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Fremde Freunde

Uljana Wolfs neue Prosagedichte erreichen nicht die sinnliche Wirkung des Debüts

In einer Zeit, in der die christliche Religion, politische Ideologien und philosophische Strömungen an allgemeiner Gültigkeit eingebüßt haben, ist Sprache vielleicht das einzige sinnstiftende Konstrukt des Menschen, das als solches noch weitgehend Glaubwürdigkeit besitzt. Folgerichtig haben sich in den letzten Jahrzehnten viele Lyriker mit innersprachlichen Bezügen befasst, angefangen mit den Vertretern der konkreten Poesie bis hin zu Thomas Kling, Oskar Pastior oder Ulf Stolterfoht. Auch die Peter-Huchel-Preisträgerin Uljana Wolf widmet sich in ihrem neuen Band „Falsche Freunde“ der Sprache als Thema, wobei sie ihren Schwerpunkt auf Beziehungen zwischen dem Deutschen und dem Englischen legt.

Den Kern dieses Bandes bildet das sogenannte „DICHTionary“ – 26 Gedichte, die durch sogenannte „Falsche Freunde“ angeregt sind, also durch Wörter, die im Deutschen beziehungsweise Englischen gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Für jeden Text ihres lyrischen Wörterbuches greift sich Wolf einige Falsche Freunde heraus, zum Beispiel „instance – instanz – iceland – island“, und klopft sie auf ihre unterschiedlichen Bedeutungsebenen beziehungsweise Kontexte ab. Die deutsche und die englische Sprache spannen so einen Assoziationsraum auf, der zu Lyrik verdichtet wird. Trotz der Dominanz des Melos (zum Beispiel Binnenreime: „und wollen deine lippen anderes wissen, bau ich uns aus heu ein kissen“, Alliterationen: „verlegenheiten gab es, hülle und fülle, verbrennen konnte man sich“, Verwendung gleicher Laute: „schweig ich, doch weiß ich, er bleibt dran“), trotz der Einschränkungen, die durch die Verwendung der „Falschen Freunde“ entsteht, gelingt es der Schriftstellerin, in jedem Text ein Bild zu entwerfen, eine reale Situation, die durch das Gedicht gezeichnet wird.

Dabei entsteht Lyrik, die Rätsel stellt und die desto mehr Spaß macht, je komplexer sie gebaut ist, weil sich dem Leser die Anspielungen Wolfs erst nach und nach erschließen. So wird im Gedicht zum Buchstaben „o“ mit den Wörtern „oder“ / „odor“ / „ohr“ / „or“ / „one“ / „ohne“ gespielt, was vielfältige Verweise ermöglicht („oder ist mein freund, entweder auch, ein letzter hauch, dann rauschen gutenacht.) Schwächer ist zum Beispiel der m-Text, der die „Falschen Freunde“ „man“ / „mann“ / „manners“ / „mist“ enthält und sich gut entschlüsseln lässt („sie hat manners. da ließe sich von umwegen reden. mit umlaut wären schlechte manieren gemeint.“) Obwohl die Gedichte handwerklich präzise gearbeitet sind, fehlt es ihnen an Welthaltigkeit. Sie sind nicht mehr als ein Spiel mit der Sprache, so dass sie den Rezipienten weniger als die Lyrik aus dem Debütband der Autorin „Kochanie, ich habe Brot gekauft“ berühren, in dem häufig durch gelungene Bilder Gefühle im Leser hervorgerufen wurden (zum Beispiel im Zyklus „schliefen die öfen / berlin“: „als wir aufwachten mit nestern im haar die wir nacht nannten.“)

