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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Verstehen

Hamburg

Thomas Schestag ist Professor für German Studies an der Brown University in Providence. Manchmal beneide ich amerikanische Städte um ihre eindringlichen Namen. Vielleicht entspricht es ja der Vorsehung, dass ich ihn aus dem Kosmos des Verlages Urs Engeler kenne, wie die Dichterin Rosemarie Waldrop, die auch in Providence wohnt und ebenfalls deutsche Wurzeln hat. Vielleicht sensibilisiert diese Stadt an der amerikanischen Ostküste auf eine ganz besondere Weise für Sprache. Man mag nur an Waldrops Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas denken. Aber Rosemarie Waldrop ist Praktikerin und Schestag Theoretiker, wenn man so will, wenn man das immer so auseinanderhalten kann.

Wir hocken auf den Trümmern des Turmes von Babel und tun uns schwer mit dem Verstehen. Mit dem Verstehen fremder Sprachen, aber auch mit der eigenen, denn als Verstehen verstehen wir landläufig die Übersetzung von etwas Komplexen in eine möglichst einfache Formel, die dann schon einmal englisch sein kann.

Aber wenn ein Text uns dazu bringt, einen Satz ein zweites Mal zu lesen, weil die unmittelbare Übersetzung misslang, legen wir ihn zuweilen als zu kompliziert zur Seite. Dabei liegt die Komplexität eines Satzes doch in der Komplexität seines Gegenstandes begründet, den er konstruiert, auf den er sich bezieht. Wenn wir ihn zur Seite legen, verzichten wir auf ein ganzes Universum. Ich betone: Ich schreibe hier als Laie, der die Erfahrung gemacht hat, dass in der Nachkonstruktion von Sätzen ein nicht zu unterschätzender Genuss liegt und nicht in deren Übersetzung aus einer Komplexität heraus in eine Einfachheit hinein, nicht in ihrer Verflachung.

Ich hätte Schestags Buch nicht lesen müssen, um den Rest meines Lebens zu bestreiten, aber dieser Rest wäre ohne diese Lektüre doch ungleich ärmer. Und das trifft auf einige Lektüren zu, nicht nur auf die theoretischer Texte.

Schestags Buch Lesen – Sprechen – Schreiben (Kritzeln) versammelt drei Essays die zu verschiedenen Anlässen entstanden sind, Auftragsarbeiten, deren Anstoß von außen kam. Wie Schestag in seinem Vorwort betont,  findet der Leser auch drei theoretische Texte vollkommen verschiedener Intensität.

Während ich bei der Lektüre den Eindruck hatte, dass dem dritten Text „Diese Hand [...]“ Walter Benjamin kritzelt  sein Thema, Walter Benjamins Tätigkeit als Proband in Drogenversuchen, auf eine gewisse Art äußerlich bleibt, werde ich in den zweiten Essay, Pausen. Baudelaire und Po, der Baudelaire als Übersetzer Poes vorstellt, geradezu hineingezogen.

Der erste Essay Betschemen widmet sich einem Gedicht Paul Celans. Es stammt aus der Sammlung Lichtzwang. Sicher, ich könnte diesem Gedicht auch ohne Schestags Essay begegnen, bin es auch, allerdings scheint es dabei keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

Dieses gehört zu jenen Gebilden, die gern als hermetisch bezeichnet werden. Als hermetisch verschlossen muss es auch demjenigen erscheinen, der sich dem Text ohne, oder mit relativ wenig Vorwissen aussetzt und der sich dann dem Lernen am Text verweigert.

Diese Verweigerungshaltung ist ein gutes Recht des Lesers. Manchmal ist es auch nicht anders zu machen, als den Text eine Weile zur Seite zu legen, weil einem für den Moment die Mittel fehlen, sich das Ding zu erschließen.

Manche Texte liegen fortan abseits bis St. Nimmerlein. Manchen aber wird Hilfe zuteil, zum Beispiel in Form eines Essays wie diesem von Schestag, der einen kurz in die religiösen Hintergründe des Textes einführt, auf Konnotationen verweist, eine Lesart anbietet und es sich selbst dabei nicht leicht macht, somit auch nicht zum leicht lesbaren Text wird. Das ist dem Ausgangstext durchaus angemessen, denn auch er ist nicht leicht. Man kommt sicher nicht umhin, auch in Schestags Essay Passagen mehrmals zu lesen, bis einem eine Ahnung aufscheint. Und dieses Aufscheinen ist Belohnung genug, für die Anstrengung die ihm voranging.

Der zweite Essay im Buch ist schlichtweg der Hammer, wenn ich das mal so formulieren darf. Pausen beschäftigt sich mit Fragen der Übersetzung und im Konkreten mit Fragen der Übersetzung Poes ins Französische durch Baudelaire. Es geht also nicht um die Pause im Plural, sondern um das Pausen, also Vervielfältigen, Durchdrücken eines Textes als Tätigkeit. Nun spreche und verstehe ich kein Französisch. Schestag aber versteht es, mir die Sprache  zu beschreiben, dass ich einen Moment lang das Gefühl hatte, sie verstehen zu können. Das kommt fast an das Ideal heran, das die geschätzte Kollegin Elke Erb vom Übersetzen verbreitet, nämlich dass man durch Übersetzung den Leser in die Lage versetzt, das Original zu lesen. Darüber hinaus stellt der Essay einen weithin berühmten Autor in einer Tätigkeit vor, in der ich ihn als Deutscher nicht kenne, in der ich ihm ohne Schestag wohl auch niemals begegnet wäre.

Der dritte Essay, wie ich schon sagte, fällt in seiner Intensität ein wenig ab, was nach dem Baudelaire-Poe Text wohl gar nicht anders geht, aber auch er enthält eine Passage, die mir außerordentlich erscheint. Ausgehend von der Nähe der Worte Kritzeln und Kitzeln, Benjamin wird unter dem Einfluss von Meskalin hypersensibel, setzt Schestag zu einem Referat der Bestimmung des Tastsinnes bei Aristoteles und Augustinus an, wie ich es mir instruktiver und prägnanter nicht vorstellen kann. Und allein für diese kurze Passage hätte sich die Lektüre des ganzen Buches gelohnt.

Thomas Schestag
Lesen Sprechen Schreiben (Kritzeln)
Matthes & Seitz
120 Seiten · 12,80 Euro
ISBN:
978-3-88221-114-6

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