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Kritik

Was hat euch bloß so ruiniert?

Hamburg

Pop-Deutschland hat ein Haltungsproblem. Meistens ist die Brust zwar durchgedrückt, das Kreuz aber so hohl wie die Phrasen. Wenn sich demütig nach oben gereckt wird, knackt es in der Substanz oder dem, was davon übrig ist. Zum Beispiel sind Kraftklub wieder da und als wäre das nicht schon bedauernswert genug, so haben die Karl-Marx-Städter textlich auch, na ja, mal was gewagt. Nämlich, im ironisch-distanzierten Gestus als Verflossener die Ex anzugeifern und mal eben als »Hure« zu bezeichnen. Und wir, wir müssen das so hinnehmen, weil Rap-Rollenprosa und so, das gehört sich so, und leider müssen wir es trotzdem diskutieren – womit Kraftklub schon wieder gewonnen hätten. »Dein Lied« macht auf dramatische Power-Ballade mit raubeinigem Sprechgesang zwischendurch, wie das bei Casper schon funktioniert hat, und droppt dann das H-Wort wie K.I.Z. ihre doppelironische Punchlines. Marketingtechnisch ist das schon mal gut, nur leider in so ziemlich keiner anderen Hinsicht. Slicke Jungs, die aus unverdauter Verletzlichkeit Mädchen metaphorisch zwangsprostituieren, braucht eben genauso wie die deutschen Ed Sheerans (AnnenMayKantereit) mit ihren Emotionalitätsandrohungen: genau, ach ja, niemand.

Aber was machen die denn, die Mädchen? Schmeißen den Jungs als Rache Kapern ins Müsli (Schnipo Schranke) oder verreimen sich ins Unermessliche (Balbina) während andere wiederum YouTube-kompatible Judith Butler-Lektionen verteilen (Sookee). Alles nicht schlecht und immer noch besser als schlitzohrige Selbstvermarkter wie Kraftklub, aber alles auch immer nur so semi. Während Schnipo Schranke auszogen, um der Neoliberalisierung des Liebeslebens stinkende Körperteile entgegenzustrecken und Balbina als deutsche Version eines Björk-Videos von vor zwanzig Jahren zwar ästhetisch Akzente setzt: So wahnsinnig überzeugend ist das eben nicht, so wie auch Sookee nur die wird überzeugen können, die sowieso die Missy nach Hause geliefert bekommen. Aber schweifen wir mal nicht ab, denn das Problem ist nicht allein reiner gender trouble oder gar ein sexuelles, schlimmer noch ist es ein textuelles: So oft uns deutsche Texte mal er- oder aufregen, so wenig machen sie doch mit uns. Oder wer tätowiert sich schon ein Wort wie »konfliktscheu« auf den Oberschenkel? Genau.

Was also tun? Doch wieder auf die nächste Tocotronic oder Ja, Panik warten? Noch mal die letzten Die Heiterkeit und Doctorella-Platten rausholen? Mitgehen und dreifachironisch nach fünf Halben »Atemlos Durch Die Nacht« mitsingen? Kraftklub feiern? Das kann nicht, geht nicht, muss nicht sein, sollte und darf es sogar nicht. Also bleiben wir doch einfach bei der kleineren von zwei unabwendbaren Niederlagen und gucken zurück, weil das sogar die meisten derjenigen machen, die es weitestgehend richtig machen. Irgendwie nämlich müssen wir uns doch die Misere erklären können, und besser noch wie es dazu kommen konnte. Was hilft ist ein Buch, welches das anhand einer Band erledigt.

Till Huber nimmt mit Blumfeld und die Hamburger Schule. Sekundarität - Intertextualität - Diskurspop einerseits nach akademischer Manier die textliche Entwicklung der Band auf allen Mikro- und Metaebenen auseinander, zeichnet damit aber auch die Geschichte eines Scheiterns nach. Mit der Pedanterie eines Wissenschaftlers und dem Wohlwollen eines Fans friedet Huber die Lyrics von Jochen Distelmeyer in seiner für eine Buchveröffentlichung überarbeiteten Doktorarbeit irgendwo zwischen Bad Salzuflen (kein Scherz) und Hamburg (eh klar) ein. Er grenzt sie gegen die Haltungsmucken der frühen Neuen Deutschen Welle ab (überraschend einleuchtend) und zieht Parallelen zu Public Enemy (das noch mehr – also sowohl überraschend wie einleuchtend). Er positioniert die Musik nach der Wende und vor brennenden Asylheimen und ravenden Neo-Nazis, verwischt und zieht die Trennlinien zwischen Privatem und Politischem neu. Zuletzt aber problematisiert Huber die Frage nach Person und Persona neu und verfährt dabei nicht unbedingt anders als ein Blumfeld-Song: dauerzitierend und diskursiv. Zwischen trockenen Auseinanderlegungen und Querverästelungen zwischen diesen und jenen Prä-, Para- und Metatexten allerdings gelingt dann doch etwas, das dem sprachlich spritzigeren deutschsprachigen Musikjournalismus selten passiert: Er bringt Ordnung in die Gemengelage und erzählt eine Geschichte, wo sonst nur ein Kompendium von Reviews, Interviews und poptheoretischen Essay die Ideen freidrehen lässt.

