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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Ein Schleppnetz voll Möglichkeiten

Eine dichte Einführung in Ulrike Draesners Poetologie
Hamburg

Drei Dimensionen Raum, die vierte Zeit, die fünfte: der Andere. Ich präzisiere: drei Dimensionen Raum, eine die Zeit, die fünfte: Sprache.

Dies ist die Grundthese von Ulrike Draesners Poetologie, in die sie uns in ihrer am 4.3.2015 im Lyrik Kabinett München gehaltenen Rede einführt. Poesie ist für sie das gemacht Nichtgemachte, Sprache die fünfte Dimension, die uns erst in der Poesie als diese fünfte Dimension bewusst wird. Doch:

Wo und wie ist Poesie gemacht? Wie erlebe ich ihr Entstehen?

Ausgehend von einem einfachen Nashorngedicht, an dem sie erklärt, weshalb dieses für sie nur ein Einfall mit Reim, zwar in Sprache da, aber kein Gedicht, weil nicht durch Sprache hindurchgegangen sei, nimmt Draesner uns mit, lässt uns in ihren Poesiekosmos ein. Was ist Sprache?, fragt sie und antwortet: Ein Beziehungsorgan. Ein Werkzeug. Ein Stück kollektiver Körperlichkeit.

Die Rednerin erläutert, wie und wann Sprache entsteht, was uns von anderen Lebewesen durch die Möglichkeiten des Spracherwerbs und der Sprache unterscheidet. Sie geht der Bedeutung der Stimme im Entwicklungsprozess von Sprache, Lautbildung und Lautgebung nach, der Verbindung von Körper und Sprache sowie der Fähigkeit zur Empathie als Voraussetzung aller Literatur, des Zuhörens, Lesens und Schreibens.

Unsere Sprache ist physiologisch evolutionär mit unseren Händen verschaltet. Sprache ist ein Greifwerkzeug – eine Art händisches Beißen in die Welt. ...

Die Mächtigkeit von Sprache ist vielgliedrig, kombinatorisch. Körperlichkeit und Rhythmik und konventionelle Semantik. Das ererbte und das erlernte System, das darauf ruht.

Doch wie und wann entsteht aus dem Beißen der Sprache Poesie? Gedichte, so Draesner entstehen, wo Körper und Sprache auseinandertreten, wo willentliches Sprechen, die „Sprechbarkeit der Kontrolle“ endet. ... Wo Wissen – Soziokognition, Gefühlswissen, Empathie, Intuition – hinausragen über (unmittelbaren) sprachlichen Zugriff.

Mit Hilfe der Poesie erreichen wir die heimlich/unheimlichen Orte, in denen wir selbst nicht mit uns kongruent sind, unsere Körperschichten nicht exakt aufeinanderpassen. In diesen Bereich inkongruenter Körperschichten, den Bereich des Wissens an der Grenze zur Sprache, führe allein die Eigenbewegung der Sprache. Denn dichten heiße, so Draesner, sich von der Eigenbewegung der Sprache, von ihren Eigen-Möglichkeiten zu Laut gebenden Stimmen führen zu lassen – mit Hilfe der eigenen Körperlichkeit, diese Körperlichkeit also mitsprechen zu lassen, die der Sprache zurückgibt, was verstummt ist, was unterdrückt wird. Oder in einer Kurzdefinition:

Poesie ist, was geschieht, wenn wir die in den Schatten geräumte Sprachlautlichkeit aus dem Horn fließen lassen. ... Sie gelingt dort, wo es gelingt, die Bewegung der Sprache selbst zu fassen – Schritt um Schritt, auf dem Papier.

Dichten als Quellenamnesie, als Schöpfen aus dem NichtWissen und den daraus wirksam werdenden Kräfteverhältnissen. „negative capability“ hat John Keats die Fähigkeit genannt, das Nichts in Form von Nichtaufklärung, Nichtwissen und Unsicherheit auszuhalten. Gerald Manley Hopkins bezeichnete mit „instress“ oder „inscape“ jene energetischen Drehmomente, in denen die Eigenart eines Dinges sich zeige. Peter Waterhouse schrieb von einer „inbetween zone, a kind of nowhere“. Draesner zitiert auch Hans-Georg Gadamer: (Kunst bedeute) etwas so zur Darstellung zu bringen, dass es in sinnlicher Fülle gegenwärtig werde. Statt abzubilden oder abzuspiegeln, verkörpere sie.

Als fünfte Dimension, so Draesner, ist Sprache etwas, das uns überfordert. Dichtung ist eine Gattung der Überforderung.

Gedichte: Prismatische Andersformen des Gedankens.
Verpflichtet auf Sprachwege in Logik und Körper.

Dieses Schreiben ist mimetisch. Zukünftig mimetisch. Herbuchstabierend mimetisch. Vorausgreifend mimetisch.
Sprache in Erfindung gekippt.

Ulrike Daesner bezieht in Ihrem Nachdenken über Sprache und Poesie Erkenntnisse der Naturwissenschaft und Verhaltensforschung, aber auch der Literaturwissenschaft und Philosophie ein, und erfindet für das Publikum ihrer Rede gleich auch noch eine neue Textgattung, die Mitnehmdefinition als Wegzehrung, zum Nachdenken und Ausprobieren. Manche „definition to go“ ist simpel, musste trotzdem vielleicht gesagt werden, etwa: „Poesie ist einer der Kanäle, durch die etwas Neues in die Welt tritt“. Gegen Ende der Rede verlieren sich diese extra gekennzeichneten Wegzehrungen, finden trotzdem auch weiterhin in Draesners Rede Platz, z.B.: „Gedicht: Übung im Durchhören. Untergrundsprechen.“ Die Rede der Dichterin ist derart dicht, dass sie beim bloßen Zuhören überfordert. Und so ist es gut, dass Draesners Text nun in diesem schmalen Band nachgelesen werden kann: Reichlich Stoff zum (Nach)Denken und für ein vielleicht längst fälliges literarisches Gespräch. Über Dichten und Mimesis ließe sich gewiss trefflich streiten.

Ulrike Draesner · Holger Pils (Hg.) · Frieder von Ammon (Hg.)
Die fünfte Dimension
Münchner Reden zur Poesie
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach) Lektorat Frieder von Ammon Mit freundlicher Unterstützung der Eleonora-Schamberger-Stiftung
Lyrik Kabinett
2015 · 35 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-938776

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