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Kritik

Automatendichtung

Hamburg

Soeben ist in der umtriebigen Reihe Schöner Lesen im Sukultur Verlag Berlin, die seit vielen Jahren „affordable art (literature)“ für Mittagspausenleser produziert, eine Anthologie namens Lob der mechanischen Ente erschienen. Herausgegeben hat sie der Autor und Übersetzer Tobias Roth. Mir selbst war diese Ente, wie den meisten anderen vermutlich auch, nur aus dem Mason & Dixon Roman von Thomas Pynchon bekannt, in dessen Verlauf sie als real existierend dargestellt wurde, wie auch die Mason-Dixon-Linie an sich, sowie einige andere enzyklopädische Kabinettstückchen in der Geschichte, aber der Rest – wie immer bei diesem Autor – ist frei erfunden, wirkt aber dergestalt echt, dass nicht mehr auseinanderzuhalten ist, was „knallhart recherchierte Fiktion“ ist oder „nachempfundene Wahrheit“ – siehe sogenannte Pynchon-wikis etc. – oder auch ein unseliges Wort der jüngeren Mediengeschichte von wegen „alternative Fakten“ betrifft. Diese besagte Ente, das Meisterstück des Erfinders und Realitätennachbauers Vaucanson aus dem 18. Jahrhundert, ist mir jedenfalls nach der Lektüre im Gedächtnis geblieben und stets entrang sie ein Schmunzeln. Denn im Gegensatz zu goldenen Schlachtschiffen in 1:72, die über die Tafel absolutistischer Herrscher ratterten und anwesenden Gästen mit echten (Mini-) Kanonen das Getränk aus der Hand schießen konnten, woraufhin Farbe aus den Gesichtern entfliehen und jedweder Vertragsunterzeichnung von nun an nichts mehr im Wege stehen würde, ist diese mechanische Ente Vaucansons irgendwie bescheuert, am Thema vorbei, sinnlos – und gerade deswegen als Traum eines Erfinders, eine Homunculus-Vorstudie, voller poetischer Potentiale. Eine alternative Ente, die sich wie eine Ente verhalten kann: flattern, schnattern, picken, verdauen etc.: eine niedlich-alberne Lebenskopie des Spätcartesianismus; auf dem Weg zu ihr entsprangen dem Erfinder und Feinmechaniker Vaucanson jede Menge genialische Dienstbarkeiten wie die Erfindung des Gummischlauchs nebst Herstellungsmaschine, Hakenketten usw.

Im Andenken an diese kuriose Technikträumerei hat Tobias Roth als Herausgeber jener Anthologie AutorInnen um textliche Beiträge zum Thema gebeten. Von ihnen ist insbesondere das kluge und umfassende Nachwort von Anneke Lubkowitz zu erwähnen, das sich die Zeit nimmt, auf alle komparativen Spuren des Sinnbilds Mechanische Ente einzugehen und sie in gebotener Kürze erschöpfend und zurückhaltend darzulegen. Die Textsammlung wiederum deckt in ihrer Unterschiedlichkeit einiges ab, dessen lyrischer Zugriff auf das Thema Einblicke und Empfindungen generiert, die überraschend und wendungsreich ihrer eigenen Logik folgen. Auffällig ist dabei, dass sich viele Texte über die Ente lustig zu machen scheinen (auch formal), indem sie offensichtlich den albernen Aspekt der Angelegenheit als entscheidend herauskehren (Lyrik in Form einer Ente, Wortspiele mit Ente, Pointen und immer wieder das Kuriosum der Verdauung mitsamt Ausscheidung – im Übrigen eine „Ente“ im Sinne der Journaille, wie Lubkowitz schreibt, denn Vaucanson simulierte die Verdauung mit zwei Beuteln, also gänzlich nicht-mechanisch/ chemisch: ein Beutel für die Nahrungsaufnahme, ein präparierter zweiter Beutel für den Kot, mit einem Zeitrad zwischengeschaltet). Wesentlich freier und aufgeschlossener scheinen diejenigen Textbeiträge, die über Analogien und Innensichten des Schaffenden oder ein erweitertes Schauen jenseits der vordergründigen mechanischen Entenkomponenten sich dem Thema nähern. Alke Stachler und die drei Schlussbeiträge von Georg Leß, Max Czollek und besonders Mikael Vogel wären hier hervorzuheben, zeichnen sie doch die liebevolle Tragik von Vaucansons Schöpfung nach. Denn dies ist wohl das Spannendste an diesem Projekt (wie Buch): eine mechanische Ente ist derart mehrdeutig an sich, dass sie und ihre Geschichte in jedweden Zusammenhang gestellt werden kann, spottenden, faustischen, aufklärerischen oder auch einfach Schöner Lesen. Viele lohnende Momente auf nur 28 Seiten.

Georg Leß

LOB DER ENDOSKOPE

Abstecher, nicht mehr, in die Unmenschlichkeit
dennoch kehr ich als Eindringling heim

auf Abstand zum weichen Bewohner, nicht weit
der Schnittstellen wegen, des Fliegengewichts
nichts als ein Daunenabdruck in der Finsternis

hautlos rollt Handwerk an, Abwarten spant, der
Edelschnabel löslich zwar, kurzkettig, was aber
wenn er Bestand hat, welche stille - - wessen
Oberfläche stört er dann, schlingt sich um den Hals

was tut der Steinmetz mit der Langhaarbürste?
kürzt, freit eine Armlose, verklappt
was tut der Schnitter mit der Schnatterstimme?
schweigt, eh er dem letzten Kunden offenbart

                was tickt im Tier will ich tauschen
                gegen das Gluckern in mir
                von der Nymphaea bis auf den Weihergrund
                beide bleiben wir Dosen und Tenebrae factae sunt

 

Beteiligte Autor_innen der Ausgabe: Mit: Marko Dinic, Asmus Trautsch, Lea Schneider, Nora Zapf, Anna Hetzer, Caca Savic, Alke Stachler, Daniel Bayersdorfer, Alexander Graeff, Esther Strauß, Joseph Felix Ernst, Georg Leß, Max Czollek, Mikael Vogel, Anneke Lubkowitz. Titelillustration: Andrea Schmidt.

 

Tobias Roth (Hg.)
Lob der mechanischen Ente
SuKuLTuR Verlag
2017 · 27 Seiten · 3,00 Euro
ISBN:
978-3-955566-062-8

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