Huber ist eifriger Verfechter der Distelmeyerschen Gedankenwelt und hatte wohl glücklicher Weise beim Verfassen seiner Arbeit noch nicht dessen schiffbrüchige Odyssee-Nacherzählung gelesen, was ihm die Sache wohl erleichtert haben dürfte. Aus dieser Verteidigungssituation schmettert er dann auch mal die feministische Kritik an der Hamburger Schule in seiner Analyse von deren Männlichkeitskonstruktionen weitgehend ab und beweist dabei eben nur die Grenzen einer Theorie zur Praxis hin: Wenn Jungs, die mit anderen Jungs in Bands spielen, mit Jungs auf Tour gehen und bei einem Bierchen oder vier den nächsten Plattendeal eintüten und so den Markt ungewollt unter sich aufteilen, hilft es eben nicht, aus Interviews die Nettigkeitsfloskeln über ein paritätisches Miteinander herauszupicken. Vor allem, wenn Jahre später Kraftklub immer noch H-Bomben platzen lassen und die Detonationswelle ihnen nicht nur aufmerksamkeitsökonomisch was in die Kasse spülen wird.

Es ist eine der wenigen Stellen, in der sich Huber merklich im größeren Kontext der Hamburger Schule positioniert, derweil er sich sonst vor allem mit den Texten Distelmeyers solidarisiert. Was auch bedeutet, dass er sie manchmal auf die Meta-Ebene retten muss, um daraus noch verwertbare Kritik zu extrahieren. Weniger einleuchtend gelingt ihm das, je weiter er die Diskografie der mittlerweile wiedervereinten und weiterverwertenden Band durchblättert. Was nämlich mit Blumfeld und die Hamburger Schule, zu der natürlich niemand so wirklich zugehören wollte und will, angestoßen wurde, es verrannte sich in dem, was Huber Normalisierung nennt und was seit Anbeginn der Pop-Zeit die Regel ist: Irgendwann bekommt der Mainstream von der ganzen Sache spitz und dann schmilzt der Widerstand erst dahin, bevor er zu erkalteten Gesten erstarrt. Heißt in diesem Fall: Silbermond waren leider die logische Konsequenz des Blumfeld-Erbes, später dann bewies selbst Schlagersänger Heino mehr subversives Potenzial mit seinen Coverversionen von Gegenkulturhits als die Schlager-zitierenden Blumfeld. Was Huber am Ende seiner Arbeit nur im Vorbeigehen streift, wirft Pop- Deutschland gegenüber die klassische Die Sterne-Frage auf: Was hat euch nur so ruiniert?

Einerseits war es mit den diskursiven Verfahrensweisen sowieso schon weitgehend vorbei, als (oder: weil) Blumfeld den Mainstream erreichten, andererseits wendete sich das Blatt in kultureller Hinsicht. Ironie übernahm, wurde verdoppelt (K.I.Z.) und verdreifacht (Cloud Rap), letzten Endes fraß der Diskurspop seine Kinder und Kraftklub konnten das Ruder erst mit stumpfem Hipster-Bashing und später eben Deppensexismus übernehmen. Huber reflektiert das nicht mit, dankenswerterweise aber bereitet er eine Diskussion dafür vor, die nicht allein aufmerksamkeitsökonomisch einen Mehrwert bietet. Was nach den Höhenflügen des Diskurspops und dem Crash in der Belanglosigkeit bleibt, sind wohlmeinende und letztlich unterkomplexe Schwarz-Weiß-Politisierungen im Rap (Antilopen Gang, OK Kid) oder Rock (unklar, ob die Toten Hosen Dresden zur Vernunft bringen werden), Twitter-Kriege zwischen Rappern (Fler mit eigentlichen allen anderen), Rappern und der deutschen Post (Bushido) oder zwischen Deutsch-Rock-Bands (Haudegen), die sich mit Südtirol-Rock-Bands (Frei.Wild) auf Facebook zoffen oder junge bleiche Bands mit Lederjacken, die ihren postpubertären Zwangsromantizismus in artsy Achtziger-Ästhetizismus zu transzendieren versuchen (Drangsal, Bilderbuch, the list goes on).

Das Problem der Haltung ist weitestgehend eines der Ironie, genauer gesagt ihrer Verdopplung und Verdreifachung. Die wurde entweder mit einer Prise Zynismus adaptiert oder hat nur mäßige Konzepte entgegen gestellt bekommen, von denen die wenigsten das Spotlight erreicht hätten. Wenn Blumfeld heute gegen eine Band wie Kraftklub buchstäblich sehr alt aussieht, obwohl beide sich textlich beim Rap und musikalisch beim Hip Hop bedienen, liegt das eben auch an textlichen Verfahrensweisen. Wie die sich im Laufe der Zeit mit Blumfeld überlebt haben, zeigt Huber. Stellt sich nur eben die Frage, wie sich wieder Haltung gewinnen lässt. Oder vielleicht sogar, ob es 2017 nicht etwas anderes als Haltung braucht, um im Pop wieder Diskurse anzustoßen, statt Phrasen zu verkaufen.

Till Huber
Blumfeld und die Hamburger Schule · Sekundarität – Intertextualität – Diskurspop
27 Abb.
Verlagsgruppe Vandenhoeck & Roeck | V&R unipress
2016 · 420 Seiten · 55,00 Euro
ISBN:
978-3-8471-0594-7

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