Anzeige
Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
x
Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Schulter an Schulter · mit dem Maulbeerbaum

Hamburg

Lesen wir Tom Schulz' 20161 in der Edition AZUR erschienene "Polnisch-Ukrainische Reise" als Roman oder als thematisch strikt sortierte Kurzprosasammlung? Letzteres bestimmt nicht – zu homogenisiert, zu aufeinander bezogen sind die mehreren Dutzend kurzen Abschnitte, aus denen das Buch besteht. Roman ist das aber auch keiner. Klar, da reist jemand durch die bröseligen Stadtlandschaften zwischen ca. Kleinpolen und der Bukowina, und die Reihenfolge, in der die Reiseeindrücke auf unsere Großhirne losgelassen werden, ist romanhaft komponiert statt einfach linear. Aber wo so etwas im Text vorkommt, erklärt der Icherzähler sein jeweiliges Hiersein auf eine Weise, die nahelegt, Schulz inszeniert da ein "unkompliziertes Verhältnis" von Erzähl-Ich und ontischem Autor (will sagen: schreibt halt auf, was er erlebt hat). Aber, wichtiger für die Gattungsfrage: …

… Was wir da lesen, weist keinen bezeichenbaren Zentralkonflikt auf. "Schulz" fährt herum; er besucht Orte, Universitäten, Gedenkstätten, Leute; irgendwann fällt uns auf, dass es da um mehr als  eine einzelne Reise geht –

Zwei Mal bin ich durch Ost- und Westgalizien gefahren, das eine Mal per Zug, das andere Mal im Traum. Was ich von den Landschaften gesehen habe, entspringt den nächtlichen Phasen des Versinkens in einer eigenen Wirklichkeit. War es in einem Nachtzug oder in jenem Traum, als die Hügel, sanft geschnitten, anhoben zu einem Lied? Lied von der Heimat, die jemand besass und verlor. Beides vermischt sich in der Erinnerung.

– dass es da mehrere tatsächliche Fahrten gibt, Erinnerungen von "Schulz", Erinnerungen anderer Leute, die "Schulz" aus Büchern oder Erzählungen kennt, Assoziation, Traum, die Unwägbarkeiten schon des individuellen Erinnerns. (Offensichtlich ist, was an dieser Feststellung noch hängt: Die Unwägbarkeit von Erinnerungen, auf die eine Gesellschaft sich einigt und die sie in eine Landschaft einträgt … Welche Gesellschaft? Welche Landschaft? Nur die je eigene?) Es handelt sich bei alledem nicht um Bewusstseinsstrom-Prosa, aber trotzdem sind die Marker, welche die "innere" Wirklichkeit, die "äussere" Wirklichkeit und die Wirklichkeit der Archive deutlich voneinander scheiden, spärlich gesät … Ungefähre, sprachgefühlig nahegelegte Scheidung der Ebenen – das gibt es in der "Polnisch-Ukrainischen Reise" viel häufiger. Aber da geht es dann plötzlich um Interpretationsspielräume und um die Frage, wer interpretiert.

Also keine Kurzprosen und kein Roman. Wir werden dagegen nicht fehlgehen, wenn wir "Das Wunder von Sadagora" als literarisches Journal lesen; genauer: als Inszenierung des naiven Reisejournalgestus, die doch tatsächlich ein bisschen komplizierter gestrickt ist, als die einzelnen Einträge – ein-zwei-drei-vier Seiten lange Abschnitte, bisschen Introspektion, bisschen Landschaft, bisschen Recherche, bisschen Interaktion mit Leuten – das prima facie nahelegen. Der Ortsname "Sadagora" im Titel jedenfalls bedeutet uns, in Bezug auf welche Hallräume wir lesen sollen, bzw. durch welche Hallräume und Wachträume Schulz' Ich da reist:

Das Kaff nahe Cernowitz steht als Chiffre für die Identifikation von Judentum, Roßtäuscherei und den räudigen Randzonen ("Herzen der Finsternis" und so) zwischen "Steppe" und "deutschsprachiger Zivilisation" – und dann, andersrum, für das Zurückerobern eigener Identitäten, eigener Erzählungen durch die abgestempelten Insassen der Randzonen in einem, beispielsweise, "Wunder" von Sadagora. Es verdankt seine Verwendbarkeit als solche Chiffre einem der bekanntesten Fälle von intertextueller Anspielung in der Literaturgeschichte, nämlich jenem Zitat bei Celan, wo er sagt, er sei geboren –

in Cernowitz bei Sadagora

– und damit an Francois Villon anknüpft, der in seinem Galgencouplet erklärt, er sei –

Né de Paris emprès Pontoise

– womit der "von oben" bestenfalls geduldeten Gaunersiedlung die grössere Bedeutung gegenüber der Weltstadt eingeräumt wird. Vor diesem Hintergrund müssen wir Schulz' Reisejournal lesen: Als 187 Seiten langes hermetisches Naturgedicht in vier Strophen (vier Großkapitel), jeder Journaleintrag eine Zeile, Thema: Das Gedächtnis der Landschaft im Widerstreit mit dem Gedächtnis der Menschen als Gattungswesen; das Gedächtnis der Menschen als Gattungswesen im Widerstreit mit der individuellen Erzählung. Mit dieser Leseweise wird uns an dem vorliegenden Journal nur problematisch, was auch sonst an Celan'sch-hermetischer Literatur problematisch ist: Die seltsame Ungleichzeitigkeit des ruhigen Schwebens über den Dingen, einem allsehenden Auge gleich, mit den in sich unruhigen, zum Teil untragbaren Dingen-selbst; der Unterschied der Bildausschnitte, die einerseits der Leser des Journals und andererseits die darin auftauchenden Figuren zu sehen bekommen.

 

  • 1. "2016 erschienen" … ich weiss ich weiss … mehr als lesen kann ich nicht … hatte auch gehofft über den Winter mal selbst in die Gegend zu kommen von der das Buch zu handeln verspricht, und dann dort … wurde dann nichts … ach.
Tom Schulz
Das Wunder von Sadagora. Eine Polnisch-Ukrainische Reise
edition Azur
2016 · 196 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-942375-26-9

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge