Ruder läuft. Alex kehrt in sein Heimatdorf zurück, wo gerade eine ausgelassene Party am Baggersee "Paradiso" begonnen hat. Hier trifft er auf die Dämonen seiner Vergangenheit, die der Leser mittlerweile aus diversen Rückblenden kennt. Und in der drogengeschwängerten, rauschhaften Atmosphäre verliert Alex endgültig die Kontrolle.

Thomas Klupp (Jahrgang 1977) ist mit seinem Debüt-Roman ein rasantes Stück Literatur gelungen, ein präzis konstruierter Sog, der genau um den Punkt weiß, an dem er den Leser mit sich hinabreißen kann. Sein Protagonist Alex Böhm fasziniert und stößt zugleich ab - eine schillernde Figur, der man sich schwer zu entziehen vermag.

Dennoch fehlt es dem Werk an Reflexion. Die Parallelen zu Christian Krachts "Faserland" sind überdeutlich - ein Bemühen um Originalität, eine bewusste Abgrenzung gibt es jedoch vor allem in der Ausblendung alles Politischen. Mit Böhms beschränktem Blick kreist der Roman stets um seine Hauptfigur - und bleibt damit unweigerlich in dessen unpolitischem Popkosmos gefangen. Das ist schade, denn die Reflexion kritischer Themen hätte dem Werk durchaus einen besonderen Reiz verliehen. So bleibt "Paradiso" ein bitter-böser Roman, dessen Zynismus es leider an gesellschaftlicher Sprengkraft fehlt.

Thomas Klupp
Paradiso
Berlin
2009 · 208 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-827008435
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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