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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

»das punktuelle zünden der welt«

Hamburg

Ein Hörspiel also, zuerst 2009 im SWR gesendet und nun bei dem Leipziger Verlag Reinecke & Voß gedruckt und als Broschurband herausgebracht. Genauer gesagt, Ulf Stolterfohts Hörspiel Das deutsche Dichterabzeichen, in dem drei Sprecher ergänzend aus dem Dichter-Nähkästchen plaudern, Pferdewettrennvergleiche ziehen und das hart erarbeitete Wissen, sowie die am eigenen Körper erfahrenen Kenntnisse der Lyrikwelt preisgeben. Kenntnisse einer Welt, über die »kaum zuverlässige Nachricht zu erlangen ist«, über die der »Dichter der Fachsprachen, Erforscher der AMME« und »Subversionsagent der Gegenwart« jedoch umso genauer Bescheid weiß.

»das gefühl im mund: lyrik jahrelang mit einem
unaufgeräumten kulturbeutel verwechselt zu haben.«

Ulf Stolterfoht, 1963 in Stuttgart geboren und seit längerem in Berlin lebend, kennt die verschiedenen Gedichttypen, das Wettbewerbs-schaulaufen und den Betrieb selbst. Er kennt die Konkurrenz, schätzt und unterstützt sie und weiß um die Hürden, die gemeistert werden müssen, damit man als einer der Großen zählen, damit man endlich in die geweihten Preishallen der Poesie eintreten darf. Von dort aus lässt es sich dann auch ganz offen »von den Opfern, die es anfangs zu bringen gilt, von den Jahren des Dienens«, und »den Tagen spannender Kämpfe auf härtestem Stuhl«, berichten, und so wagt er sich mit sichtlicher Freude an die eigentlichen und dringlichsten Fragen gegenwärtiger deutscher Lyrik: Was sind die Bedingungen des Lyrikerdaseins und -werdens? Welche körperlichen und geistig-seelischen Eignungsanforderung muss man erfüllen? Welche Bedeutung – abgesehen vom »domestizierte[n] Wettbewerbstext« – hat das Gedicht »[i]m Zeitalter hoch entwickelter Prosa« noch? Ab wann darf man sich überhaupt Dichter nennen? Und für welche Art von Jury schreibt man das Ganze eigentlich schlussendlich?

                                                     »wo jetzt
'im saal die lücke klafft saß vormals was wie
hörerschaft. tatsächlich aber dürfte dieses hei-
sere wegkauen der sätze nur einer eingeschwornen
klientel ans herz gewachsen sein.«

Darüber, dass man nicht »in Straßenkleidung in den reißenden Fluß, der sich Lyrik nennt«, steigt, wie auch, dass bisher noch kein genuiner Dichter vom Himmel gefallen ist, dreht sich hier alles. Dichten will gelernt, Dichter wollen gezüchtet sein, egal ob mit Diplom oder doch in Anlehnung an den alten Lehrvertrag. Bestenfalls sollten die »fünf beliebtesten Gedichtformen der Gegenwart« bereits verinnerlicht, die »beziehung sprengmeister zu detonat“ klassifiziert, und die körperliche Verfassung an die jeweilige Jurybeschaffenheit angepasst sein. Wer sich als Dichter dann immer noch nicht bewährt oder gar versagt haben sollte, der kann zumindest Autor werden. Die plötzliche Lust und Fertigkeit und das daraus entwickelte Prosatalent mag zwar bei ehemaligen Kollegen verpönt sein, bringt dafür aber womöglich die erhoffte Liebe des Publikums.

»ich ist wieder wer – das urgemütliche drüsen-
idyll. wo etwas anders ausgedrückt: allein das
ungeschriebne glückt / sogar das abgetriebne
schmückt. zufrieden lehnt man sich zurück. welt
findet zwischen ohren statt.«

Ein Hörspiel also, das auf ironisierende und dabei stets vergnügliche Weise die Lyrikwelt in Augenschein nimmt, oder sollte man vielleicht besser sagen: eine Einführung in eben diese Welt, die zu einem »Grundbuch, zu einem unentbehrlichen Repetitorium für alle Freunde poetischen Tuns werden« könnte, an dessen Ende der Dichter und Leser »bereits über so viel Souveränität verfügen [sollte]«, Ulf Stolterfoht »mit einem Lächeln zu danken.«

                                                »der rest sei: schweigen
schmunzeln schädel öffnen um so – von jeder andern
pflicht befreit – synapsenzuwachs zu betrachten.«    

Das Gedicht »das punktuelle zünden der welt« erschien in: Ulf Stolterfoht: fachsprachen X – XVIII. (Basel. Weil am Rhein: Engeler Editor 2008.)

Ulf Stolterfoht
Das deutsche Dichterabzeichen
Reinecke & Voß
2012 · 56 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-942901055

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