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Hamburg

Tomas Espedals Roman Wider die Natur erzählt einen uralten Topos: Ein Mann wird älter und verliebt sich in eine junge Frau. Sie beginnen eine Affäre, die unglücklich endet. Für Tomas, den Erzähler, bedeutet die Trennung einen Riss in seinem Leben. Mehr als über das Scheitern, ist Wider die Natur aber das Protokoll einer Selbstbehauptung. Mit dem abrupten Ende der Liebe beginnt auch die Suche nach einer literarischen Form.

Ein alter Mann in der Bibliothek. Eine junge Frau auf seinem Schoß. Draußen ein Fest: Neujahrsabend. „In dem Augenblick, als er sie sah, hatte er sein eigenes Alter vergessen.“ So beginnt Tomas Espedals neuer Roman Wider die Natur. Mit einer Urszene, möchte man sagen: Zwei Menschen blicken sich an und vergessen – jeder im Anblick des anderen vertieft –, wer sie eigentlich sind. Sobald da nämlich ein Spiegel ist, in dem sich beide betrachten, setzt die Reflexion wieder ein, ist diese schöne Traumgestalt, wie sie da kurz im Neujahrslicht aufblitzt, vorbei, meldet sich urplötzlich der unaufhaltsame Lauf der Natur zurück und ruft ahnungsvoll das Bild vom wilden Knochenmann hervor: Geh vorüber, ach, vorüber!

So schonungslos, so beinahe abgegriffen, möchte man sagen, beschwört Tomas Espedal in Wider die Natur – nach Gehen der zweite Roman, der nun in deutscher Übersetzung (Hinrich Schmidt-Henkel) vorliegt – den uralten Topos von einer Liebe herauf, die so unbedingt alterslos sein möchte, dass sie unversehens und doch zwangsläufig an ihrem eigenen Erwartungsbild scheitert: „Vor ein paar Minuten war er jung, jetzt ist er auf einmal alt geworden, er hat wieder sein richtiges Alter erreicht“. Der Ton, das hört man, ist gewagt. Espedals Sprache ist schnörkellos und direkt, auf einer privativen Ebene: emphatisch. Ein Ton, der seine Tücken, bei Espedal aber durchaus Methode hat.

Sein alter ego Tomas ist selbst Schriftsteller. Und die Geschichte seiner gescheiterten Beziehungen – es sind, man höre und staune, drei an der Zahl – wächst sich nach und nach zur Geschichte eines writer’s block aus. Zuletzt sitzt er nämlich da, zurückgezogen in einen Keller, ungewaschen und schlaflos. Er ist einer, der vergräbt sich gern drinnen; einer, der, wenn er darüber nachdenkt, was für ihn Glück bedeutet, die Antwort schon kennt: „Alles, was draußen ist, verändert sich, doch drinnen können wir die Dinge bewahren, wie sie gewesen sind; die Möbel, Lampen, Zimmer“.

Durch das Movens des Rückzugs erhält die wortkarge Sprache, die abgegriffene Bildlichkeit, auf die Espedal zurückgreift, wenn Tomas von seiner bedingungslosen, an Selbstzerstörung grenzenden Liebe zu Eli, Agnete und Janne erzählt, ihre Berechtigung. Weil in ihr das größte Glück des Sich-von-der-Welt-Abwendens und die Tragik desjenigen zusammenfallen, von dem am Ende nur noch zu sagen bleibt, er habe die „Fähigkeit zu lieben“ verloren. Die „glückliche Sprache“, so heißt es einmal, „ist in jeder Weise einfach und brutal: Sie war die schönste junge Frau, die ich je gesehen hatte“.

Und so ist dieser Roman auch gar nicht in erster Linie eine Geschichte des Scheiterns, wie immer wieder zu lesen. Auch nicht ein Roman von der Liebe. Ja, am Ende vielleicht noch nicht einmal ein Roman. Das Notizbuch, in das sich die literarische Form bei Espedal auflöst, ist der Beweis dafür, dass das persönliche Scheitern der Ausgangspunkt einer Selbstverständigung sein kann, der jedes Schreiben bedarf. Und so ist Tomas Espedals Sprache ungleich dort am stärksten, wo sie ganz bei sich ruht: wo nicht die „festen, hellen Brüste“ von einem „stramm sitzenden BH“ gehalten werden und einen „vollkommenen Bogen“ beschreiben, sondern sich auf einmal eine Falltür öffnet, auf der man die ganze Zeit schon blöde und selbstvergessen gestanden hat: „Ich schlafe mit dem Mobiltelefon auf der Brust. Näher kann ich ihr nicht kommen“. Und: „Nicht einmal der Schlaf weiß, dass du weg bist“. Auch das Scheitern hat also Methode. Es führt seinen Protagonisten an jenen Anfang zurück, der noch vor allem Anfang war: „Du sagst Ende, aber die Liebe wird nicht enden“.

Mehr als über das Scheitern, ist Tomas Espedals Wider die Natur das Protokoll einer Selbstbehauptung, das gleichermaßen von der Angst erzählt, sich zu offenbaren, und dem Zwang, es dennoch zu tun. Jeder Schritt vom Drinnen ins Draußen wird so unweigerlich für Tomas zu einem Schritt in die Zeit: „War das Glück beschämend? Unser Glück war beschämend, es war nicht natürlich, es war wider die Natur“. Und so ist der Augenblick, möchte man sagen, in dem Tomas – die junge Frau auf dem Schoß – sein eigenes Alter vergisst, der Moment, in dem es wie ein „Schatten“ über ihn kommt und ihn nicht mehr loslassen wird: „es legt sich fest auf dich, presst dich auf die Matratze, hält deinen Kopf in einem furchtbaren Griff fest und bläst dir Eis in den Mund“.

Tomas Espedal
Wider die Natur
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz
2014 · 180 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-88221-188-7

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