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Kritik

dichter dreht mir das wort im mund herum

Hamburg

Der Debütband „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ von Titus Meyer ist beim Verlag Reinecke&Voß erschienen. Ein Buch voller Anagramme und Palindrome? Zugegeben: das ist für mich Neuland. Ich denke, am schnellsten komme ich der Schreibtechnik auf die Schliche, wenn ich sie einfach selbst ausprobiere. Im besten Fall lese ich anderer Leute Lyrik sowieso wie Gebrauchsanweisungen: aha, so kann man also einen Satz heiße Ohren oder einen wunden Punkt - so kann man also Zeichen setzen! Die üblichen Vergleiche mit artverwandten Dichtern sollen doch die anderen Rezensenten anstellen. Also flink den Namen meines Freundes „René Amling“ rausgepickt (den Fliegenschiss heimlich wegradiert) und mein erstes eigenes Anagramm gebastelt: „Geiler Mann“. Ha! Aber es überrascht mich nun doch, dass Buchstaben so wahrheitsgetreu sein können. Ein paar Zeilen?

Mein Angler
erlag Minne
am Neger-Nil.
Geiler Mann,
mein langer
Nil-Germane.

Stirnrunzeln. Ein rassistisches Gedicht? Besser, ich versuch‘s noch einmal:

Eng‘lmanier
erlangen im
Ringen. Male
mir ‘ne Angel.
Meerlang. In
mir Gen-Elan.
(Malerin-Gen
mangelrein)
An mir: Engel.

Das fetzt ja! Und ist doch gar nicht soo schwer. Überheblicher Blick ins Buch: oh! - anscheinend schreibt Meyer gar nicht so häufig „klassische Anagrammgedichte“, bei denen jede Zeile sich aus den gleichen Buchstaben zusammensetzt. Von dieser Sorte kommen tatsächlich nur fünf Gedichte vor. Dafür gibt es aber andere Varianten zu finden, z.B. echte Pangramme, bei denen alle 26 Buchstaben des deutschen Alphabets, sowie alle drei Umlaute und ß enthalten sein müssen und nur genau einmal vorkommen dürfen:

CD vom PKW:
„Grabt Flöz!“
„Süß; Hyäne.“
IQ-Jux?

Nö, Boy!
DJ-Mix quäkt.
VW, grüß
Schafpelz!

Oder ein Anagrammdrilling, bei dem pro Zeile genau drei Wörter stehen müssen, die zueinander je Anagramme sind.

Buchstabenschlaf
Reihenabtastung: Ausgebranntheit, Titanenhausberg
meiner Riemen. Reimen
manchesmal Schmalname & Lamamensch.
Buchstabenschlaf: Schubfachbasteln, flachsbubensacht.
Weltschmerzkrone: Zwecklehrenstrom. Wortkernschmelze
Poesieland. Spielanode, pianoedles
Wirklichkeitslego. Lichtkreiswolkige Logikwischrelikte,
Feinsaat, Fata-Sein: … Fantasie!

Woher ich das alles auf Anhieb weiß? Im Register sind die Gedichte mit Ziffern versehen, und im hinteren Teil des Bändchens befindet sich eine kleine Auflistung der angewendeten Verfahren zum Nachschlagen. Ein guter Grund, dieses Buch für Schulklassen und Germanistikseminare oder überhaupt für Einsteiger zu empfehlen. Dieser Band bietet nicht nur Texte zum Schmökern und Verfahrensweisen zum Tüfteln, sondern auch Querverweise zum Nachschlagen und Diskussion. Eine philologische Fibel!

