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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Endlich trägt der Palmbaum Früchte

Hamburg

Man könnte auf den Gedanken kommen, besonders wenn man in den Straßen Berlins die Legionen der Flyer und Plakate unter den Augen vorbeiziehen lässt, dass derzeit weniger produziert als vielmehr kuratiert wird – nicht nur Ausstellungen, auch Theater- und Musikveranstaltungen, gar Mixtapes. Dass diese Kulturtechnik, oder vielmehr: Kulturmaschine auch auf den Gefühlshaushalt und auf die Restposten metaphysischer Hoffnungen auszugreifen scheint, hat Tom Schulz auf die Nadel eines spitzen Verses gespießt: „diesen Himmel habe ich // kuratiert mit einem Kuss“. Dieser Vers weist aber nicht nur in die postmodernen Montagehallen. Die Tatkraft, die auch durch die Zartheit des Bildes schimmert, darf man andrerseits ernst nehmen: Der Kurator Schulz hinterlässt mehr als Spuren und Fingerabdrücke in dem Material, das er sich in seinem neuen Band „Innere Musik“ vorgenommen hat.

Das beginnt mit der Erweiterung des Fundus, aus dem heute üblicherweise geschöpft wird, es geht über die Klassische Moderne hinaus, über jene Teile der deutschen Romantik, die sie mit Fangarmen belegt hält, einige Angelsachsen und Baudelaire, wenn es hoch kommt. Die Spannweite der „Inneren Musik“ aber reicht bis in den Barock zurück: „zwei Brüste die wie Märchenreiche / schwimmen in einem Meer untergegangener / Katecheten, diesen Himmel habe ich // kuratiert mit einem Kuss“ eröffnet den Text, der sich vom Titel an, Beschreibung vollkommener Schönheit, an Christian Hofmann von Hofmannswaldau anschließt (ein kleiner, zweiseitiger Anmerkungsapparat am Ende des Bandes weist zudem darauf hin). Auch Martin Opitz, der Vater der deutschen Dichtung (seinerseits bekanntlich Sohn eines Metzgers), wird gewürdigt, Halbvergessene wie Johann Christian Günther und Georg Rudolf Weckherlin. (Dass in Anlehnung an den letzteren ausgeteilt wird und, so scheint es mir, die Konzeptkunst eines Piero Manzoni einen Schuß vor den Bug bekommt, ist besonders schön.)

Von Dichtern wie diesen hat man lange nichts gehört; es wäre wohl ein viel zu frommer Wunsch, zu behaupten, es läge nur daran, dass die einzige ordentliche vorliegende Edition der „Neukirch’schen Sammlung“ so unerhört und unerschwinglich teuer ist. Einlösbar fromm aber scheint mir der Wunsch, die Einwohner einer von barocken Zügen gesättigten Gegenwart würden sich auf die Taufpaten vieler ihrer Ängste und Wucherungen einlassen. In jedem Falle lotet Tom Schulz vor diesen vielfältigen, teils exotischen Folien die feine Linie zwischen Wiederschreiben und Widerschreiben aus, spürt den Druckwellen der Bücher nach und reiht sich in deren Jahresringe.

Natürlich scheint auch viel Musik in diesem Band auf. Da ist die äußere: durch offenere und verdecktere Bezugnahmen klingen dort Pergolesi, Bach, Wagner, Mahler, Schubert im Dunstkreis Beethovens, durchschimmernder Chopin. Spannender zu verfolgen aber ist es, wie die Musik als metaphorischer Bereich in die Innenwelt eindringt und Schwankungen, Intensitäten und Lautstärken inszeniert, die mit Dezibel längst nichts mehr zu tun haben. „die Stimme stimmt den Bogen“, anderes verklingt in „Orgellandschaften“, bis sich „die Stadt eine Oktave höher hebt“. Bilder wie diese sind in beide Richtungen offen. Der Ausdruck der inneren Bewegung hat mit der äußeren nur den Namen gemein, und das wird auch ausgestellt: in Verneinungsfiguren, die keinen Rest zu lassen scheinen, aber in Wahrheit eine ganze Fülle präsentieren: „tanzen möchte ich ohne zu tanzen“.

