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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Schöne neue Krimiwelt

Tom Hillenbrands „Drohnenland“ ist unerhört plausibel, macht es aber schwierig, Vertrauen in die Neue Datenwelt zu fassen.
Hamburg

Friedrich-Glauser Preis 2015 in der Sparte “Roman”

Es regnet im Sommer, das ist man gewohnt, es regnet den gesamten Sommer, das ist schon nicht mehr schön. Aber das ist noch das geringste all der Probleme, auf die Kommissar Westerhuizen in Tom Hillenbrands Thriller „Drohnenland“ stößt, oder sollte man besser sagen, an die er sich mittlerweile schon gewöhnt hat?

Denn in dieser schönen neuen Welt, in der der Strom aus großen Sonnenkraftwerken stammt, die im nördlichen Afrika stehen, und in der ökologisches Denken und Handeln zu den Basiselementen des gesellschaftlichen Lebens gehört, sind die Niederlanden dennoch nur noch eine von der Nordsee überflutete Erinnerung. Ja, es gibt die Europäische Union noch, sie ist mächtiger als je zuvor. Die Nationalstaaten haben derweil nur noch folkloristischen Charakter. Aber die Briten wollen immer noch austreten und ihr eigenes Ding machen.

So mächtig die EU eben mittlerweile ist, so stark sind im Übrigen ihre Gegner, zu denen eben nicht nur die großen politischen Blöcke gehören (die USA haben mittlerweile abgedankt), sondern auch eine Reihe von international agierenden kriminellen Syndikaten und einige nicht weniger aggressive Terroristengruppen.

Widerstand gegen den übermächtigen Überstaat EU gibt es zudem im Inneren. Die maghrebinischen Gebiete gehören mit Sicherheit dazu, leistet die EU sich doch aus naheliegenden energiepolitischen Gründen ein Protektorat, sprich Kolonie, auf afrikanischem Boden.

Auch ansonsten ist die Neue Welt keine friedliche Welt, sogar die esoterischen Gegner der Industriewelten haben sich mittlerweile zum militärischen Widerstand bekannt und attackieren das System, wo sie nur können. Die Hafenstraße ist überall, und sie ist noch stärker darauf aus, sich als extraordinärer Raum zu konstituieren als das heute der Fall sein mag.

Dabei ist das System zu diesen Zeiten fast übermächtig, jedenfalls so mächtig, wie man es sich heute vorstellen kann. Basis dieser Macht ist ein umfassendes Überwachungssystem, das jederzeit jeden im Blick hat. Kameras, Drohnen, Automaten wo auch immer, ja bis in den letzten intimen Bereich hinein sammeln Daten und leiten sie an einen Zentralrechner namens TEREISIAS (genannt Terry) weiter, der diese Daten auswertet und daraus Bewegungsprofile ableitet, mehr noch, der daraus (erfolgreich) vorauszusagen versucht, wie sich die Einzelnen jeweils verhalten werden.

In weniger toleranten Gesellschaften, als es die EU dieser allzu nahen Zukunft ist, führt dies dazu, dass Risikokandidaten einfach vor der Tat einkassiert und sicherheitsverwahrt werden. „Minority Report“ hat eine Variante der Probleme gezeigt, die daraus entstehen. Aber in einem offenen System ist das anders, da sind die privaten Daten solange geschützt, solange der Einzelne keinen Unsinn macht oder solange sie niemand anderes stiehlt. Aber das ist ein bekanntes Übel.

Für jemandem im System sieht das naheliegend anders aus. Westerhuizen ist so jemand, der im System ist. Er gehört zu einer Art EU-unmittelbaren Polizei, die allumfassende Ermittlungskompetenz hat, und sich bei ihrer Arbeit von jenem Zentral-Rechner unterstützen lässt, der alle Daten aller Areale und aller Bürger verarbeitet. Das versetzt ihn in die Lage, zum Beispiel einen Tatort in der Tatzeit realistisch zu rekonstruieren und in eine Simulation zu projizieren, die im Roman Spiegelung genannt wird. Diese Spiegelung kann begangen werden, sie hat dreidimensionalen Charakter, sie ist so nahe an der Realität dran, wie es eine Simulation nur sein kann.

Später im Roman erhält Westerhuizen sogar Zugang zu einer Echtzeitfassung der Spiegelung, was einige Vorteile hat, zum Beispiel Reisezeiten verkürzt, aber auch ein paar Nachteile, zum Beispiel nimmt einen das ganz schön mit. Aber das mögen die Restbestände jenes Humanen sein, dessen Verfall sonst allenthalben beklagt wird.

Ein solches System hat naheliegender Weise enorme Vorteile, wenn es darum geht, einen Tathergang zu klären. In diesem Fall geht es um einen Europaparlamentsabgeordneten, der kurz vor einer entscheidenden Abstimmung über eine Verfassungsänderung umgebracht wird. Das erregt Aufsehen, die Ämter sind gehalten, schnelle Ergebnisse zu bringen. Und die werden auch gebracht, spätestens, nachdem ein Bekennervideo im Netz auftaucht.

Aber dass es damit nicht genug ist, erwartet man von einem hinreichend intelligent gemachten Krimi. Und in diesem Fall ist hinreichend ein enormes Understatement. Und selbstverständlich hat die weitere Entwicklung viel damit zu tun, dass das übermächtige System pervertiert und ausgenutzt wird.

Interessanterweise ist das eingebettet in die permanente Diskussion über die kommende künstliche Intelligenz, also einen Niveauschub, der aus einer Rechenmaschine eine intelligente Entität macht. Da wird jeder „Matrix“-kundige Leser selbstverständlich die Maschinen wittern, die die Menschen zu hirnlosen Drohnen herabwürdigen wollen. Oder Hillenbrand gelingt noch eine kleine Wendung, die aus einem intelligenten Thriller mit SF-Profil einen hochbrisanten Beitrag zur politischen Kultur macht.

Und in diesem Fall ist das auch so. Dass dabei der Schaden von Menschen, die Rettung anscheinend von einer neuen, eben künstlichen Intelligenz stammt, die sich ihrer Defizite bewusst ist, kann als ironische Wendung gelten. Angesichts der sich anbahnenden Datenwelt, die lebensweltlich so ungemein große Vorteile bietet, aber eben auch zu Missbrauch einzuladen scheint, stehen die Nebeneffekte nicht ohne Grund derart im Vordergrund der Diskussion. Es kommt eben darauf an, beide Sichtweisen miteinander zu verbinden. Und dann darauf zu setzen, dass man die Folgen in den Griff bekommt, ohne unterzugehen. Ein zutiefst menschliches Prinzip.

Tom Hillenbrand
Drohnenland
Kiepenheuer & Witsch
2014 · 432 Seiten · 9,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04662-5

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