Zurück zu den Gedichten. Mir fallen nun gleich vier Dinge auf, die meine Überheblichkeit ein bisschen ausbremsen. Zum einen habe ich mit meinem Namensanagramm nicht nur eine Zeile gewählt, die mir persönlich nahe geht, sondern zufällig auch eine, bei der die häufigen Buchstaben im Deutschen sehr häufig und die seltenen kaum vorkommen. 7 der 10 Buchstaben gehören zu den 6 häufigsten im Deutschen überhaupt. Deshalb also fiel es mir auch so leicht, damit Zeilen herzustellen. Ganz anders bei Meyers Pangramm-Gedicht, das ist ja eine ganz andere Schwierigkeitsstufe! Zum andern muss ich mir nachträglich eingestehen, ich habe ja geschummelt! Indem ich bei René den Akut weggekürzt habe, habe ich mir das Anagramm wesentlich vereinfacht. Ein Blick ins Buch zeigt: Titus Meyer schummelt nicht. Er arbeitet viel sauberer mit dem, was zur Verfügung steht, z.B. mit ß und Q. Nochmal eine Nummer schwieriger also. Und er verwendet existierende Wörter. Sowas wie „Eng'l“ kommt ihm gar nicht unter. Dann bei seinem Anagrammgedicht „Weihnachten“ auch die Beobachtung: der Text bleibt beim eigentlichen Thema mit Tanne, Ente, Wein und dem alljährlichen Unmut, den viele mit diesen Feiertagen verbinden. Mein Gedicht hingegen? Hat das irgendein Thema? Naja, irgendwie so halb. Zum Vierten muss ich eingestehen: ja, ich habe teilweise mit einem Anagramm-Generator gearbeitet. Titus Meyer tut das nicht. Zumindest behauptet das der Herausgeber Bertram Reinecke in seinem Nachwort1: „Titus Meyer verwendet den Rechner nur, um seine Texte auf formale Richtigkeit zu prüfen.“ An dieser Stelle werde ich aber misstrauisch. Mag sein, dass ein Generator keine fertigen Gedichte ausspuckt. Aber es reicht doch eigentlich, wenn er Anagramme liefert. Mit ein wenig Geschick kann man diese dann ja so arrangieren, dass ein Gedicht entsteht. Im Zeitalter moderner Computerprogramme wären Anagrammgedichte dann doch Unterformen von Montagen? Woher weiß Reinecke so genau, dass Titus Meyer nicht ein heimlicher Hobby-Informatiker ist, der ein gutes Anagramm-Programm geschrieben hat, oder ein Palindromprogramm, das den Duden nach Spiegelpaaren absucht?  Andererseits: die Palindrome von Titus Meyer werden nicht wortweise hintereinander gesetzt, sondern über die Wörter hinweg geschrieben, also zeilenweise. Das müsste schon ein sehr ausgefuchstes Programm sein.

Aber da ich es nun mal nicht genau überprüfen kann, will ich mir und dem Band die unbequeme Frage stellen: geht die Faszination an diesen Texten ausschließlich von der Strenge des angewandten Verfahrens aus? Dem „sowas ist möglich?“ - Staunen? Ist es nur so toll, weil ich es nicht kann? Kurzum: würde ich die Texte noch immer „poetisch“ finden, wenn es sich nicht um Palindrome und Anagramme handelte?

Ja, und ob.

Zum einen geben die Texte auch klanglich eine gute Figur ab. Ist ja auch einleuchtend. Wenn in einem Text gehäuft dieselben Vokale und Konsonanten gebraucht werden, erzeugt das einen gewissen Sound. Reime sind ja auch nur Wiederholungen von bestimmten Vokalen und Konsonanten.

Zum andern entdecke ich beim wahlloses Blättern in dem Band Komposita und Neologismen, die mir in jedem Text gut gefielen, egal, wo ich sie lese: Ostsonne. Elegienobel. Sternchengemische. Stellarzelte. Futurkaminszene. Rehlichtung. Wetterwolken. All diese Wörter finde ich schon auf den ersten zwei Seiten. Titus Meyer ist also ein Bilder- und Ideenlieferant, da kann es mir egal sein, auf welche Weise er dazu gelangt, solange er dazu gelangt.

Aber ist es denn egal? Der Witz: je öfter ich mich nach dem Lesen des Bandes selbst an diesen Gebilden versuche, desto öfter erlebe ich, wie sich ganz wundersame Wörter und Zeilen dabei ergeben. Nein: die Technik bei der Bewertung außen vor zu lassen, wäre falsch. Tatsächlich erweist sie sich als ungewöhnlich verlässlich in der Erzeugung von Poetizität.

Und um den Palindrompessimisten gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: einzeln für sich genommen kommen mir viele Wörter sogar klassisch celanisch vor: atemverbogen, Zeitzimmer, Gedankenunterholz, Lichtsud, bleich duensten, meermystisch, Lidgebet usw. Nur die Anordnung ist dann eben doch eine völlig andere. Für Leser, die sich von der Prosa ab- und der Dichtung zuwenden, um statt gelungener Sätze, gelungene Wörter zu suchen, ist das eine Fundgrube.

Nachdem meine Bedenken zerstreut sind, kann ich in Ruhe weiterlesen:

Neben den Palindromen, die eine beachtliche Länge vorweisen und die Nebelleben-Qualität weit hinter sich zurück lassen, sind es vor allem die Homogramme oder auch „Zwillingsgedichte“, die es mir angetan haben. Zwilling deshalb, weil in beiden Fällen genau die gleiche Menge an Buchstaben in genau der gleichen Reihenfolge vorliegt, aber doch zwei ganz verschiedene Texte dastehen. Einzig durch Gebrauch von Leer- und Satzzeichen werden hier völlig verschiedene Bedeutungen sichtbar. „Kopfstand“ wird zu „Kopfs Tand“, „ein Faltengesicht“ zu „Einfalt? Enge Sicht?“ – das bringt mich natürlich dazu, vermehrt auf die distinktive Funktion der Zeichen zu achten. Und siehe da: natürlich nehmen sie auch bei den Palindromen eine entscheidende Funktion ein.