Dem entspricht auf der andren Seite der Medaille, dass Tom Schulz es versteht, Tautologien zu formulieren, die einen Mehrwert abwerfen, die in sich bei allem Selbstbezug eine Reibungsfläche ausbilden. So heißt es etwa in dem Dichter-Gedicht Bobrowski in Friedrichshagen zweimal „wer sehen kann, kann sehen“ – was im Gedicht dadurch bedeutend interessanter wird, dass die Landschaftswahrnehmung und -optik durch das hübsche Paradox (oder Hochgebirgsphänomen, was sich kaum aus Friedrichshagen ableiten lässt) „Sommerschnee“ eingeleitet wird und in bester bukolischer Manier die Entsprechung von betrachtetem Ich, aktiver Natur und poetologischer Markierung folgt: „ein Gespräch wäre gut / unter Hölderlins Holunder // Stille von Zweigen sich / zu vertiefen in selbst / verständliches Gras“. Bei Blickführungen dieser Art, die den Mensch und seine Landschaft, das Innen und das Außen ineinanderlegen, bleibt die Spur und Falz der Verarbeitung noch sichtbar und nachvollziehbar. Eher in den verlockenden Bereich der Fischereklogen weisen Verse wie: „unsere Hormone sahen Seeblumen ähnlich / wenn man sie unter Glas hielt / bildeten sie Bläschen, auf der Haut / blieben Ausblühungen zurück“.

Noch etwas spricht dagegen, dass in „Innere Musik“ ein bloßer Kurator am Werke ist: Es ist nicht einfach, aus den Gedichten auf einen Nenner zu kommen, die Gedichte lassen einen, mit anderen Worten, nicht so leicht aus sich heraus. (Während der platte Kurator von der Kunst im öffentlichen Raum bis zum Mixtape immer deutlicher und penetranter wird.) Die Stärke von Schulz’ Texten besteht aber gerade darin, dass man gar nicht so sehr hinaus möchte. Denn bei aller Rätselhaftigkeit des einzelnen Verses, strahlen die Gedichte eine Selbstgenügsamkeit, ja eine Selbstverständlichkeit aus, dass man jene berühmte Formulierung von Dr. Benn zur Hand nehmen möchte: hier sind Wörter „faszinierend montiert“. Von der „Aufrichtigkeit eines Bienenschwarms“ zu lesen, von einem „Domspatz voller Brandwunden“, das macht schon fröhlich, bevor die Semantik ihre Unruhe anmeldet.

Große Könnerschaft entfaltet Schulz auch in einer zierlichen Kleinstgattung, die sich ebenfalls bei den Barocken studieren lässt: dem Kuss-Gedicht. Auch wo es nur Abschnitte bestimmt, wie im den Band eröffnendenVon einem Schlafbaum der Wind, gelingen Verse von großer Anmut: „Lippenkrokusse kletterten, solcher Art / Mispelfrüchte, unter mythologischen Zweigen / blieben Küsse fragile Fragmente // es musste Entlegenes nah werden / unsere Zungen zu Küsten, die Meer / bildeten: Windhauch, Strömung“. Die gemeinplatzige Rosenmetaphorik des Barock hat sich hier elegant in die Mispeln zurückgezogen, die überlebensgroße Erfahrung eines Aeneas in den Zweig (über den James George Frazer mit seinen vielen Bänden zum Golden Bough vielleicht auch nicht mehr gesagt hat als der eben zitierte Vers).

Gewiss scheint es zuweilen so, als ob manch sperriges, gesuchtes Gewürzwort, das aus einem beachtlich exzessiven Wortschatz geschöpft ist, die Qualität des Gerichtes vielleicht eher verdeckt als steigert. Aber das mag jeder lyrische Gaumen selbst entscheiden. In jedem Falle gelingt es, vom Leser über alle Rätsel, Dunkelheiten und schwer zu verfolgenden Assoziationen hinweg einen Kredit an Aufmerksamkeit und versunkener Lektüre zu nehmen. Die Sinnlichkeit der Sprache und ihrer Klangmuster sorgen dafür, dass dieser Kredit, der im geduldigen Aushalten des Nichtverstehens besteht, mit Lust gegeben wird – denn auf den Zins eines reformulierbaren Verstehens muss man nicht schielen; tant mieux, wenn er anfällt. Um einen wunderbaren ästhetischen Terminus aus dem französischen Spätbarock hereinzukuratieren: Tom Schulz kreist in Innere Musik so beredt und versiert um das je ne sais quoi des Anblicks, der Empfindung, des Eindrucks, dass ein neues je ne sais quoi in seinen Versen entsteht.

Tom Schulz
Innere Musik
Berlin Verlag
2012 · 120 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-827010681

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