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Kritik

Atomatisiert mitten im Satzgebilde

Wi(e)der sprechen können. Matrix 28. Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker
Hamburg

Flaschenbürste ∙ Gemüsebrühe ∙ Brillenputztücher

Und so kam Matrix 28. Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker ins Haus: herausgefallen aus dem Briefkasten, weil vielwiegend und in glatte Folie eingeschweißt. Hatte nun ungelesen gleich ein Eselsohr wie nach 50 Lesejahren. Gut. So brauchte ich nicht mehr zimperlich sein, und meine Matrix kam unters Kopfkissen sowie unter die Kaffeetasse und unter die Linden, mit einem Einkaufszettel als Lesezeichen (»Flaschenbürste, Gemüsebrühe, Brillenputztücher«). Solche Bücher müssen sich, schließlich können sie, bei näherem Betrachten, dem Inhalt nur so entsprechen, verformen und transponieren dürfen. – – – Die Lektüre wirkt befreiend, erhellend, beunruhigend. Endlich fühl ich mich wieder in einem Buch ›zuhause‹, in einem ›Fachwerkbuch‹. Traian Pop, Verleger des Ludwigsburger Pop Verlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift Matrix, gab Theo Breuer freie Hand für eine FM-Sonderausgabe. Mr. Workbench, so möchte ich ihn nennen, schafft es, dass 81 Autoren und Künstler sich aufsternen zu Thema, Person, Faszination Friederike Mayröcker, incl. sie selbst, atomatisiert mitten im Satzgebilde.

Mischung

Fang ich am Anfang an? Nein, ich fang mit Seite 216 an, mit dem Bild eines toten Kaninchens. Im Garten liegt eine tote Taube heut – sieht aus, als ob sie noch lebt – und entfacht Fragen bei uns Vieren: »Woran ist sie gestorben?« ∙ »Der Nachbarsjunge wollte sie töten und die Eier aus dem Nest klauen« ∙ »Wohin sollen wir sie tun?« ∙ »Sie muss weg, ihr Kinder werdet sie anfassen und krank werden« ∙ »Wir müssen sie begraben, man kann doch so ein Tier nicht in den Müll werfen« ∙ »Das gibt bestimmt Ärger mit der Hausverwaltung« ∙ »Dem Hauswart Bescheid sagen?« ∙ »Mensch, den hatte ich vorhin an der Tür, der hatte seinen Koffer heute früh auf der Mauer vor unserm Fenster stehen lassen und das erst auf der Autobahn gemerkt, war noch mal umgekehrt und fragte, ob wir jemanden gesehen hätten, der Koffer sei weg, und ich sagte: ›Nein, aber normalerweise nehmen doch die Leute das Zeugs mit, zerfleddern alles und schmeißen, was nicht Geld ist, ein paar Meter weiter in die Büsche‹.« … Und als wir endlich in den Garten gehen, ist eben das mit der Taube passiert: blutig, zerfetzt. Jetzt fällt die Entscheidung leichter: Mit Einmalhandschuhen legen wir sie und die Federn in einen Müllbeutel und draußen in die Tonne. Und machen ihr trotzdem ein Grab mit Blumen. Aber diese Mischung: die Besorgnis um die Kinder mit der Besorgnis um die Taube; zwei einander bedingende Widersprüche, zwei einander widersprechende Dinge.

Hand und Fuß

Beame mich ins Vorwort, in den Vorort dieser Text-Stadt, wo Theo Breuer Mayröckers Gedicht Tiergarten Berlin ca. ’71, für Ernst Jandl zitiert. (Nun will ich diesem Essay rückwirkend den Titel WI(E)DER SPRECHEN KÖNNEN geben, denn nach jahrelangem Irrglauben, ich bräuchte zum Schreiben ein Konzept, beginne ich zu ahnen: Ich brauche Herz und Verstand, Hand und Fuß, Nadel und Faden.) In diesem ›wunderbaren‹ Gedicht entsteht durch Reibung der Wörter ›Lassen‹ und ›Fassen‹, nämlich: Lass ihn (den Hasen, du könntest krank werden) und fass ihn (den Hasen, und beschütze ihn), ein Gänsehaut erzeugender Ton. Wie das aushalten?! Wie Liebe aushalten?