„Subsisters“ hat Wolf das zweite Kapitel ihres Buches genannt. Glaubt man an die Ankündigungen des Klappentextes, so geht es darum, dass „jedes Gedicht in zwei Fassungen“ vorliege, „als Originalversion und als Version mit Untertiteln, die das Original nachhaltig“ verändere. Wiederum nutzt die Autorin einen Pool an Schlüsselwörtern, mit deren Hilfe sie die Gedichte konstruiert. Die sogenannte Version mit Untertiteln unterscheidet sich vom Original dadurch, dass die Autorin den Inhalt des Originals leicht variiert und dadurch einen Verfremdungseffekt erreicht. Das wäre an sich interessant und würde als Grundlage für ein Kapitel ausreichen, wäre es dem Leser so angekündigt worden. Dass unter der Version mit Untertiteln – etwas verloren – zwei Zeilen in englischer Sprache stehen, die in loser Beziehung zu den beiden Gedichten stehen, hat kaum Einfluss auf die Wahrnehmung der beiden Versionen und wirkt überflüssig. Nicht der Untertitel hat die zweite Version des Gedichtes gegenüber der Originalversion verändert, sondern die Autorin, alle andersartigen Behauptungen im Klappentext sind Konstrukt und können nicht überzeugen.

Im dritten Teil ihres Buches geht Wolf in der Geschichte zurück. In früheren Zeiten wurden Einwanderer in die USA auf Ellis Island einer unfangreichen Überprüfung ihrer Gesundheit unterzogen, bevor sie ihren Fuß auf das US-amerikanische Festland setzen durften. Die Checkliste, mit der die Einwanderer auf Krankheiten untersucht worden sind, gliedert das dritte Kapitel „Aliens I“. Jedem der 17 Items auf der Liste, wie zum Beispiel „conjunctivitis“, „face“, „goiter“, ist ein Gedicht gewidmet, das die Situation der amerikanischen Neubürger bei ihrer Ankunft auf dem Kontinent plastisch werden lässt. Dabei schafft es die Autorin nicht nur, die Atmosphäre auf Ellis Island einzufangen („in sechsunddreißig sprachen horcht man, durch die kleider, auf den wunden punkt“ – heart), sondern auch einen Eindruck von den Zuständen auf den Einwandererschiffen zu vermitteln („manche aßen ihre finger, anderen fehlte selbst der mund. die toten lagen unvergraben unter uns“ – conjunctivitis) und Einblicke in die Denkweise der Beamten der Einwanderungsbehörde zu gewähren („alles will sich schleusen unter das lid der nation – trachoma). Immer wieder verwendete Dialogfragmente („nehm sie die parucke ab“) tragen zur Lebendigkeit der Texte bei.

Weit weniger gelungen ist das vierte und letzte Kapitel „Aliens II Liquid Life“, das sich mit dem Thema Einwanderung und Reisen in unserer Zeit befasst. Die Gedichte entstanden beispielsweise durch Streichung von Textpassagen in einer Handreichung der Firma Bosch für ein Gerät zur automatisierten und biometriegestützten Grenzkontrolle und ähnlichen Sachtexten. Einige der so geschaffenen Gedichte weisen zwar über den engen Bedeutungszusammenhang des Primärtextes hinaus (wie die ersten beiden), viele bleiben aber Fragment, was durch den Satz des Druckes begünstigt wird, der die Tatsache, dass etwas ausgelassen wurde, auch im neuen Text als Leerstelle deutlich macht. Insgesamt ergibt sich durch die Streichungen zu wenig Neues, die Gedichte vermitteln nicht genug, denn die Enge der Sachtextgrundlage wird nicht überwunden.

Ohne Frage ist Kookbooks einer der Lyrik-Verlage mit den ambitioniertesten, innovativsten Projekten und auch Wolfs Band „Falsche Freunde“ passt in dieses Profil. Die junge Autorin hat viele, mitunter bemerkenswerte Ideen, aber nicht jede dieser Ideen erreicht die Leser. Darüber hinaus vermisst man bei der Lektüre des Bandes „Falsche Freunde“ über weite Strecken hinweg die Sinnlichkeit und Welthaltigkeit, die Wolfs Debüt „Kochanie, ich habe Brot gekauft“ noch besessen hat.

Uljana Wolf
Falsche Freunde
Zeichnungen: Andreas Töpfer
Kookbooks
2009 · 88 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-937445380

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