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Kritik

Tzveta Sofronieva – "selected affordable studio apartments"

In ihrer Hommage an Yvan Goll stellt Tzveta Sofronieva die Frage, was Heimat ist
Hamburg

Ein Zyklus aus zwölf Gedichten, in jeweils vier Sprachen nachzulesen, acht Postkarten und einige Zitate von Yvan Goll, das sind die Pfeiler aus denen "selected affordable studio apartments", Tzveta Sofronievas Hommage an Yvan Goll1, besteht.

Sofronieva, ähnlich vielsprachig wie Goll, hat dabei sowohl die deutsche, als auch die bulgarische und englische Fassung besorgt, Jean Portante hat die Gedichte darüber hinaus ins Französische übertragen. Hier liegen nicht nur Gedichte in einer ungewöhnlich großen Sprachvielfalt vor, darüber hinaus findet eine Auseinandersetzung mit Yvan Goll statt, mit seinen Zitaten, sowie den aus dem im Deutschen Literaturarchiv in Marbach verwahrten Fotografien von Yvan und Claire Goll, die dem Band als Postkarten beiliegen. Die Fotos zeigen Wohnungen und Stadtansichten, Orte, an denen die Golls gelebt haben.

Das macht den schmalen Band vielseitig wie den Begriff Heimat, sobald man beginnt über dieses Wort nachzudenken. Das sind nicht nur in jeder Sprache andere Laute, Heimat ist darüber hinaus vom Zeitgeist abhängig, und zuletzt immer etwas ganz persönliches.

Was ist Heimat? Ein "hin" (Hingabe, Hinsehen, hingehen...), oder ein "her" (Herkunft, Herkommen, hergeben, heraus)? Diese Fragen stellt der Gedichtband. ... Und nicht zuletzt auch die Frage, ob man sich eine Heimat leisten kann:

all deine Orte gehören heute dem Markt

heißt es in "The Saga of our hidden hearts".

Das einleitende Gedicht scheint direkt auf eine der Fotografien (Brooklyn zwischen 1939 und 1947, New York) Bezug zu nehmen.

Es geht um das "Nomadentum" des modernen Menschen, der häufig "Heimat" gegen Weltläufigkeit und Mehrsprachigkeit eintauschen muss, aus unterschiedlich existentiellen Gründen. Das Verbindende sind die Fragewörter, weiter führt das in-Frage-Stellen und Neugierig-Sein. Und vielleicht deutet sich vor diesem Hintergrund in der letzten Zeile nicht so sehr Ratlosigkeit als vielmehr Freiheit an.

„[...] wohin fliegt das Luftschiff
das seine Seile zeriss, und meine
ich weiß selber nicht mehr
wann es Zufall war und wofür
ich mich selbst entschieden habe“

Das zweite Gedicht bezieht sich auf ein vorangestelltes Zitat Golls, erneut dominieren Fragen. Nicht zuletzt diese hochaktuelle Frage, die gleichzeitig politisch und privat ist.

„[...] wie weit führt die Straße
weg vom Krieg
und doch voller Hochspannung
in dieser Welt ohne Frieden“

Von der Treppe, über die Straße, zu den Steinen, kommt schließlich die Zeit ins Spiel - die Frage, wie die Verortung in der Zeit die Richtung bestimmt, mithin auch die Frage nach der Stellung eines Menschenlebens innerhalb der Zeit.

Wunderschön ist wie Sofronieva, ausgehend von einem Foto eines leeren Zimmers, ein negatives Heimatgefühl heraufbeschwört, das im Bewusstsein des Fehlens besteht:

Rien ne va plus

ein Glas Wasser hütet Blumen
Stühle starren auf uns und in die Ferne
der Tisch könnte Essen beherbergen
oder Gedichtabdrucke
doch nichts, gar nichts
die Leere ist der Beobachter selbst
misst die Temperaturen zwischen Innen und Außen
hetzt die Löwenmäulchen auf die Rosen
Luft strömt ein, bläst den Lampenschirm auf
Angstfreie Fransen Heimatgefühl
Traumkraut das Lächeln eines abwesenden Engels
zu viel Leere um sich geborgen zu fühlen
behutsam verliert das Gebirge Halt
leise, ganz leise
von dieser Stille erbebt der Himmel

In dieser Stille und Haltlosigkeit findet die Suche statt, von der Geburt bis zum Tod, über die Kontinente hinweg, eingehüllt in die Unendlichkeit der Worte. Denn das Wort wird gefeiert, weil die Dinge benannt werden müssen, um gefeiert zu werden. Aber alles, was existiert, entzieht sich dem Benennen. Und in diesem Paradoxon schreiben wir. Das ist die Heimat der Dichtung.

Denn Heimat ist weder "hinein" noch "heraus", sondern einfach "Dasein". Vielleicht ist das, worum es immer und überall geht, der Versuch, über sich hinaus zu gehen, seine Heimat in der Bewegung zu finden, zwischen Grenzen, die scheinbar ausschließlich und undurchdringbar sind (zumindest aber nicht übertreten werden dürfen), seine Heimat in der Bewegung zu finden, damit die Gegensätze, aus denen das Leben besteht, einen nicht zerreißen. Sofronievas Gedichtband ist eine Illustration dieses Daseins.

 

1 Yvan Goll, 1891 als Isaac Lang in Saint-Dié, Frankreich, geboren. „Durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet.“

Tzveta Sofronieva
selected affordable studio apartments
Übersetzung:
Jean Portante
Fotografien aus dem Archiv von Yvan und Claire Goll
hochroth berlin
2015 · 52 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
ISBN 978-3-902871-73-2

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