Setzkästchen

»Schonn klar« (Floskel der Kinder): Das wird nicht (auf)geklärt, so, wie der Tod nicht aufgeklärt wird. Aber ich muss weiterlesen. Um irgendwann wieder beim Hasen anzukommen (und darüber hinaus). Um zwischen Gedichten, Briefen, Filmen, Erinnerungen, Bildern, Interviews, Gedanken, Erzählungen, Begegnungen und Collagen beispielsweise einen Wecker zu finden, mit mayröckerscher Zeit, die den einen Flügel in die Vergangenheit, den anderen in die Zukunft spannt. Schnell werde ich in diese Texte und Bilder hineingesogen, doch langsam will ich sie ›lesen‹, will sie fühlen, ihnen nachsinnen. Zwei Räume stehen einander bei Friederike Mayröcker gegenüber, die ich frei ›die große Schachtel des Todes‹ (der große Stachel des Todes) und ›die Schriftstille‹ (und hätte ich dieses mein Schreiben nicht) nennen will.

Weiße Würmer

Tod: ein Thema, an dem sich Friederike Mayröcker abarbeitet (in Anlehnung in Ablebung), Tod, der wie die Nacht ein Zurückstürzen ins Chaos ist? Nein, schlimmer: ein Für-immer-einsortiert-Werden, in eine Schachtel, in ein Setzkästchen, ins absolute Dunkel. Das Schreiben als Auflehnung dagegen, und gegen den Zahn der Zeit, und gegen den Nerv der Zeit, und gegen die Sprache der Zeit: die Schriftstille, ein Ort, von dem aus alles möglich ist. Eine notwendige Absolutheit. Auch der blaue Mond gehört dazu. Wie alles Neue ist sie zart brutal, muss dicke Mauern haben, sonst fliegt sie nicht ... ... Sie muss anders heißen. Gefahr irreführender Assoziationen. Da sind nämlich kaum Wörter drin. Das Wort ›Schnee‹ z.B. wird gleich nach Gebrauch wieder gestrichen, um transformiert zu werden, erweist sich beim genauen Hingucken als Ansammlung weißer Würmer. Ist das nicht gefährlich, frage mich. Nein, wir essen es ja nicht, da Getreide in Getreidesilos lagert, in denen es nicht schneit.

Dornheim ∙ Kornappel ∙ Streeruwitz

Die Aufzählung der gelesenen FM-Buchtitel (von Theo Breuer dreimal wiederholt) wirkt wie ein Gedicht, die Aufzählung der Autoren des Bandes nicht minder: Ilse Aichinger ∙ Dato Barbakadse ∙ Maja-Maria Becker ∙ Hans Bender ∙ Theo Breuer ∙ Andrea Brincker ∙ Peter Clar ∙ Crauss. ∙ Michael Donhauser ∙ Richard Dove ∙ Jutta Dornheim ∙ Ulrike Draesner ∙ Elke Erb ∙ Susanne Eules ∙ Christel Fallenstein ∙ Matthias Fallenstein ∙ Marcell Feldberg ∙ Ingrid Fichtner ∙ Johannes CS Frank ∙ Zsuzsanna Gahse ∙ Chana Galvagni ∙ Andrea Grill ∙ Karl-Friedrich Hacker ∙ Bernadette Haller ∙ Michael Hammerschmid ∙ Bodo Hell ∙ Friedrich Hölderlin ∙ Semier Insayif ∙ Gerhard Jaschke ∙ Katharina Kaps ∙ Udo Kawasser ∙ Odile Kennel ∙ Marie-Thérèse Kerschbaumer ∙ Ilse Kilic ∙ Claudia Klučarić ∙ Sirkka Knuuttila ∙ Simone Kornappel ∙ Axel Kutsch ∙ Augusta Laar ∙ Alma Larsen ∙ Aurélie Le Née ∙ Michael Lentz ∙ Swantje Lichtenstein ∙ Silke Markefka ∙ Friederike Mayröcker ∙ Novalis ∙ José F. A. Oliver ∙ Elisabeth Pein ∙ Kevin Perryman ∙ Peter Pessl ∙ Judith Nika Pfeifer ∙ Marion Poschmann ∙ Andreas Quirinus-Born ∙ Ilma Rakusa ∙ Sophie Reyer ∙ Francisca Ricinski ∙ Elisabeth von Samsonow ∙ Julia Schiff ∙ Matthias Schmidt ∙ Norbert Schneider ∙ Vroni Schwegler ∙ Jan Skudlarek ∙ Marion Steinfellner ∙ Ginka Steinwachs ∙ Marlene Streeruwitz ∙ Ulrich Tarlatt ∙ Yoko Tawada ∙ Liesl Ujvary ∙ Anja Utler ∙ Anatol Vitouch ∙ Mikael Vogel ∙ Nikolai Vogel ∙ Jürgen Völkert-Marten ∙ Linde Waber ∙ Peter Weibel ∙ A. J. Weigoni ∙ Fritz Widhalm ∙ Herbert J. Wimmer ∙ Gisela von Wysocki ∙ Berto Xenien-Heuer ∙ Barbara Yurtdas ∙ Christiane Zintzen

