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Kritik

Johann Wolfgang von Rockatansky?

Longlist Deutscher Buchpreis 2016
Hamburg

Am Beginn: so etwas wie das Johannes-Evangelium. Gott – Wort – Sinn, schön, schön.

Doch die Menschheit hat sich bei Thomas von Steinaecker selbst oder wenigstens das Licht ausgeknipst, memoriert nun „Glücksmomente deluxe” wie frische Milch in adretter Verpackung. Und all das, was ins Dasein leuchtet, leuchtet „aus der Voruntergangszeit ins Gedächtnis.” Es ist also etwas spät für die titelgebende Verteidung des Paradieses. Das Paradise lost wäre allenfalls wieder zu erlangen.

Aber wie? Durch Archäologie, so ist die Resteverwertung, die geschildert, aber auch vom Autor betrieben wird – „Altwörter”, zum Beispiel „Tenebrae”, was da ganz gut paßt –, ein Ziel: um sich erzählend sich neu zu erfinden … und zwar nicht alles, was es gab, doch die hehren Werte und Ziele. Entgegen Grausamkeit und Abstumpfung („Lösegeldforderungen, gähn, Folterungen”) sowie eine Konsumkultur, in deren Ruinen man haust, Mad Max, Brave New World, außerdem wörtlich Moby Dick, man müsse sich ja erzählen:

„Und jedes Mal, wenn ich eigentlich dachte, das war’s, fiel mir noch ein weiterer Satz ein.”
„Weiter. Weiterschreiben. Nicht mit dem Schreiben aufhören. Es schreiben hören. Wie es kratzt. Weiter. Wie es sich kringelt. Weiter. Auf dem Papier.”

Therapie, Utopie, … alles gegen die „XXL-Katastrophe”, die nicht das letzte Wort haben möge. 150% verwirrt, 115% erleichtert, 110% optimistisch, mit den Prozenten wird schon mal jongliert. Kultur möge entstehen, Johann Wolfgang von Rockatansky sozusagen. Wozu aber? – „Niemand wird lesen, was ich hier schreibe.”

Zwischen Hochkultur und Sprach- wie Weltzerfall, durch Manuskriptfiktionen, ein wilder Ritt. Soll man ihn lesend mitvollziehen? Man kann, aber zur Pflichtlektüre wird, was angehäuft wird, nicht hinreichend originell, straff oder einfach kohärent geboten, wiewohl Steinaeckers Talent oft aufblitzt.

Thomas von Steinaecker
Die Verteidigung des Paradieses
S. Fischer
2016 · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-10-001460-3

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