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Kritik

Was wir noch nicht wissen

Tilman Rammstedt scheitert auf äußerst unterhaltsame (und mutige) Weise in „Morgen mehr“.
Hamburg

Ob originelles literarisches Experiment oder durchkalkulierter Marketing-Gag – wer sich vornimmt, innerhalb von drei Monaten 69 Kapitel zu schreiben, die sich sowohl live mitlesen als auch zu einem organischen Ganzen fügen lassen, hat sich etwas vorgenommen, das eigentlich kaum gelingen kann. Mit entsprechender Bescheidenheit (oder gesundem Realismus) verriet Tilman Rammstedt dann auch der Berliner Zeitung am 3. Januar, kurz bevor er sich in Schreibklausur begab: Bei „Morgen mehr“ ginge es darum, „auf eine hoffentlich interessante Art zu scheitern“.

Nun halten wir den fertigen Roman in den Händen – ein bisschen geglättet hier und da, doch im Prinzip eine Aneinanderreihung dessen, was sich vom 11. Januar bis 8. April auf www.morgen-mehr.de mitverfolgen ließ. Und stellen uns die große Frage: Funktioniert das Online-Experiment auch als gebundenes Buch?

 

 

Wenn ganz real der Countdown läuft, liegt wohl nichts näher, als innerhalb der Romanhandlung auf Zeitdruck zu setzen. Und, da Rammstedt keine halben Sachen macht, geht es dabei auch gleich um Leben und Tod: Binnen 24 Stunden muss der Erzähler seine eigene Empfängnis einleiten, sonst hat er seine Existenz verspielt.

Wie es dem ungeborenen Erzähler möglich ist, aus seinem Limbo-Zustand heraus zu berichten, bleibt ein wenig mysteriös, doch mit der Logik darf man es in „Morgen mehr“ eh nicht so genau nehmen.

Schließlich kann man bei einem täglich stückchenweise in die Welt entlassenen Fortsetzungsroman kaum einen übergreifenden Plan erwarten. Wo sich normalerweise abgesteckte Struktur und unvorhergesehene Figurenentwicklung austarieren, fehlt ersteres in „Morgen mehr“ beinahe völlig. Dafür dürfen wir endlich einmal  ungefiltert miterleben, wie Rammstedts Figurenreigen unerwartete Eigendynamiken an den Tag legt, wilde Haken schlägt und gelegentlich seinem Schöpfer auch mal über den Kopf wächst.

„Morgen mehr“ spielt 1972, im Jahr der Einführung der koordinierten Weltzeit, was später noch eine entscheidende Rolle spielen wird. Man könnte also sagen: Das Thema „Zeit“ bildet, mit etwas gutem Willen, einen leidlichen roten Faden, an dem wir uns durch den mitunter ziemlich abstrusen Plot hangeln können.

Schon der Anfang klingt auf so geniale Weise an den Haaren  herbeigezogen, das er eigentlich nur dem mit Speed, Koffein oder ähnlichen Substanzen vollgepumpten Hirn eines verzweifelten Schriftstellers fünf Minuten vor Textabgabe entsprungen sein kann: Die zukünftige Mutter des Erzählers wälzt sich mit einem „schwermütigen Franzosen“ durch ein Bett in Marseilles, während sein Vater in spe tausend Kilometer entfernt mit einbetonierten Füßen von einem Möchtegern-Unterweltkönig in den Main geworfen wird. Eine ungünstigere Ausgangslage für eine Familienzusammenführung ist wohl kaum vorstellbar.

Manchen mag der Autor an dieser Stelle wie ein Masochist erscheinen, doch ist er eben auch ein Zauberer. Seine sichtliche Lust daran, dem schier Unmöglichen mit allerlei grotesken Wendungen entgegenzutreten, steckt an und reißt unweigerlich mit. Dass hier und da ein Deus ex machina die Story wird retten müssen, ist bei solch einer Versuchsanordnung indes unvermeidbar.

Zunächst aber müssen die zukünftigen Eltern des ungeborenen Erzählers aus ihrer Lethargie gerissen werden: Der Vater ertrinkt zwar nicht im Main, dafür jedoch in unheilbarem Liebeskummer, während die Mutter nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester unter Schock steht. Der Beweis, dass Rammstedt auch das Melancholische, Nachdenkliche locker aus dem Ärmel schüttelt? „Sie hatte bisher schließlich immer nur den Platz eingenommen, der noch übrig war, und auf einmal gab es nun viel zu viel davon, auf einmal fehlten die Grenzen, und meine Mutter war ausgelaufen, zerfasert, verschwommen.“ So bleibt ihr nichts anderes übrig, als eine von ihrer toten Schwester erstellte To-do-Liste Punkt für Punkt abzuarbeiten. Nur Punkt 77 ist noch übrig:  „Die Zeit anhalten“. Auch sie hat offenbar ein Faible für Unerreichbares.