Atmendes Alphabet, exemplarisch

Unter dem starken Eindruck von Vielfalt und Vielschichtigkeit der unterschiedlichsten Beiträge folge ich, exemplarisch, sicherlich ganz im Sinne Friederike Mayröckers, dem unchronologischen Muster der Erinnerung:

Das Fremdeste zuerst: Sirkka Knuuttila, finnische Literaturwissenschaftlerin, referiert über das Abenteuer, Mayröcker zu übersetzen. Zirren (Wolken) nein Zirben (Bäume) auf Finnisch? Wenn ›Zirben‹ dort gar nicht vorkommen, die finnischen Wörter anders aussehen, klingen, die Wortfelder anderes enthalten? Über die Erfahrungen beim Zeichnen lebender Modelle kommt Knuuttila auf das Bild der kommunizierenden Gefäße, Röhrchen, die unten miteinander verbunden sind und in denen eine Flüssigkeit gleich hoch steht (Thema wiederum auch bei FM). Hier tauscht sich Verschiedenes auf Augenhöhe aus, wechselt die Perspektive, z.B. ›Amsel‹ und ›Mensch‹, ›Schlaf‹ und ›Tod‹. Das funktioniert mit einer geradezu physikalischen Notwendigkeit. Und dies ist die Reise, auf die sich die Übersetzerin einlässt, wenn sie mit den von ihr gewählten Wörtern eine vergleichbare Wirkung beim Leser erzielen will wie der Originaltext, wenn sie das mayröckersche Mitgefühl für die Tier- und Pflanzenwelt erwecken will.

Bei Theo Breuer, der geheimen Kraft, die das 259 Seiten umfassende Textfeuer angefacht hat, tauchen wir in ein atmendes Alphabet, in dem Wörter, Satzteile, Bruch- und Fundstücke von Mayröcker und Breuer ineinanderfließen. Ein riesiges ABCDiarium, abgeschrieben, neu erfunden, das die wesentlichen Themen der FM aufscheinen, schneien lässt, ist mehr ein Lobgesang, ein Nachfahren im Nachtzug (ein Aufwachen gibt es frühestens auf S. 259), ein Erklären, warum wenig (nichts?) so mitreißend ist wie das Werk von Friederike Mayröcker, Michael Lentz zitierend: ich bin wieder mittendrin, ich höre nicht auf – ›ganz Lesezeichen‹ möchte ich ergänzen.

Mein Erinnerungszeichen steckt jetzt allerdings zwischen Jutta Dornheim und Michael Donhauser. Dornheim lässt mich ein Gespräch zweier Freundinnen erleben, zwei unterschiedliche Ansichten von ›experimenteller‹ Lyrik, mit ihnen bin ich anwesend bei der Preisvergabe des Bremer Literaturpreises 2011 in Abwesenheit der ausgezeichneten Autorin.

Michael Donhauser donhaust trunken im Dickicht zwischen sinkt und sänke. Bei der Lektüre dieser lyrischen Prosa halte ich den Atem an, verlier jede Vorstellung von Zeit, rieche im Juni den Herbst und höre Stille, vollkommene Stille, wo doch tausend und eine Naturerscheinung sich unaufhörlich verzetteln.

Schon lande ich in Ulrich Tarlatts Gestrüpp auf dem Gartentisch und Frau Noah (...) im kurzen Hemd, plastische Zeichnungen, aus denen mich Wesen aus einer anderen Zeit anblicken, aus einer Welt hinter der Welt, wo auch Yoko Tawadas Nordsee-Pinsel beheimatet ist und May mit Ypsilon schreibt und Ilma Rakusa einsilbigen Schnee siebt (wie viele Wörter haben die Eskimos für ›Schnee‹? Rakusas Ansichten von Schnee sind nicht weniger an der Zahl ... Ich fühle Frösteln mitten im Sommer und möchte, wie Axel Kutsch, knallhart umarmt werden, eine Schnellaufwärmung, doch der zitiert schon wieder Schnee, Schneewächten, im Gedicht Über das Küssen, als Norddeutsche muss ich da erst mal nachlesen, dass das Schneeverwehungen auf Bergkämmen sind, mit einem Überhang auf die windabgewandte Seite, dass die abbrechen können, wenn ich mich darauf begebe und also in den Tod stürze, dass im Österreichischen aber auch ganz allgemein Schneeverwehungen damit bezeichnet werden, solche, die nicht abbrechen, puh, das durch eine Wäscheklammer (Kluppe) inspirierte Gedicht hat allerdings die Sollbruchstelle gerade bei diesem Wort.

