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Der Süden – Gedichte von Timo Berger
Hamburg

Der Süden lautet der Titel des Gedichtbands von Timo Berger. Und der Süden steht auch ganz im Mittelpunkt, auch wenn es sich dabei um verschiedene Facetten „des Südens“ handelt, um verschiedene „Süden“, welche sich trotzdem alle unter dem Überbegriff „Süden“ zusammenfassen lassen. Eines lässt sich jedoch mit Sicherheit sagen, unter „Süden“ versteht Timo Berger nicht den nahen Süden – Italien oder Frankreich beispielsweise – und auch nicht klassische Urlaubsdestinationen, wie Thailand, Türkei, Griechenland oder ähnliches. Wo der Süden beginnt ist Ansichtssache, mitunter gleich vor der Haustür, in Berlin, nahe dem Bahnhof Südkreuz, während man Zügen nach Buda oder Pest nachblickt. Und selbst in Paris ist der Süden zu finden – in Form eines vietnamesischen Restaurants namens Paris-Saigon. Vier Gedichte widmen sich Algerien, zusammengefasst unter dem Titel „Algerische Weise“. Das letzte Gedicht des Bandes wendet sich mit Erinnerungen an Odessa der Ukraine zu. Am häufigsten werden in den Gedichten jedoch peruanische Städte genannt: Chorillos, Ayacucho, Pampa de la Quinua, Miraflores und Magdalena del Mar. In vielen der Gedichte ist eine genaue Verortung wichtig, selbst bei einem Gedicht über ein verlorengegangenes Gedicht:

MAGDALENA DEL MAR
dort schrieb ich ein Gedicht
und verlor es auf meinem Weg

vorbei an dem alten Konvent
den Ziegeln der Polizeikaserne

zum Platz mit der Büste[...]

Die Beziehung von Timo Berger zu Südamerika scheint eine lange und sehr intensive zu sein. So übersetzt er nicht nur aus dem Spanischen und Portugiesischen, sondern ist auch Mitbegründer der Latinale, des seit 2006 bestehenden mobilen lateinamerikanischen Poesiefestivals.

Das Titelgebende Gedicht „Der Süden“ besteht aus zwei Teilen. Die Räume, die Timo Berger in diesem Gedicht einzufangen versucht, sind Nicht-Orte im Dazwischen. Er beschreibt die Peripherie, welche zugleich Randbereich und Zwischenraum ist. Die Räume befinden sich in einem Außerhalb, wohin man sich erst einen Weg bahnen muss, durch ein Loch im Zaun:

[…] … oder die Heide, wenn man
den Hügel erklimmt, durch
ein Loch im Zaun sich zwängt […]

Und aus diesem Außerhalb muss man auch erst wieder herausfinden:
[…] entdecke einen Spalt
die Rückkehr
ins Zivile

… Klatschmohn, Butterblumen
Gänseblümchen, Lavendel
wilder Dill …

Plötzlich gibt es kein Weiterkommen:
[…] im Hintergrund ein Gitterzaun
der den Durchgang
versperrt […]

Und ebenso, wie es kein Weiterkommen gibt, gibt es auch kein Ankommen, man findet sich einfach unversehens in einer Sackgasse wieder und beginnt mangels Ausweg Details wahrzunehmen:

[…] … oder in einer Sackgasse
der Röhrenfernseher
vor einen Ohrensessel gestellt […]

Statt einem Weitereilen kommt es zu einem Verweilen an einem Durchzugsort. Dem Zug wird nur aus dem Gestrüpp neben der Baustelle nachgeblickt, wie er sich auflöst:

[…] da rattert der EC nach Praga
löst sich auf
im Limbus der Hauptstadt […]

Und auch zeitlich gesehen lassen die Gedichte sich nicht auf das Hier-und-jetzt festmachen, sondern erzeugen eine gewisse Unschärfe. Man sieht sich etwas gegenüber, dass erst getan werden muss:

[…] dahinter noch zu rodendes
Gestrüpp […]

Oder etwas, dass nicht verwirklicht wurde:

[…] stoße auf eine Raupe
auf Kräne, die eine gute Idee nicht
verwandeln konnten […]

Timo Berger verweigert sich vehement  dem verklärten, idyllischen Blick auf den Süden. Dies wird schon im ersten Gedicht deklariert, wenn es heißt:

andere halten inne, beschreiben
Bilder in Museen, ich sehe
keine Museen in diesem
Distrikt, sehe nur Farben […]

Wie konsequent diese Verweigerung ausfällt lässt sich daran ermessen, dass er auch den Schmuggel anspricht und über das Schicksal der Taglöhner schreibt, welche für 20 Soles pro Tag Koka durch den Dschungel, fern der Straßen, schleppen. Andere „unschöne“ Seiten des Südens, welche gerne ausgeblendet werden, sind Armut und Krieg. Beides wird in zwei Gedichten zu den Spielen der Kinder in Ayacucho thematisiert. Das erste Spiel der Kinder wirkt auf den ersten Blick fast idyllisch. Das Gedicht beschreibt das Weitwerfen aussortierter Filmrollen. All die verbotenen Tricks und Regeln werden ausführlich beschrieben. Das Gedicht endet mit den Worten:

[…] Ayacucho war eine Insel
umgeben von Gipfeln
wir spielten im Innenhof
mit dem, was zur Hand war.

