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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Ein Zukunftsroman, dem die Gegenwart hart auf die Pelle rückt.

Der Steuerfahnderin Anna Moore wird ein besonderer Fall zugeteilt: John Law ist der Erfinder einer elektronischen Währung mit dem Namen Soft Gold. Dadurch ist er zum reichsten Mann der Welt geworden. An ihn heranzukommen ist keineswegs einfach, ganz im Gegenteil, er hüllt sich in einen Mantel der Unnahbarkeit, kaum ein Foto von ihm ist der Öffentlichkeit bekannt. Dennoch gelingt es Anna, mit ihm ein persönliches Gespräch zu führen. Er schickt seine Finanzberater weg und ist bereit, seine Steuerschuld zu bezahlen. Anna ist fasziniert von seiner Persönlichkeit und lässt nicht locker, insbesondere da er sie zu einem Fest auf sein Anwesen einlädt. Er besitzt ein riesiges Schloss mit weiträumigen Gartenanlagen, einst ein ganzer Stadtteil Londons, den er zu seinem privaten Wohnsitz umgestaltet hat. Dort treffen sich die Größen aus Wirtschaft und Politik. Das alles spielt etwa um 2021. Kapern zählen zu den verbotenen Lebensmitteln, da sie vom Aussterben bedroht sind. Dagegen ist Klonen gang und gäbe.

„Die Kryptographie ist eine wunderschöne Wissenschaft. Denn sie ist die Wissenschaft vom Verbergen, und dem Akt des Verbergens kann eine große Schönheit innewohnen. Die Kryptographie ist wie Origami. Sie kann ein Alphabet immer weiter in sich zusammenfalten, bis aus Buchstaben Zahlen werden und aus Zahlen Binärzahlen. (…) Die Wissenschaft des Verbergens schließt auch das Entschlüsseln mit ein. Sie ist die Wissenschaft der Codeschreiber, doch sie geht auch uns etwas an. Sie liegt in der Verantwortung der Codebrecher. (…) Manchmal ist die Arbeit des Codeschreibers und Codebrechers ein und dieselbe.“

Eines Tages wird der Code entschlüsselt und das elektronische Geld ist wertlos. Menschen verlieren mit einem Schlag ihre Ersparnisse, Firmen und Staaten sind pleite. Es scheint, als würde Tobias Hill von der Gegenwart erzählen, obwohl das englische Original bereits 2003 publiziert wurde. Mit einem Mal sind Law und seine Frau verschwunden, von der er sich allerdings bereits Jahre vorher scheiden ließ. Anna kündigt ihren Posten und macht sich auf die Suche nach Law und seiner Frau. Tatsächlich findet sie beide, zurückgezogen auf jeweils einer anderen Insel, weit voneinander entfernt. Überaus detailgenau erzählt Tobias Hill vom Verbergen und Entschlüsseln, spannt den Leser mitunter allzu sehr auf die Folter. Wie die Geschichte um Liebe und Macht ausgeht? Das müssen Sie selbst nachlesen.

Tobias Hill
Der Kryptograph
Übersetzung:
Regina Rawlinson
C. Bertelsmann
2009 · 320 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-570010815

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