Wo wir gerade bei Kluppen sind, Zirren, Zirben, Zirpen, Sophie Reyer lässt es zirpen, klettert am und hinunter in die Vergangenheit, findet die Zeit gehörig, ihr zugehörig, nicht gezippt und kompakt, sondern gezirpt: geatmet, riesenhaft, wiesenhaft. Kevin Perrymans Vorstellung von Flieder (Flieder in Wien, von und für), der sich in der Zeit spiegelt ... aber das ist doch ein Flederbäumchen, von Traumtieren umstellt. Christiane Zintzen nimmt FMs Zeichnung von einem Hündchen zum Anlass, ihr ein Gedicht zu schreiben, apropos Hund: Manche Gedichte beißen, so Peter Pessls, beißen sich ins Ohr, und in die Seele, mit der Bisswunde Sprache ..., suche ein Gegenmittel, am besten homöopathisch, Ledum?, 4x5 Kügelchen, 4? Das vierbeinige m von Karl-Friedrich Hacker geistert durch den Kopf, und nach der Lektüre von Bernadette Hallers Haiku frage ich mich ernsthaft, woraus Schmetterlinge bestehen, ob tatsächlich Blut in ihnen fließt, sie essen doch nichts, Marcell Feldberg schreibt direkt in den Himmel, weil da so viel Platz ist, José F. A. Oliver über ein Gespräch mit Friederike Mayröcker, in dem so viel Platz ist, fürs Fliegen, fürs Alter, für Zärtlichkeiten, für verschwundene Bücher, krächzende Kränze bindet Katharina Kaps, pass auf, Blumen können giftig sein, Peter Clar, diese Magnolien, meistens aber nur die mit ›y‹, Novalis weiß es, und Johannes CS Frank auf Englisch, a child’s delight / confined silence

Und mittendrin Friederike Mayröcker mit 14 scheu-schönen Gedichten, Flug oder Flucht? Lebens-Übungen. Flur oder Flur? Wort-Übungen (»études«). Den Tag zu tragen. Was soll man anziehen gegen die kalten und warmen Schauer, die das auslöst? Das sind nicht nur Blüten, Gestammel des Stieglitz, Fauré im Farnkraut. (Höre mich laut lesen.) Keine Buchstaben, NOTEN, im Rhythmus des All-Tags. Vielleicht 1 wenig die Schönheit brechen dasz eine tiefere Schönheit erblüht.

Ein Wecker ∙ Und Schluss

Das tote Kaninchen, nicht zu vergessen, ist ein Bild von Vroni Schwegler – und jetzt haben wir Ameisen in der Küche, ein ganzes Alphabet, nein, ich kann sie nicht töten, das schaffe ich nicht, ich schaffe alles von ihnen Okkupierte MIT IHNEN in den Garten, ich weite den Arbeitsplatz in die Küche aus, da ist jetzt Platz, ich denke an Liesl Ujvarys vielfarbige FotografieArbeitsplatz von FM, dieses Zettelgebirge mit Schreibmaschine und Käsebrötchen, und denke an die Lektüre der Kinder: Elle von Lieshouts & Erik van Os’Der König von Wenig, der sein Leben im Schloss aufgegeben hat und nun mit Kaninchen, Veilchen und Käsebrötchen auf dem bröckligen Balkon eines Mietshauses sitzt und glücklich ist, ein Gebirge aus Steinen mit weißer Farbe angemalt, ein Wecker, und noch ein Wecker, vielleicht der, der Marion Poschmann erschreckt ... und mich daran erinnert, dass dieser Essay fertig werden muss. Obwohl gerade ein Essay wie dieser gar nicht ›fertig‹ werden kann und dass das vielleicht das Gerechteste ist: Mit dem Klingeln ist eben Schluss.

Traian Popp (Hg.)
Matrix 2/2012/28
Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker
Edition: Theo Breuer
Pop
2012 · 294 Seiten · 10,00 Euro

Fixpoetry 2012
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