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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Engagement! Gedichte, die in ihrer Direktheit den Leser anspringen.

Gedichte, die in ihrer Direktheit den Leser anspringen.

Sicher gibt es Kollegen, die sich von einem Gedichtband wie diesem abwenden, die ihn, wenn sie ihn anfassen, dann nur mit spitzen Fingern anfassen. Nicht weil sie angesichts eines Fäkalausdrucks zu erröten gewohnt sind, nein, das regt sie eher an, sondern weil sie mit engagierter Kunst so gar nichts anzufangen wissen. Kollegen, die mit Adorno wedeln oder seinen konservativen Gegnern, und die seinen Aufsatz über oder besser gegen politisches Engagement der Kunst und gegen Sartre zitieren. Gut, diese Debatte ist vergessen. Aber sie scheint sich immer wieder neu zu entzünden, angesichts neuerlich engagierter Kunst, angesichts von Gedichten, die nicht bei sich bleiben, die Partei nehmen. Gedichte also, die den Autonomieanspruch der Kunst aus freien Stücken und für sich selbst partiell aufgeben.

Solche Texte begeben sich auf dünnes Eis, wissen, dass sie polarisieren und vor allem scheitern können, wenn das Gemeinte hinter dem Gutgemeinten verschwindet. Ihre Kunstfertigkeit liegt in der Direktheit, mit der sie den Leser anspringen.

Dabei ist es nicht so, dass Bresemann in seinen Gedichten irgendetwas erklärt. Er zeigt. Er zeigt auf. Und geht gleichsam im Sprung über einen historischen Zeitraum von gut dreißig Jahren hinweg.

Das Faszinierende dabei ist, dass trotz des schnellen Schnittes das Kleinteilige sichtbar bleibt. „und dann wieder buffetstrecken, häppchen-/ infektionen, körpersprachverlust, /...“

Im Zeitalter der geforderten Entschleunigung rast ein  Dichter durch Berlin und dessen nähere Umgebung. Durch das titelgebende Berliner Fenster scheint er nur gesprungen zu sein, um auf der Straße vor einer Lache niederzuknien, die er eingehend betrachtet. Und einen Moment später eilt er schon weiter.

Bresemann gelingt es in seinen Gedichten, den Leser mitzunehmen auf diesen rastlosen Run durch die Bundeshauptstadt, die auch ein modernes Rom sein könnte. In jeder Pfütze nämlich spiegelt sich Geschichte, unmittelbare Vergangenheit wie auch weiter zurückliegende Epochen.

Solche Haltung hat natürlich einen Haken, wenn das ein Haken ist. Die Texte werden von einer merkwürdigen Melancholie durchzogen. Eine Sehnsucht schwingt mit.  Diese Sehnsucht nach seelischer und moralischer Unversehrtheit, die immer dann am meisten sichtbar wird, wenn Bresemann ungeschönt auf das Versehrte der Gegenwart zeigt, ist natürlich ein Motor des Schreibens und der Bewegung. Gleichzeitig ist es eine Sehnsucht nach Heimat. Einer Heimat die es nie gegeben hat in ihrer Unversehrtheit.

Eine andere Triebfeder ist Solidarität und Empathie. Am Ende des Gedichtes „coming out“ heißt es:

„ich will/ auf keinen fall wie ein schwuler/ diskriminiert werden.“

Hier findet sich die Angst vor Diskriminierung, die noch jeden Lebensentwurf einschränkt.

Und immer wieder kamen mir bei der Lektüre die seltsam pathetischen Schlusssätze aus Blochs Prinzip Hoffnung in den Sinn:

„Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Tom Bresemann
Berliner Fenster
Berlin
2011 · 96 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-827009739

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