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Kritik

„Kein happy end“

Ulrich Raulff schrieb eine posthume Biografie von Stefan George

Mit seinem Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“ ist dem Direktor des Literaturarchivs Marbach, Ulrich Raulff, zweifellos ein großer Wurf gelungen. Als Leser weiß man nicht, was man mehr bewundern soll, die Belesenheit des Autors, die es ihm erlaubt, in die feinsten Verästelungen des Beziehungsgeflechts der George-Jünger hineinzuleuchten, oder die geschliffene Sprache, durch die die Lektüre zu einem genussvollen Vergnügen wird, das man bei anderen Büchern heutzutage oft schmerzlich vermisst, ein Lesevergnügen, das bei Raulff durch zahlreiche Anekdoten noch gesteigert wird. Zudem ist seine Publikation von höchstem wissenschaftlichen Wert Sie enthält nicht nur ein ausführliches Personenverzeichnis, sondern belegt peinlich genau jede noch so kleine zitierte Äußerung und alle Auszüge aus Briefen, von denen einige erst kürzlich aufgetaucht sind.

„Welche eigentümliche Heilsgeschichte mögen Stefan George und Karl Wolfskehl vor hundert Jahren im Sinn gehabt haben, 1910, als sie den Begriff vom geheimen Deutschland erstmals in Umlauf brachten?“ fragt Raulff bereits in der Einleitung und weist im Laufe seiner Ausführungen darauf hin, dass George die Vorstellung von einem „Staat“ gehegt habe, in dem ein künftiges, noch unsichtbares Reich der Deutschen Gestalt annehmen sollte. Doch habe dieser Staat, ohnehin „ein zerbrechlicher Gegenstaat zu allen Mächten dieser Welt“, die Machtergreifung der Nazis und den Tod des Meisters nicht überlebt.

Raulffs Buch handelt in erster Linie von den Ereignissen, die sich nach Georges Tod – er starb am 4.Dezember 1933 im Tessin – abgespielt haben: Von der allmählichen Auflösung seines Kreises und von dem Versuch, seine Ideen zu retten in einer Zeit, in der seine Jünger, wie Walter Benjamin gemeint hat, lernen müssten, ohne ihren Meister zu leben. Die Welt indes, fügt Raulff hinzu, „tut es ohnehin schon längst.“ Georges ehemaliger Vertrauter Max Kommerell tröstet sich drei Jahre nach Georgs Tod mit dem Gedanken, wie immer das große Spiel um die Nachwelt ausgehen werde, eines stehe fest: „Ein schönes Gedicht bleibt ein schönes Gedicht, und ein großer und merkwürdiger Mensch bleibt dieser Mensch.“

Ulrich Raulff erzählt anschaulich, wie mit dem Tod eine kontroverse Auseinandersetzung um das geistige Erbe beginnt und wie der Kreis langsam zerfällt. Die George-Gläubigen pflegen zwar noch die alten Rituale, aber ihre Zahl nimmt ab. Gleich wohl existieren noch eine Weile „Inseln im Strom“, deren Bewohner sich an die Weisungen von einst halten. Eine dieser Inseln befindet sich in Überlingen – bis 1994 – und eine andere auf der Nordseeinsel Juist.

Raulff macht deutlich, dass Stefan George eigene Wirklichkeiten erzeugt hat, eine Welt von Zeichen, Farben und Bedeutungen, von Ästhetik und Lebenskunst und dass er zu Lebzeiten eine enorme magische Präsenz und „intellektuelle Prägekraft“ auf die geistige Welt ausgeübt habe. Nur Goethe und Heine hatten vor ihm in Deutschland einen „so nachhaltigen Einfluss“ gehabt, „der sich bis in die kleinsten Kleinigkeiten des Alltags erstreckte“, schrieb später Ernst Morwitz. Raulff spricht von einem eigentümlichen Messianismus des George-Kreises, in dem „Hellenensehnsucht und Heilserwartung“ unentwirrbar miteinander vermischt waren. Doch so zerstritten die Anhänger untereinander auch waren, eines hatten sie offensichtlich gemeinsam: sie waren gegen alles, was in der Tradition der Aufklärung stand.

