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Kritik

Die heitere Resignation ist kein Strandkorb

Herbst 2009: Während im Stadtmuseum Dresden die Hose des Arztes, Literaten und Ex-Panzerkommandanten Uwe Tellkamp als „ungewöhnliches Zeitdokument“ dargeboten wird, erscheint in einem kleinen Leipziger Verlag der schmale Erzählband „Strandkörbe ohne Venedig“ des Bibliotheksassistenten und Dichters Thomas Kunst. Dort steht auf der vorvorletzen Seite: „Die armselige Literatur in Deutschland war nie weg. War immer da. All die Türmer und Türme des Bürgertums. Aber ich werde den Abstand zwischen euch und mir mit jedem neuen Buch größer machen. Und das hier war erst der Anfang.“

Es handelt sich nicht um einen Schlüsselroman, der irgendein Komplott aushebeln will. Eigene Züge und fremdes Wesen sind in eine Figur geschmolzen. Die Lage erkennen, nicht einzelne Anklagen vorzutragen, ist das Anliegen dieser mystischen Reise zwischen Rom und dem friesischen Levenhaug, dem Innen und dem Außen. Die Zuspitzung der Handlung drängt schließlich die Einsicht auf, das wir auf allen Wegen immer wieder uns selbst begegnen werden.

Der Wein, das Meer und die Liebe: Im Roman wie in den Gedichten beherrschen Dionysos, Poseidon und Aphrodite die dichterische Welt von Thomas Kunst. Apollo führt bei ihm nicht nur die Musen an, mit Genuss schindet er den Marsyas. Die Frauen sind, wie die fünfzig Töchter des Nereus, eine anders als die Andere, aber alle sind sie Kinder des gleichen feuchten Elements. Das Begehren hat sie aus vorgefundenen Schemen geformt.

„Die größte Chance, in Deutschland auf immer ein erfolgloser Dichter zu sein, hatte man, wenn man seinem eigenen Land mit haargenauen und einzigartigen Gedichten begegnete. Aber ohne Gott war das wirklich nicht zu schaffen, einzigartig zu sein und auf Dauer auch noch von allen Anerkennungsseuchen verschont zu bleiben.“ Infektionen durch Anerkennungsseuchen sind bei Kunst schnell abgeklungen. Das Villa Massimo Stipendium 2003 war ihm ein Beobachtungs-Stipendium: Durch den glasklaren Objektträger seiner Sprache mikroskopiert er die dynamischste Form der Verkommenheit daselbst, die Charakterlosigkeits-Struktur der Maler-Stipendiaten: „...daß hinter all den Künstlerbestrebungen seiner Zeit eine Philosophie der Absicherung steckte, in dem das privat Vernachlässigte dem sozial Ambitionierten ständig unterlegen war, Treue, Sturheit und Kontinuität hatten sich ...als wahrnehmungsuntauglich erwiesen, die Kunst ohne Fallnetz, ohne wirtschaftliche und ideologische Kalkulation war unter erkennungswidrigen Vorzeichen auf der Strecke geblieben, ...“ Die Rede ist auch von „kaum sichtbaren Vorgängen der Unterdrückung“ denen „als Wahrnehmungsverweigerung eine politische Dimension“ zukommt. Wenn gute Literatur keine Wirkung mehr entfalten kann, nicht beim Leser ankommt, sondern in den Rechen der Kritiker und Kulturfunktionäre hängen bleibt, dann ist „Strandkörbe ohne Venedig“ eine Publikumsbeschimpfung. Der unbefangene Leser wird gefesselt sein von der heiteren Resignation, an der das Heitere vorherrscht. Darum wohl wurde auch der Untertitel der Vorankündigung „Eine Romanresignation“ im Buch weggelassen.

Während sieben Jahren ist dieser unangestrengt wirkende Text herangereift. Für zwei Jahre kam die Arbeit völlig zum Erliegen. 50 Ablehnung hat dem Autor das Manuskript eingebracht. In der Form eines Gesamtkunstwerkes gelangt es nun an seine Leser. Den Einband ziert eine Fotografie von Matthias Hoch, dem zufälligen Leipziger Mit-Stipendiaten in Rom. Eine beiliegende Platte mit dem Soundtrack zum Buch spielte der Autor mit Fabian Schütze ein.

Thomas Kunst
Strandkörbe ohne Venedig
Plöttner
2009 · 144 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-938442722

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