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Kritik

Abgründe in schöner Umgebung

Viel Parapsychologie in Tonio Walters Novelle "Am sechsten Tag"
Hamburg

Gleich im ersten Satz erfährt der Leser dass es mit Luigi Scalfaro, Besitzer eines Auto-Rennstalls ein schlechtes Ende nehmen wird. Gerade noch isst er seine Frutti di Mare und eine knappe Woche später wird er brutal ermordet werden. Man darf annehmen, dass der Autor bei der Wahl der Zeitspanne auch an die Schöpfungsgeschichte gedacht hat. Heißt es doch in der Genesis, dass der Herr am sechsten Tag den Menschen geschaffen und ihn für gut befunden hat.
Aber nichts ist gut, was sich in der luxuriösen Villa in der Nähe von Genua abspielt. Luigi hat Sorgen, erfährt der Leser bald, dieser gutaussehende Luigi, dessen Aussehen und Kleidung ebenso detailliert vorgestellt werden wie die seiner Gattin Donatella mit ihren langen schwarzen Haaren und

zu hohen Bögen gezupfte Brauen gleicher Farbe, stechend grüne, mandelförmige Augen, hohe Wangenknochen, eine lange Nase, einen roten Mund, ein energisches Kinn, eine Oberweite, die der Bezeichnung bestens gerecht wurde, und lange Beine.

Bald wird Donatella den Erzähler verführen, wobei er noch Glück hatte, denn sie verzichtet bei dem Liebesakt auf die delikaten Gebrauchsgegenstände, die er später in ihrem Zimmer findet. Womit wir bei dem Erzähler wären. Das ist Professor Wiesthal, ein Experte für Parapsychologie aus Deutschland. Er soll herausfinden, weshalb in der Villa merkwürdige Dinge geschehen. Lampen schwingen ohne Anlass hin und her, Glühbirnen platzen oder Steine fliegen von unsichtbarer Hand geworfen durchs Fenster. Professor Wiesthal hat bald einen Verdacht, der sich auf den sogenannten Rosenheimer Spuk bezieht, eine Geschichte, die 1967/1968 durch die Presse ging und die den Juristen Tonio Walter vielleicht zu dem Roman mit angeregt hat. Damals ging es in einer Anwaltspraxis um eine Angestellte, die angeblich Ursache der parapsychologischen Ereignisse gewesen sein soll.

Professor Wiesthal erklärt dem Hausherrn:

Allerdings halte ich für diese Erscheinungen ebenso wie für die Steine und das Drehen des Fotos parapsychologische Ursachen für möglich. Ich hatte Ihnen ja schon gesagt, dass die Vorgänge rund um die Lampen und das Foto stark an etwas erinnern, das in Deutschland als ˃Rosenheimer Spuk˂ bekannt geworden ist. Und dazu passt, dass die Erscheinungen hier wie dort an die Gegenwart einer jungen Frau gekoppelt sind.

Die junge Frau, um die es in der Novelle geht, ist Viola, die vierzehnjährige Tochter des Hauses. Sie ist ein verstörtes Kind und es ist schnell klar, dass dieses Haus ein Geheimnis um sie herum birgt. Der Professor forscht mit kriminalistischer Energie und die Ergebnisse seiner Untersuchungen sind durchaus real und schrecklich konkret. Für die sogenannten parapsychologischen Ereignisse gibt es lediglich die Erklärung, dass sich Donatella mit eben solchen Phänomenen sowie Hypnose usw. befasst. Zu Beginn scheint der Professor noch nach natürlichen Ursachen zu forschen, diese bleiben aber ohne Ergebnis, wie auch die Nachforschungen der Polizei. Der Leser muss sich also darauf einlassen, wobei sie für die Ursachen der Tragödie und deren Entdeckung sowieso nicht wichtig sind.

Tonio Walter
Am sechsten Tag
Protokoll einer Vernichtung
Schöffling & Co
2015 · 176 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-075-2

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