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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Reise als Symbolraum

Hamburg

„Immer noch glaube ich heimlich, dass alles was ich sage (alles was irgendjemand sagt?) gelogen ist; immer noch glaube ich heimlich, dass alles, was ich schreibe (alles, was irgendjemand geschrieben hat?) wahr ist.“ Mit diesem Credo im Rucksack unternimmt Thomas Stangl in neunzehn unterschiedlich langen Texten eine fulminante Reise durch Städte und Landschaften, durch Gedächtnisspuren und Zustände. Dabei geht es in seinen Essays, Reden, Reiseberichten und Bildanalysen nie nur um das eindeutig Sichtbare, sondern immer auch um Subtexte in Köpfen und Gefühlen, um das, was Stangl „Gespenster“ nennt. Gleichzeitig handeln die Texte von seinem Schreibprozess, davon wie Schreiben und Literatur Leben und Bewusstsein bestimmen können.

Reisen als Suche nach sich selbst. In den beiden längsten Texten der Sammlung zeichnet der Autor die Wege von Antonin Artaud und Bernward Vesper nach. Artaud, der Erfinder des Theaters der Grausamkeit, lebte eine Zeit lang bei den Tarahumara-Indianern in Mexiko. Durch deren Riten und Rhythmen, durch ihr Verhältnis zum Tod und nicht zuletzt durch die halluzinogene Peyotl-Wurzel versuchte er Abstand von seiner europäischen Herkunft zu bekommen und sich dem wahren, dem revolutionären Mexiko anzunähern. Mit dem Chihuahua-al-Pacífico begibt sich Stangl auf Artauds Spuren, liest dessen Texte neu und beschreibt, was das Land in ihm selbst bewirkt. „Ich sitze im Zug und denke daran, dass ich mich im Reich der Zeichen befinde, eine Sprache wäre zu entdecken oder zu erfinden, eine Sprache, vermittels derer ich mich in diesem Gebirge (und wirklich darin) bewegte“. An anderer Stelle, in einem Text, den er Tagebuchfiktion nennt, sagt er, er habe seinen Fotoapparat und sein Notizbuch immer griffbereit: „du bist nur dazu da, sie zu beschützen. Sie leben an deiner Stelle (du hast keine Kontrolle über sie, weißt nicht, was sich in den Bildern und Sätzen verbirgt, was daraus hervorgehen kann).


"Tote und Kinder eines anderen Jahrtausends"  Quelle: www.thomasstangl.com

Diese Erfahrung macht auch Bernward Vesper, über dessen Biografie Stangl in dem bemerkenswerten Essay „Weiterschreiben“ berichtet. Am Beispiel von Vespers berühmten Buches „Die Reise“ analysiert Stangl den Zusammenhang von Schreiben und Selbstwahrnehmung. Denn Vesper, der als Sohn des Nazidichters Will Vesper im nationalsozialistischen Wertesystem aufgewachsen ist, will sich durch Schreiben von seiner Vergangenheit befreien. Seine „Reise“ führt nicht in die Ferne, sondern in Erinnerungsräume, mit und ohne LSD. Obwohl er versucht, sich durch ideologische Feindbilder und Sympathie für die Rote Armee Fraktion (immerhin war er Lebensgefährte von Gudrun Ensslin) neu zu erfinden, scheitert er, weil er merkt „’je länger wir schreiben, desto mehr entfernen wir uns’ von der Realität und dem Versuch die Realität zu begreifen.“ Die „Gespenster“ lassen ihn nicht los.

Und „Gespenster“, also das, was sich unter der Oberfläche eines Menschen, eines Textes verbirgt, was sie fragil, verletzlich und gleichzeitig groß macht, ist für Stangl existenziell. Im Zusammenhang mit Vesper zitiert er Jacques Derrida, der schreibt, die totale ökonomische Freiheit bringe eine „gespenstige Welt ohne Gespenster“ hervor. Dieses Zitat verwendet Stangl in seiner Rede zum Erich-Fried-Preis noch einmal und fragt sich, was eine Demokratie bedeute, die sich in Verwaltung und Sparsamkeit auflöse: „ohne Versprechen, ohne den gespenstischen, emphatischen Bezug auf eine Vergangenheit oder eine Zukunft, auf etwas ganz anderes, Besonderes.“

Das Besondere liegt für Stangl im Schreiben. Dadurch kann er sich einerseits in der Welt verorten und ebenso versuchen „ins Weite zu kommen, in der Sprache die Weite zu suchen.“ Sehen und erfinden, beides ist möglich. Wie auf einer Wendeltreppe will er immer tiefer (oder höher) in die Sprache hineinsteigen, Muster erfinden und „immer neue Parenthesen und Muster im Innern der Muster entdecken.“ Dies schreibt er in seiner Rede zum manuskripte-Preis und folgerichtig findet Stangl in unterschiedlichen, auch ganz alltäglichen Bereichen Stoff fürs „Weiterschreiben“, für etwas, das ihn „fremd anschaut“.

Im Museu Nacional de Arte Antiga in Lissabon betrachtet er ein Bild von Hieronymus Bosch, er besucht Pop-Konzerte, hört Musik mit Gedanken an seinen sterbenden Vater oder wandert in Untermieming durch nebelverhangenes Hinterland in Tirol.

Manche Texte möchte man gleich zweimal lesen. Den Bericht beispielsweise über alte Frauen, die in einem Pflegeheim ihre letzten Monate –sprich Wochen oder Tage - verbringen. Stangl beschreibt Hilflosigkeit und Hinfälligkeit der Bewohnerinnen in einer Erzählhaltung, die von Respekt vor deren langem Leben bestimmt ist. „Frau Zeleny übte sich ein ins Sterben, als ginge es dabei nur um die vollendete Ausführung einer Geste“. Selbst in diesem Zwischenbereich von Leben und Tod glaubt er an das Schreiben: “Ich vertraue darauf, dass mir in jeder Situation Sätze zu Hilfe kommen und alles zu Literatur werden kann.“

Thomas Stangl
Reisen und Gespenster
Droschl
2012 · 240 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-854207917

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