Im Zentrum von Raulffs Buch steht eine Gruppe von Künstlern und Intellektuellen mit ihren eigenen Gesetzen, Kurt Hildebrandt, ein Philosoph, der sich selbst „als besten Jünger seines toten Meisters“ stilisiert, sich als eine Art Platon redivivus betrachtet und sich später mit dem Hitler-Regime arrangiert hat. Ferner die beiden Widerstandskämpfer Claus und Berthold von Stauffenberg und die ins Exil vertriebenen Ernst Morwitz und Karl Wolfskehl. Die Söhne von Ernst von Weizsäcker verehrten ebenfalls George, insbesondere Carl Friedrich. Ein strenger Gralshüter war Berthold von Stauffenberg. Selbst Theodor W. Adorno hielt man in frühen Jahren für einen Georgianer, noch 1967 setzte er zu einer „Rettung Georges an“. Friedrich Adam, Jurist und Beamter im Dienst der Reichsbahn, und Carlo Schmid stießen erst zum Kreis, als dieser sich bereits auflöste.

Wer sich bisher noch nicht allzu oft mit George befasst hat, wird erstaunt sein, wie viele Namen hier auftauchen, Namen von Persönlichkeiten, die man gut zu kennen glaubt, und die man nie und nimmer in Georges Umkreis vermutet hätte oder man macht, wie der Autor selbst, unter den George-Anhägern fesselnde literarische Bekanntschaften, mit dem Prinzen zu Löwenstein, der der Idee eines „anderen Deutschland“ anhing und dessen Verehrung für George auch in späteren Jahren nicht nachließ, – Raulff spricht bei ihm von einem „kreativen George-Epigonentum“. Ferner den Literaturwissenschaftler Werner Vordtriede, Georg Picht, Hellmut Becker, Sohn des ehemaligen preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, eines George-begeisterten Politikers, während Marion Gräfin Dönhoff bei dem George-Anhänger Edgar Salin promoviert hat. Gerhard Nebel war fasziniert von Georges rätselhaftem Vermögen, sich eine neue Gemeinschaft zu schaffen, ebenso die junge Edith Landmann, „Georges weiblicher Eckermann“, die mitschrieb, was der Meister von sich gab.

Nicht alle Jünger waren George lebenslang treu ergeben. Schließlich verlangte der Meister bedingungslose Unterwerfung. Max Kommerell brach 1930 mit ihm und wurde seitdem „die Kröte“ genannt. Auch ein anderer Lieblingsjünger, Friedrich Gundolf, konnte auf die Dauer die „Ausschließlichkeitsgebote des Meisters“ nicht ertragen. Ausgebootet wurde ebenfalls der jüdische Kammergerichtsrat Ernst Morwitz, obwohl George ihn ursprünglich zum Universalerben und Testamentsvollstrecker bestimmt hatte.

Bis heute haben Georges Verteidiger immer wieder seine „Differenz von geistigem Reich und realer Politik“ betont und auf seinen lebenslangen Abstand zur Tagespolitik hingewiesen. Nicht von ungefähr liegt der Dichter außerhalb der Grenzen des realen Reiches in Minusio bei Locarno begraben. Gleichwohl sahen einige in ihm einen „Wegbereiter der nationalsozialistischen Bewegung“, einen „Stichwortgeber der Nazis“, andere hingegen den Seher einer großen Zukunft. War er „Scharlatan oder Visionär?“ Über diese bislang unentschiedene Frage, befindet Raulff, sei die Rezeption von Georges Werk bis heute kaum hinausgekommen. Für die nationalsozialistische Kulturpolitik war der Dichter jedenfalls wegen seiner Homosexualität und seiner vielen jüdischen Freunde verdächtig.

Und wie verhielten sich die George-Anhänger im „Dritten Reich“? Manche von ihnen reagierten auf das „Dritte Reich“ „schulterzuckend, resigniert oder hoffnungsvoll“. Unter den George-Leuten gab es Hitler-Anhänger. Walter Anton zum Beispiel verfasste „nazifreundliche und antisemitische Stilblüten im Namen Stefan Georges“. Ein entschiedener Antisemit war auch Ernst Glöckner, und in Überlingen herrschte bisweilen ein kaum verhohlener Antisemitismus. Ludwig Klages glaubte allen Ernstes, was George literaturpolitisch erreicht habe, habe er „durch Juda erreicht“, und ein Alexander von Stauffenberg, Bruder von Claus und Berthold und einziger Überlebender der Stauffenbergs, verfasste noch nach dem Zusammenbruch „Verse über die jüdischen Mitglieder des Kreises, die nicht nur für diese schwer erträglich“ waren.

