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Kritik

Die Erschaffung der Welt durch Sprachgewalt

Hamburg

Was hat diese Frau nicht alles schon gemacht. Sie ist Physikerin, hat als Korrespondentin gearbeitet, ist Netzwerkerin und nicht zuletzt Dichterin. Sie schreibt auf Deutsch, Bulgarisch und Englisch, wurde in Bulgarien geboren, hat in Amerika, Kanada, England und Deutschland gelebt, und diese ungeheure Vielseitigkeit merkt man ihren Gedichten an. Denn Tzveta Sofronieva verfügt über weitaus zahlreichere Blickwinkel auf die Welt und die Worte, als zum Beispiel die Rezensentin. Dieser weitere Blick macht ihre Gedichte so reich, dass es zumindest mir nicht möglich erscheint, auch nur eines der Gedichte gänzlich auszuschöpfen. Immer bleibt ein kleiner Rest, etwas, das vielleicht nur spürbar, nicht aber mit den einfachen Mitteln einer Besprechung auszudrücken ist.

Nachdem Tzveta Sofronieva neben zahlreichen Essays, einem Roman und einer Theatererzählung, bereits sieben Gedichtbände veröffentlicht hat, ist jetzt eine Auswahl ihrer Gedichte bei der Edition Lyrik Kabinett beim Hanser Verlag erschienen.

„Landschaften. Ufer“, heißt der Band, der seine Leser in vier Kapiteln mitnimmt auf eine Reise von den Bergen über das Meer zu den ersten Worten. Es sind Gedichte, die übersetzen von den Landschaften an die Ufer der Sprachen, denn Sofronieva lebt zwischen den Sprachen. In ihrer Laudatio anlässlich des Chamisso Preises 2009, schrieb Ilma Rakusa, dass Tzveta Sofronieva sich inzwischen wohl fühle in den „Schatten von Wörtern“, dass sie den Sprachverlust, der der Zweisprachigkeit vorausgeht, als Möglichkeit der Freiheit empfindet.

Seit 1992 lebt Sofronieva, die 1963 in Sofia geboren wurde, als freie Autorin und Auslandskorrespondentin in Berlin, d.h. zwischen den Welten und Sprachen.

1995 durfte ein im bulgarischen Original „Heimat“ betiteltes Gedicht in der deutschen Übersetzung nicht „Heimat“ heißen, daraus ging schließlich das europäische Netzwerk „Verbotene Worte“ hervor.

Heimat war undenkbar. Seele und sogar ein Wort wie Großmutter stießen auf Skepsis und Ablehnung, Gott wurde ausschließlich der christlichen Religion zugeordnet; Trost, Sehnsucht, Elite, Begabung klangen suspekt. Worte, die Übersetzungen aus dem Englischen oder Spanischen im Deutschen oft larmoyant und aus den osteuropäischen Sprachen pathetisch klingen ließen: Sie waren nicht nur durch die Nazi-Zeit belastet, sondern auch durch die Ideologisierung des politischen Lebens in den späteren 60er Jahren und des folgenden »Anything Goes« der 80er Jahre.

Worte bedeuten nicht nur etwas, sie sind nicht allein Mittel zur Verständigung, sondern darüber hinaus Grundlage der Selbstvergewisserung, Bestandteile der Identität und Zugehörigkeit. Aber auch der Körper ist Heimat, das Geschlecht, eine Kodierung im Körper wie es im Gedicht „Der alte Mann, das Meer, die Frau“, heißt. Diesen Code handhabt Sofronieva selbstbewusst und souverän und er stellt das Zentrum der im ersten „Berge, vielleicht das Meer“ überschriebenen Kapitel versammelten Gedichte dar.

Von Brodskys „verbotenen ungereimten Gedichten“ schreibt Sofronieva:

„Sie blieben mir nicht in Erinnerung,
nur meinen Stoffwechsel haben sie
geändert.“

Vielleicht auch, weil es verschiedene Sprachen gibt, weil sich die Sprachen der Männer von denen der Frauen unterscheiden, und eine Verständigung (anders als über den Stoffwechsel) nicht möglich ist, sprechen diese Gedichte immerzu im Grunde von genau dieser Sprachlosigkeit, aber auch von (und mit) der Sehnsucht, sie zu überwinden. Oder sich damit abzufinden, dass diese Unmöglichkeit sich zu verständigen, eingewachsen ist in die Haut, verwachsen mit dem, der darüber nur schweigen kann.

I want a woman

I want, I want, I want a man like that,
Chris Abane, „Daphne's Lot“

Eine Flaschenpost aus irgendeinem Venedig über den Ozean
geschickt,
ob aus Kalifornien oder Italien steht nicht drauf spricht einfach:

„Ich will eine Frau, die morgens nach der Erinnerung an mich
duftet.
Der Duft von Genuss, dass es mich gibt,

der, genau der und wieder der, der ich bin. Ich will eine Frau,
deren Füße mit der Erde streiten, wem ich gehöre,

deren Augen mich träumen und meinen Durst austrinken,
deren Brüste Milch verströmen für unser Kind,

und deren Hände voll Kraft sind, wenn sie
meine sorgenbeladenen Schultern umklammern.

