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Kritik

Wie Trost aus einem elementar leeren Tagebuch fließt

Hamburg

Irgendwann vor zwei, drei Jahren tauchten zum ersten Mal Einträge aus dem leeren Tagebuch eines gewissen Igor Samoljenko auf. Diesem fiktiven Igor Samoljenko legte Koch auch folgenden schönen Satz in den Mund: „Der Vorwurf der Unverständlichkeit eines Gedichtes fällt auf den Lesenden zurück. Es sei denn er kann glaubhaft machen, daß es dem Schreibenden möglich gewesen wäre, sein Gedicht zu lesen, bevor er es geschrieben hatte.“ In Kochs Gedichten wird der zitierte Satz für ein Leben übersetzt, was nur in der Rückschau zu begreifen ist, nur beim Blick zurück ergibt sich so etwas wie ein Lebenslauf, bekommen die Dinge einen Sinn, werden zu einem Element, das vielleicht manches verständlich macht.

Sechsundzwanzig Gedichte aus dem Zyklus, der inzwischen den Namen „elementare Gedichte“ trägt, haben ihren Weg zu Carl Walter Kottnik gefunden, dessen Dichterlesungen im Zeichensaal“ von 1999 bis 2013, als die Schule dem Projekt die Unterstützung versagte, ein wunderbares Projekt gewesen sind, gerade junge Menschen mit der Literatur und speziell mit Lyrik bekannt zu machen. Kottnik pflegte seit jeher naturgemäß eine Verbindung zur Illustration, zur bildenden Kunst. So ließ er von Anfang an Schüler Illustrationen zu den Lesungen von Dichtern wie Elisabeth Borchers, Peter Urban, Gerhard Falkner und anderen anfertigen, aber auch professionelle Illustratoren und bildende Künstler konnte Kottnik von Anfang an für sein Projekt gewinnen. 

Nachdem die Lesungen nicht mehr stattfinden konnten, suchte Kottnik umgehend einen anderen Weg Dichtung und bildende Kunst zusammen zu bringen. In unregelmäßiger Folge gibt er schmale Gedichtbände heraus, die von bildenden Künstlern gestaltet werden (Peter Engel berichtete kürzlich bei Fixpoetry ausführlicher über Kottniks Projekt).

Ulrich Kochs sechsundzwanzig elementare Gedichte hat Kottnik selbst illustriert.

So viel also zur Form in der die Gedichte vorliegen, jetzt aber wird es endlich Zeit, auf die Gedichte selbst zu sprechen zu kommen, die nichts weniger von sich behaupten, als elementar zu sein.

Elementar, das sind nach Ulrich Koch jene Gedichte, die davon handeln,

         „dass überhaupt etwas ist
          und nicht vielmehr ich.“

Und mit diesem Untertitel in Versen, ist der Leser eingestimmt auf die Elemente, aus denen Koch die Auswahl seiner hier versammelten Gedichte webt.

Diese Elemente zu zitieren ist einfach, sie zu benennen hingegen schwer.
Ist es paradox, zu bekennen:

         „Ich möchte ungeschehen machen,
         worauf ich so lange warte.“

Vielleicht ist es paradox, aber viel mehr als das, ist es ein elementarer Gedanke, der von einem gewissen Lebensalter an wohl kaum jemanden verschont. Ganz sicher aber ist diese Art des melancholischen Denkens in Widersprüchen einer der roten Fäden, der sich durch die „elementaren Gedichte“ zieht und vermutlich genau das, was sie für mich so anziehend macht.

Eine Essenz dieser Gedanken stellt für mich das Gedicht mit der N° 5 dar, weshalb ich es hier zitieren möchte:

         Was ich vergessen habe, hat mit Gras zu tun,
         Brombeeren am Bahndamm, knisternden

         Sekunden, freihändigen Fahrrädern,
         an Platanen angebunden auf einem Vorplatz,

         Anfang August, einem mit Teerpappe
         gedeckten Dach, auf dem der Abendregen

         dampfte nach seinem schnellen Ende,
         tropfenden Bäumen. Mehr nicht.

         Scheinbar aufrecht gehend, weiß
         bis zum Rand des Wassers, der alles,

         was den Augen gehört, in seinem Spiegel
         bricht: Wie ein Schwan, hin

         und her gleitend auf einem Löschteich,
         arbeitet mein Gedächtnis.

         Ein Tier, das nicht vor mir floh,
         sondern sich seiner Nacktheit schämte.

         Denn ich will mich an nichts erinnern,
         es sei denn, ich kann es wiederholen.

Obwohl es nur eine Essenz ist, eine, die ich sofort verstehe, die ich begreife, während die nicht weniger starken und wirksamen Ideen der anderen Gedichte, wie die überbordende Lebensfreude des Elementaren Gedichts N° 7, mich nicht weniger ansprechen und ergreifen, nur fällt es mir schwerer davon zu reden, sie sind nicht so leicht benennbar wie diese ersten fünf Gedichte. Neue, andere Elemente tauchen in ihnen auf, die ich staunend beobachte, wie sehr schöne, aber unbekannte Wesen, etwas, wofür ich keine Namen habe. Wie der Blick auf eine nicht erinnerbare gemeinsame Nacht, „in zwei leeren Durchgangszimmern“, wie es im Elementaren Gedicht N° 12 heißt.

Wie weitreichend, die eigene Lebensgeschichte und die Fantasie der Leser nicht herausfordernd, sondern willkommen heißend, die Bilder von Koch sind, ist unvergleichlich. Und schmerzlindernd. Wobei ich wieder bei einem scheinbaren Paradox gelandet bin, denn Koch schrieb in seiner Dankesrede anlässlich des Hugo Ball Preises 2011: „Denn der größte Schmerz ist die Sprache. Um ihn zu beschreiben, müssten wir hinter den Spiegel schauen können.“ Dieser Schmerz wird verursacht durch das Paradox die Worte nicht vergessen zu können (auch nicht, wenn es um das Unaussprechliche geht), aber ebenso wenig ausdrücken zu können, worum es eigentlich geht.

Und der Schmerz, von dem Koch im Zusammenhang mit der Sprache spricht, ist ein Echo und der Versuch ihn zu heilen ebenso. Indem wir beschreiben, was wir nicht vergessen können.

Vielleicht ist es das Wunderbarste an Koch, dass er sich dieses Echoraums bewusst ist. Das gibt ihm die Freiheit im Dialog mit dem längst Dagewesenen seine eigene Stimme zu entfalten, statt gezwungen zu sein, nach Originalität zu suchen.

Durch alle Gedichte schimmert ein Wissen,

„aus dem Inneren des traumlosen Schlafes“, „die Nachricht, daß wir alle allein sind. Und namenlos.“

Was für ein Trost, wenn einer Worte dafür findet. Gibt es etwas Besseres, das man dem Schmerz der Sprache entgegen setzen kann, als den Trost, der in einem elementaren Gedicht liegt?

Ulrich Koch
Elementare Gedichte
mit 4 Zeichnungen von Carl-Walter Kottnik, Gestaltung Ajete Elezaj
2014 · 26 Gedichte

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