Georges jüdische Freunde wollten dagegen anfangs nicht wahrhaben, dass sie auf den Meister nicht bauen konnten und fühlten sich im Kreis Georges durchaus geborgen „wie in Abrahams Schoß“. „Was hält den Laden eigentlich zusammen?“, fragt Raulff an einer Stelle. Neben Homer, Shakespeare, Goethe, Jean Paul und Baudelaire seien es drei Sterne erster Ordnung: „Dante, Hölderlin und eben George.“

Lange habe man gemeint, Dichter seien zuständig für das letzte Wort, aber diesen Anspruch hätten die Ereignisse im „Dritten Reich“ mit Auschwitz, Vertreibung und Bombenkrieg „ziemlich restlos kassiert“.

1945 begann eine neue Zeitrechnung, selbst für jene, die sich zum Kreis Georges gezählt haben. Durch den 20. Juli 1944 und die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse wurde deutlich, dass auch der George-Kreis in die Geschichte des 20. Jahrhunderts verwickelt war. Man denke nur daran, dass zwei der Stauffenbergs ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen mussten und dass der ehemalige Staatssekretär Ernst von Weizsäcker im Nürnberger Prozess von Robert M.W. Kempner, einem Bruder von Walter Kempner, einst Georges Leibarzt, angeklagt und von Hellmut Becker verteidigt wurde.

Die Geschichte vom Nachleben Georges, die mit dem verhängnisvollen Jahr 1933 begonnen hatte, endete laut Raulff im Jahr 1968, in dem sich Georges Geburtstag zum hundertsten Male jährte. „Was danach kam, war Germanistik, Rezeptionsgeschichte, Bindestrichsoziologie…. Von da an ruhte auch Stefan George im Frieden der Seminare und Archive.“ Der Traum vom georgeanischen Bildungskloster war damit ausgeträumt.

Was bleibt zu tun? Ist George noch zu retten? Oder ist, wie Rudolf Borchardt, Georges Erzfeind, Archipoet und Gegenpapst, einmal behauptet hat, „Rettung unmöglich“? Oder heißt es nun, überlegt Ulrich Raulff, „Arbeit am Mythos und auf ein besseres Publikum in hundert Jahren zu hoffen?

Festzuhalten bleibt, so der Autor, der bisherigen posthumen Biografie Georges war „kein happy end“ beschieden, keine positive Leistungsbilanz. Der Ton eines Trauerspiels, resümiert er, beherrscht die Geschichte von Georges Wirkung auf die Nachwelt. Also keine Erfolgsgeschichte, sondern „eine Gespenstergeschichte.“ Für Adorno lag darauf ein Fluch.

Gleichwohl tauchte und taucht noch immer hin und wieder der Name von Stefan George auf. Raulff erinnert daran, dass der kürzlich verstorbene Marburger Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott mit seiner 1970 erschienenen Studie „Bilderdienst. Ästhetische Opposition bei Beardsley und George“ für Studenten der siebziger Jahre Georges Gedichte überhaupt erst wieder lesbar gemacht hat. Einen „Hauch von Wiedersehensglück“ glaubt der Verfasser im Jahr 2006 festmachen zu können. Damals erschien ein Buch von Hartmut von Hentig mit Vorschlägen zur Entschulung der Schule und eines von Konrad Adam, Sohn von Friedrich Adam, über die alten Griechen.

Das alles liest sich spannend, aufregend und unterhaltsam. Zudem schmücken mehr als sieben Dutzend Fotos das Buch, von denen einige noch nie gedruckt worden sind. Wer sich in Raulffs Studie vertieft, kommt von ihr so schnell nicht mehr los und entdeckt, dass diese eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube zu Georges ‚Nachleben‘ ist.

Ulrich Raulff
Kreis ohne Meister
Stefan Georges Nachleben
C.H.Beck
2010 · 554 Seiten · 29,90 Euro
ISBN:
978-3-406592256
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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