Der Reichtum des Spiels der Kinder lässt einen beinahe die dahinterstehende große Armut übersehen. Denn diese Kinder besitzen kein Spielzeug, ja sie vermissen es nicht einmal. Während dieses Gedicht vordergründig noch den Anschein einer glücklichen Kindheit vermitteln oder wahren kann, wird dies im zweiten Gedicht über die Spiele der Kinder ab der Hälfte gänzlich aufgegeben. Denn das andere Spiel der Kinder, welches sie morgens vor Schulbeginn spielten, ging folgendermaßen:

[…] kurz bevor der Unterricht
anfing

bildeten wir einen Kreis und fragten:
„wer hat mehr?“
mehr Bomben, Explosionen

Anschläge, die man in der Nacht
in den Höhen von Ayacucho gezählt hatte. […]

Timo Berger ist ein sehr aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt und Mitmenschen. Er hält inne und beschreibt einfach nur, was in seiner Umwelt zu sehen ist. Doch dieses „einfach nur“ hat es in sich, nur wenigen Dichtern gelingt das mit einer solchen Leichtigkeit. Diese Leichtigkeit, welche die Gedichte vermitteln, hat jedoch überhaupt nichts mit Leichtfertigkeit zu tun. „Leicht“ erscheinen die Gedichte auch von ihrem Layout her: die Zeilen wirken wie über die Seite geweht, verweht die Gedichte. Eines der Gedichte handelt sogar von einem Gedicht, welches unterwegs verloren gegangen ist, von der Brise davon geweht:

[…] mein Gedicht

geschrieben auf den Rücken
einer Rechnung, trug die

salzige Brise der Küste davon
in Magdalena del Mar […]

Gerne fokussiert Timo Berger die Peripherie, die Zwischenräume und nimmt sowohl mögliches, als auch nicht zustande gekommenes wahr. Schon im ersten Gedicht befinden wir uns in einer Zukunft, die eigentlich so nicht geplant gewesen war:

[…] sehe (im Schatten
des Viadukts, über das vor Jahren
in Jahren die Metro rattern sollte) […]

Einerseits richtet Timo Berger seinen Blick gerade auf Menschen, versucht an ihren Leben teilzuhaben. Andererseits rückt er Dinge sehr stark in den Fokus, wobei es sich meist um Unscheinbares handelt. Die beschriebenen Menschen kommen einerseits aus dem eigenen Bekanntenkreis – so wird in einem Gedicht die Geselligkeit der Menschen gepriesen, denn es gebe immer einen Grund für fröhliches Beisammensein, und sei es die Taufe eines neu gekauften Laptops. Andererseits werden auch namenlos bleibende Fremde beschrieben, beobachtet beispielsweise auf der Straße.

Timo Berger lässt sich auf die Fremde ein. Sein Interesse an den Menschen und ihren Leben ist ein umfassendes, er sucht weder „das Fremde“ noch Exotisches, er akzeptiert vielmehr sein Gegenüber und nimmt Teil am Leben anderer. Dieses Einlassen auf sein Gegenüber wird in einem Gedicht versinnbildlicht: im Gedicht „NENHUMA CIDADE COMO KEINE STADT WIE“ tanzen sowohl die Sprachen, als auch die Kulturen für einen Augenblick eng umschlungen auf dem Cocktailtisch eines eigentlich bereits geschlossenen vietnamesischen Restaurants in Paris:

[...] um momento atrás dançamos bem abraçados
eben noch tanzten wir eng umschlungen
auf einem cocktailtisch im paris-saigon
numa mesa de cocktail no paris-saigon [...]

In seinen Gedichten versucht Timo Berger gerade liegengebliebene und vergessene Dinge nicht wie alle anderen zu übersehen, sondern richtig wahrzunehmen, zu sehen und in Worte zu fassen. Dinge werden immer wieder als wahrhaftige Persönlichkeiten beschrieben, so auch eine alte und kaputte Jukebox, die trotz allem noch Geräusche von sich gibt:

[…] nicht eine der vergilbten Tasten
ist noch intakt.

nur der Lautsprecher gibt so etwas
von sich wie das ewige

Rauschen.

Und Timo Berger sieht nicht nur, was man so sehen kann, wenn man sich wirklich auf seine Umgebung einlässt und nicht wegsieht..

IM VIERTEL
freiwillig würde keiner von uns Kuh-
hälften stemmen und schultern –
doch ganz auf Fleisch verzichten?

sie tragen die Kadaver in den Chinesen
an der Ecke: Chan Lee raucht Zigaretten
ohne Filter und bespricht sein Handy [...]

..er sieht sogar, was andere sehen könnten, würden sie nur im richtigen Moment aufblicken:

[...] höbe sie für eine Sekunde den Blick
sähe sie den Kolibri, der in den Bier-
himmel über Zapote steigt
aufgedunsene Tropen

Erschienen ist Der Süden von Timo Berger bei der parasitenpresse, einem kleinen aber umso bemerkenswerteren Verlag, in der Reihe „Die nummernlosen Bücher“. Der Süden ist ein schmaler Gedichtband, der gerne mitgenommen wird um unterwegs, in der Straßenbahn, auf einer Parkbank oder in einem Café gelesen zu werden. Denn die Gedichte vermitteln den Eindruck unterwegs entstanden zu sein, und sich selbst jetzt als Buch nicht völlig festhalten zu lassen, als befänden sie sich immer noch in Bewegung.

Timo Berger
Der Süden
Parasitenpresse
2014 · 40 Seiten · 9,00 Euro

Fixpoetry 2014
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