Ich will eine Frau, die von meiner Stimme warm wird,
die mich erwartet, mich, mich erwartet, ich will.“

Wellen und Spiegelungen, Begriffe, die auch in dem zitierten Gedicht eine Rolle spielen, sind die Überschrift unter der Gedichte versammelt sind, in denen die Möglichkeiten durchgespielt werden, die die Sprache hat, aber auch die Begrenzungen, denen sie unterliegt.

Was auch immer Sprache und Welt sein mögen, eine Aussicht auf Klarheit ist von diesen Begriffen nicht zu erwarten, höchstens vorübergehender Halt.

An einer Stelle im Gedicht „Ayran, Boza und Fruchtsäfte“, einem lyrischen Brief an einen Kollegen, stehen folgende Zeilen:

„Ich mag die Diskussionen über Form und Inhalt nicht,
mich interessieren die Prozesse,
die das eine mit dem anderen verbinden:“

Einer dieser verbindenden Prozesse ist zweifellos die Sprache, das Sprechen als Versuch „ungeteilte Erfahrungen auszutauschen“, und letztendlich mit jeder Begegnung die Suche „nach der Sprache, in der ich ein Wort bin.“

Diese letzte zitierte Zeile, ist eine, die sich vielfältigen Überlegungen zum Übersetzen (mit dem sich auch die Gedichte auseinandersetzen) verdankt, aber darüber hinausgeht. Sprache ist nicht nur Selbstvergewisserung und die Suche nach Zugehörigkeit, sondern immer auch von einer unstillbaren Sehnsucht getrieben, vom Versuch, das Unmögliche zu schaffen, sich selbst aufzulösen in Sprache, eins zu werden mit der Sprache, die uns immer wieder als etwas Fremdes gegenüber tritt, als etwas, das sich nie restlos beherrschen lässt, und dem alle Dichter, seit jeher, Silben abzuringen versuchen, die das Unaussprechliche begreifbar machen. Was ich hier unbeholfen und umständlich auszudrücken versuche, steht wunderschön und viel klarer im Gedicht

Sprache

Die Sprache ist wie Wasser.
Beim Halten verliert man sie,
im Fließen hat sie Bestand,
schenkt eher Leben als Ertrinken,
wäscht keine Flecken aus,
ist der erste Grund, dass alles keimen kann.

Im dritten Teil geht es um „Sprechen, erste Worte“. Um die Kindheit, den kindlichen Blick, aber auch um das Erkennen seiner selbst, diese Fessel, diese Grenze, aber auch diese Quelle, Ich sagen zu lernen und von dort zu einer kurzen Geschichte der Metapher:

Der Anfang und das Ende der Metapher

Hü, Seepferdchen!
Atme
Vertrauen in den Tag.

Andere Gedichte behandeln das Fremdsein bis zur „Einbürgerung am Valentinstag“ und noch einmal die Übersetzung, nicht allein der Sprachen, sondern auch der Zeit in das, was wir Empfinden nennen, Wahrnehmung und Lebenslauf.

Das abschließende Kapitel „Das Glück nach der Lektüre von Schopenhauer in Kalifornien“, eröffnet noch eine weitere Perspektive. Nach Überlegungen zu den Worten für Glück in unterschiedlichen Sprachen, steht dort dieser Satz:

Die Behältnisse zur Aufbewahrung des Glücks
sind offenbar von Bedeutung.

Es sind diese sehr einfachen Sätze. Sätze und Beobachtungen, die man hundert Mal selbst gemacht und zuvor übersehen und überhört hat, stellt Sofronieva in einen Zusammenhang, vor dem es schließlich unmöglich wird, ihre Bedeutung, ihre Tiefe und Tragweite, nicht zu erfassen.

In „C'est tout“, den letzten Notaten von Marguerite Duras, fragt Yann Andréa: „Wollen Sie etwas hinzufügen?“ Und Marguerite Duras antwortet: „Ich kann nicht hinzufügen. Ich kann nur erschaffen. Nur das.“

Ich glaube, Tzveta Sofronieva würde diesem Satz beipflichten. Egal aus welcher Quelle sie schöpft, am Ende hat sie etwas ganz eigenes daraus erschaffen. Eine zutiefst persönliche Schöpfung, die sich der gründlichen Auseinandersetzung mit ihrem Thema verdankt, aber gleichzeitig über diese Auseinandersetzung hinaus weist.

Oder, um noch einmal an den Titel des Gedichtbandes anzuknüpfen, egal von welchem Ufer Tzveta Sofronieva aufbricht, die Landschaften, die sie vor ihren Lesern ausbreitet, wären ohne sie unerschlossen geblieben.

Tzveta Sofronieva
Landschaften, Ufer
Herausgegeben von Michael Krüger und Raoul Schrott
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2013 · 128 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24339-2

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