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Kritik

Missgriff

Große Namen sind keine Garantie für große Romane. Tom Rob Smiths „Ohne jeden Zweifel“ demonstriert das nachdrücklich
Hamburg

Suspense ist eines der wichtigsten Zutaten eines Krimis, die unerwartete Wendung, eine Idee, eine Motivation oder auch nur eine Handlung, die ein Leser nicht vorhergesehen hat – das zu erzeugen ist die große Kunst des Krimis bis heute.

Langeweile nun ist die größte Sünde des Krimis, nicht nur heute. Und Langeweile entsteht vor allem dann, wenn ein Text seine Handlung nicht vorwärts treibt, wenn es keine Überraschungen gibt, sondern nur das ewige Plätschern des Textes, garniert mit den Überlegungen des Protagonisten, was denn da genau – am besten mit ihm – geschieht.

Dabei muss auch in einen Krimi nicht viel geschehen. Handlung mag laut sein, aber Lautstärke übertönt gelegentlich inszenatorische Schwächen. Das ist im Film besser zusehen als im Buch, gilt aber für beide. Patricia Highsmith war eine Meisterin darin, Leser in eine vorgeblich handlungsarme und ereignislose Welt einzuführen. Allerdings ist genau dies eine hohe Kunst – Spannung zu erzeugen mit Mitteln, die jeder Spannung zu widersprechen zu scheinen.

Tom Rob Smith geht dieses Talent offensichtlich ab – zumindest was dieses Buch angeht. Aber schaun wir uns das an.

Ein junger Mann namens Daniel erhält einen Anruf seines Vaters, dass seine Mutter leider in ein Krankenhaus habe eingewiesen werden müssen, da sie unter Wahnvorstellungen leide. Natürlich macht Daniel sich auf den Weg nach Schweden, wo seine Eltern mittlerweile leben, als ihn nunmehr der Anruf der Mutter erreicht, die sich aus der Klinik hat entlassen können. Sie ist nun auf dem Weg zum Sohn, um ihm Beweise dafür vorzulegen, dass sie und ihr Mann nicht nur mit dem Umzug nach Schweden, wo sie ihren Lebensabend verbringen wollen, in einen Komplott geraten sind, den sie erst nach und nach hat erkennen können. Sie muss zudem feststellen, dass ihr Mann – Daniels Vater – mit zu den Verschwörern gehört.

Hauptakteur dabei ist ein zwielichtiger Nachbar, der seinen Gewährsleuten merkwürdige selbstgeschnitzte Figuren schenkt. Je mehr sie davon im Wohnzimmerfenster stehen haben, desto mehr stecken sie mit drin. Es geht dabei irgendwie um die Tochter dieses Mannes, die – unerhört schön – in der schwedischen ländlichen Heimat völlig deplatziert wirkt.

Daniel ist selbstverständlich alarmiert, bricht seine Reise ab, empfängt seine Mutter und lässt sich nunmehr genauestens erzählen, was sich denn im fernen Schweden zugetragen hat – dabei den Vater jeden Moment erwartend, der seine seinerseits die Reise angekündigt hat. Die Erzählung der Mutter steht also unter Zeitdruck, zumal sie ja durch ihren Aufenthalt in der Psychiatrie erst einmal unglaubwürdig wirken muss. Dass das alles paranoid ist, braucht einem keiner zu sagen. Luc Boltanski, der jüngst eine Studie über den Zusammenhang von Paranoia und Krimi publiziert hat, wird hier ganz und gar bestätigt. Da, klar, alle paranoid, nur wer mehr, wer weniger, das ist nicht.

Garniert wird der Plot noch dadurch, dass Daniel durch die Erzählungen der Mutter darüber aufgeklärt wird, dass die Eltern nicht in Wohlstand ihren Ruhestand haben beginnen können, sondern sich verspekuliert haben und beinahe alles verloren haben. Schweden war also eine letzte Chance. Und ihrem Sohn haben beide Eltern nichts davon erzählt.

Wie auch der Sohn sein Geheimnis hat: Er ist schwul und lebt mit einem Mann zusammen, hat aber den Eltern nichts davon erzählt. Dabei hätte er das doch so gern getan, aber er hat sich nicht getraut. Drama also ohne Enden.

Damit müsste doch etwas anzufangen sein? Eigentlich nicht, weil zu konventionell. Und deshalb ist, das, was nun folgt, eigentlich logisch: ein endloser Sermon, dessen inszenatorische Eckelemente einigermaßen mürbe sind, soll heißen, keine Geschichte tragen. Denn statt Smith direkt in medias res geht – Mutter schreit Sohn sämtliche Vorwürfe gegen Mann, Vater, Land und Leute in Schweden ins Gesicht, was dazu führt, dass er weder etwas versteht noch etwas nachvollziehen kann -, sitzen Mutter und Sohn in der Wohnung des Sohns und sie erzählt, erzählt, erzählt – zwischendrin kommt der sorgende Lover des Sohnes herein, achja, da war doch was – und dann erzählt sie weiter und weiter.

Smith bleibt in aller Trägheit bei der Chronologie der Ereignisse, wie sie – angeblich – von der Mutter dem Sohn erzählt wird. Dass das seine Haken hat, scheint auch Smith irgendwann aufgegangen ein, immerhin lässt er die Mutter bei knapp der Hälfte des Textes sagen, dass, wer chronologisch erzähle, klar im Kopf sei.

Dem hier deutlich widersprochen werden soll. Denn das chronologische Erzählen spricht nicht für Klarheit, sondern für Einfältigkeit. Also von der Idee, dass eine Geschichte vorne anfängt und hinten aufhört. Einfach so. Was aber keine Geschichte tut.

Erst recht nicht eine wie diese, die mit einem Big Bang anzufangen vorgibt, dann aber sich in öde Dräuen versteigt. Dummerweise ist nämlich bis dahin aber einfach nur nichts geschehen, was die vergeblich inszenierte Aufregung rechtfertigen würde. Hinzu kommt, dass es äußerst unplausibel ist, dass jemand angeblich so extreme Vorwürfe erhebt, dann aber nicht mit den Vorwürfen beginnt (meinetwegen aufgeregt plappernd und völlig unkontrolliert), sondern die Geschichte von Anfang bis Ende der Reihe nach erzählt.

Das strapaziert nicht nur die Geduld des Zuhörers, also Daniels, sondern auch des Lesers, was eben dazu führen muss, dass mindestens einer von beiden aufgibt. Da Daniel wohl aus dem Romankosmos nicht ausbrechen wird, trifft das dann wohl den Leser. Wenn das gute Unterhaltung ist, dann doch lieber Klassiker lesen.

Tom Rob Smith
Ohne jeden Zweifel
Aus dem Englischen von Eva Kemper
Manhattan Goldmann
2013 · 384 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-442-54678-7

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