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Eine unbekannte Zärtlichkeit

Ulrike Bail machte erstmals vergangenes Jahr in Luxemburg auf sich aufmerksam, als sie im Buch „Not the girl you’re looking for/Melusina rediscovered“, welches die Position der Frauen in der Luxemburger Kunst- und Literaturszene darstellt, eine Analyse der Frauenliteratur in Luxemburg schrieb. Sie ist freiberuflich als Schriftstellerin, Professorin für Altes Testament und Dozentin für Deutsch als Fremdsprache tätig, wurde 1960 in Metzingen (Deutschland) geboren, studierte evangelische Theologie und Germanistik, und lebt jetzt in Luxemburg. Sich mit der Frauenliteratur Luxemburgs zu befassen war sicherlich eine konstruktive Art und Weise, auf unser Land und dessen Literaturszene zuzugehen, und also zu versuchen, das Land auf tiefgründigere Art und Weise zu verstehen.  Die Schriftstellerin befasste sich also zuerst mit uns, legte aber jetzt erstmals auch einen eigenen Gedichtband vor, der vor kurzem im Conte Verlag in Deutschland veröffentlicht wurde. „ wundklee streut aus“ heißt diese Sammlung von 47 Gedichten „über Theodora“, wie es der Untertitel des Buches verrät. Eines der Gedichte, das den Titel „die töne haben eine haut“ trägt, erhielt 2008 den Lyrikpreis der Gesellschaft für Osteuropaförderung.

Diesen Gedichten haftet etwas Luftiges, Sensibles, jedoch auch Unfassbares an. Es ist, als ob Ulrike Bail die Zwischentöne des Lebens, die Schwingungen, die Wellen, das Unsagbare festhalten möchte, das, was sich in einer Stimmung, in einem Wintergewitter, in Stillleben mit Vögeln oder in den Wellen des Meeres, in Sandbänken und Muschelfeldern erahnen lässt, andeutet. Die „ 47 Gedichte über Theodora“ setzen eine weibliche Figur in den Mittelpunkt, die sich an den Sinn des Lebens herantastet, in dem sie ihre alltäglichen Aktivitäten mit Bedacht ausübt, in dem sin empfindsam auf Witterungen, Pflanzen und Tiere hört, die dann mit ihrem inneren Selbst in Verbindung treten. Eigene Seelenzustände spiegeln sich in ihrem unmittelbaren Umfeld wieder. Komplexe Gedankenwelten, Lichtpunkte der Gefühlswelt werden hier in Bildern dargestellt, die durchaus der surrealistischen Dichtung zuzuordnen sind. Das poetische Bild entsteht  durch unkonventionelle Assoziationen, durch Beschreibungen und durch eine Wortwahl, die in der gängigen Sprache andere Wege geht. Ulrike Bail versucht also, Emotionen und komplexe Stimmungsmomente durch eine Bildersprache festzuhalten, die mal surrealistisch, mal symbolistisch anmutet. „theodora geht übers feld/ um sich geschlungen/ das staubige fell des sommers/leeres blau….“

Es sind Gedichte, die dem Leser das Gefühl geben, im Traum zu wandern, dort, wo die Grenzen zwischen Vorstellung und Realität sich auflösen, dort, wo sich ein Nebel oder Schatten auf die Klarheit legen, dort wo Konventionen verschwimmen, um eine andere, tiefgründigere Realität, jene der Emotionen, des Unsagbaren, sichtbar zu machen.

„wundklee streut aus“ rührt dann auch an den Sinn der Dichtung in unserer Gesellschaft. Dieser Sinn würde darin liegen, eine andere, poetische Welt zu erschaffen, in der wir mit einer symbolischen Figur, Theodora, ein Stück Weg zurück legen, in einem anderen Land, wo sie, Theodora, sich den Horizont auf die Hand malt, und wo sie an wesentliche menschliche Erfahrungen, wie Einsamkeit, Trauer, Besinnlichkeit, allein sein mit sich selbst, rührt. Es ist eine dichterische Welt, die in leisen Tönen einer lauten gesellschaftlichen Realität etwas entgegen setzt, und uns sagen will, dass wir auch den Zwischentönen des Lebens Gehör schenken sollen, und auch immer wieder in uns selbst hineinhören sollen.

Beitrag erschien im Lëtzebuerger Journal 17. Mai 2011

Ulrike Bail
wundklee streut aus
CONTE
2011 · 100 Seiten · 9,90 Euro
ISBN:
978-3-941657304

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