Eigentlich ist der Band nicht nur eine Hommage an die Buchstaben als Bausteine, sondern auch an die Bereitschaft der Zeichen, im entscheidenden Moment dazwischen zu gehen. Von wegen „Verse werden aus Worten gemacht“. Pustekuchen, Mallarmé.

Ein Dichter wie Titus Meyer beweist, Lyrik wird nicht mal „nur aus Buchstaben“ gemacht.

Spannend finde ich an den Texten von Meyer auch, wie sie trotz des strengen Schreibprinzips nicht nur zu schönen Wörtern gelangen, sondern auch poetologisch werden: „Vers: ach Licht, versachlicht.“ Oder „Dichtung: Gicht und Tuch- Ding.“

Laut Register gibt es unter den Gedichten auch Formen, die eine Novität darstellen. Z.B. das Vertikalpalindrom: „ein Text, der bei 180°-Drehung das Gleiche ergibt. Entweder en bloc oder zeilenweise.“ Ich kippe also meinen Kopf und muss schmunzeln: ach sooo ist das gemeint. Irgendwie ist mir das sympathisch. Es verrät mir, dass der Dichter zwar streng arbeitet mit den Formen, aber zugleich auch irgendwie verspielt ist.

Eigentlich ist es doppelt schade, dass Bertram Reinecke in seinem Nachwort dazu genötigt ist, Palindrome gegen die Auffassung zu verteidigen, es handele sich um „bloße Spielereien“. Zum einen: was zum Teufel wäre so verkehrt daran, in der Lyrik mit Worten zu spielen? Ja - wo denn sonst, wenn nicht hier? Zum zweiten: es ist doch offensichtlich, dass es sich nicht nur um bloße Spielereien handelt. Wie kann man den poetischen Gehalt dieser Texte überlesen?

Ein Verdacht, der gegen diese Gedichte vielleicht eher aufkommt, ist der diffuse Gedanke, dass das Schreiben von Gedichten hier irgendwie mit einer olympischen Disziplin verwechselt wird. Also statt des Spielgedankens der Leistungsgedanke als Einwand. Getreu dem Motto: Ehrgeiz sieht nicht hübsch aus. Manch einer fragt sich daher womöglich: steckt eine ernstzunehmende Poetologie hinter den Texten, wenn der Autor „bloß“ versucht, sich selbst besonders hohe Schreibhürden aufzuerlegen?
In einem öffentlichen Statement von Titus Meyer lese ich: „Das [Gegenwarts-] Gedicht ist zur Freiheit verurteilt.“2 Das klingt für mich nach einem plausiblen Grund, auf strenge Formen zurückzugreifen. Die Frage danach, was ein Text leisten muss, um ein Gedicht zu sein, ist verhältnismäßig schwieriger zu beantworten als die Frage danach, was ein Text leisten muss, um ein Palindrom oder Anagramm zu sein. Die sogenannte „innere Notwendigkeit“, nach der viele Leser zu verlangen scheinen, wird hier durch die Form erzeugt. Und was ist eigentlich eine „hohe Schreibhürde“? Man darf den Aspekt der Übung nicht ganz außer Acht lassen.3 Wahrscheinlich wird es Titus Meyer vergleichsweise einfacher fallen, ein gelungenes Palindrom oder Anagramm zu schreiben als mir. Obwohl: abwarten. In nächster Zeit werde ich davon kaum die Finger lassen können.

 

  • 1. Wer sich dafür interessiert, was Meyer gar nicht – besser – anders macht als andere seines Metiers, der wird in dem Essay von Bertram Reinecke, der den Gedichten beigefügt ist, Hinweise darauf finden. Einen Teilausschnitt davon kann man unter http://lyrikkritik.de/blog2_2015.htm finden.
  • 2. O-Ton Titus Meyer in einer Facebookdebatte
  • 3. Überhaupt: wer Leistungsstreben als Einwand formuliert, verlangte ja gleichzeitig, dass Dichter gefälligst unter ihren Möglichkeiten zu bleiben habe. Ich möchte mal sehen, wie man diese Forderung an Autoren anderer Schreibpraxen stellt.
Titus Meyer
Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung
Reinecke & Voß
2015 · 88 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-942901-15-4

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