Derweil wird der zukünftige Vater des Erzählers von Dimitri aka Uwe entführt, den wiederum drei Männer im Pelz verfolgen. Diese allerdings sind eigentlich vor allem hinter einem schwarzen Koffer her, der – wie in jedem guten Roadmovie – eine Menge Geld enthalten sollte, tatsächlich jedoch nur einen „[Platzhalter]“. Wie so oft in „Morgen mehr“ klaffen Illusion und Realität um Lichtjahre auseinander.

Zu der wild zusammengewürfelten Runde stößt zu guter Letzt ein zwölfjähriger Junge, der alles, was er hört und sieht, in sein Notizbuch einträgt und zwischendurch naiv-weise Fragen stellt, die den Klamauk für Momente zum Innehalten bringen. „Und? Bin ich ich?“ fragt er beispielweise einen Grenzbeamten, der einen skeptischen Blick in seinen Kinderausweis wirft. Natürlich kann man auch solchen ironisch-melancholisch formulierten Sätzen Berechnung vorwerfen (schließlich will „Morgen mehr“ nicht nur belanglose Unterhaltung, sondern zumindest ein Mindestmaß an philosophischem Mehrwert bieten), doch zumindest Rammstedts Talent für poetische Charakterzeichnungen, die in wenigen Worten ziemlich viel über die conditio humana verraten, ist unbestreitbar. „Sie musste sich mal wieder selbst im Weg stehen“, heißt es zum Beispiel über seine Mutter. Und über deren zukünftige große Liebe, von der sie allerdings noch immer nichts ahnt: „Mein Vater dachte immer, er sei längst angekommen, wenn er in Wahrheit noch nicht einmal losgegangen war.“

Dimitri wiederum sucht verzweifelt „irgendetwas, das man verfolgen konnte, in das man sich verbeißen konnte, damit nicht alles so zerfließt.“ Letztendlich ist damit ganz gut die Motivationslage sämtlicher Protagonisten beschrieben: Was sie tun, ist meist völlig sinnlos oder sogar kontraproduktiv – Hauptsache, es bewegt sich was. Das geschieht im wahren Leben natürlich oft genug genauso. Im Roman jedoch ermüdet der ständige Aktionismus irgendwann und wirkt nicht mehr wie figurenimmanentes Handeln, sondern vielmehr wie ein überstrapaziertes Gadget, mit dem um jeden Preis die Plotgeschwindigkeit bis zur letzten Seite aufrechterhalten werden muss.

Da Paris nicht nur die „Stadt der Liebe“ ist, sondern auch der Ort, an dem die Zeit festgelegt wird, laufen dort konsequenterweise alle Fäden zusammen. Der Showdown auf dem Eiffelturm gerät dann allerdings doch etwas allzu albern: Nicht nur erscheinen die Ex-Freundin des Vaters im zerrissenen Hochzeitskleid, ein aus dem Streichelzoo entführtes Schaf und ein Gangster im Schlafanzug – natürlich muss am Schluss auch noch jemand an den Füßen von der Turmspitze baumeln, während hartnäckig nicht verraten werden wird, was denn nun als „[Platzhalter]“ im schwarzen Koffer steckt.

Wesentlich gewitzter sind all die kleinen Exkurse, mit denen der Autor sich und seine Leser_innen bis dahin bei Laune hält: Die „Mitschrift der Befragung der Sehnsucht meines Vaters“, ein Interview mit einem Hammer sowie kleine, klug formulierte Betrachtungen über die Relativität der Zeit („Alle Viertelstunde schaute er auf die Uhr, und immer waren dann erst zwei oder drei Minuten vergangen.“). Hinzu kommt ab und an geschickt eingeflochtenes Zeitkolorit, etwa in Form eines TGV auf Testfahrt, eines Rollkoffer-Prototypen – und natürlich der Einführung der bürgerlichen Zeit.

Fazit: Als Online-Fortsetzungsroman, komplett mit Leserkommentaren und wunderbar albernen bis (gespielt?) verzweifelten Haarerauf-, Kaffeetassen- und Konfettifotos, funktioniert „Morgen mehr“ einwandfrei. Als gebundenes Buch ist er auf definitiv interessante Weise gescheitert. Wobei „gescheitert“ vielleicht zu viel gesagt ist – herausgekommen ist ein Text, der episodisch unterhält, hin und wieder eine hübsch formulierte Lebensweisheit bietet, den man letztendlich aber auch schnell wieder vergessen kann.

In jedem Fall ist es Tilman Rammstedt hoch anzurechnen, dass er sich diesem mutigen Selbstversuch unterzogen hat. Allein der Umstand, sich drei Monate lang täglich den mehr oder weniger unqualifizierten Kommentaren, gut gemeinten Ratschläge, Youtube- und Spotify-Empfehlungen seiner Abonnent_innen auszusetzen, verdient meinen tiefsten Respekt. Man kann wohl sagen: Er hat das Beste draus gemacht.

 

 

 

Tilman Rammstedt
Morgen mehr
Hanser
2016 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25096-3

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