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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte

Hamburg

Eustachius Grolmann ist ein berühmt berüchtigter Affenforscher, der Affen mehr liebt als die eigene Familie. Simone, seine Tochter, ebenfalls Biologin, hat keine Ahnung, woher ihre Angst vor Schnee rührt. Esther, ihre Tochter scheint der einzige Mensch zu sein, dem Eustachius sich öffnet. Sie ist auch die einzige, die von dem Paradies weiß, dass ihr „Opsi“ im Keller seines Hauses für seine Affen errichtet hat. Wofür er sich immens verschuldet hat. Was wiederum Anlass ist, Boris ins Spiel zu bringen, den Psychologen, der Seminare für Vertriebene in Wroclaw abhält, und später Simones Liebhaber wird. Seine Mutter wurde aus Lemberg vertrieben, Eustachius ist mit seiner Mutter und Emil, seinem behinderten Bruder 1945 aus Schlesien geflohen. Vier Generationen aus zwei Ländern kommen in Sieben Sprünge vom Rand der Welt zu Wort, um die Symptome der Flucht zu beleuchten, ihre Verschiebung über die Generationen, um ihren Ursachen, dem Ursprung der Neurosen und Ängste auf die Spur zu kommen.

Draesner selbst nennt die Entscheidung ihre sieben Protagonisten mit unterschiedlichen Stimmen zu Wort kommen zu lassen „multilogisch“.

All das, um „die stummen Kinder des Jahres 1945“ zum Sprechen zu bringen, um Licht in das Dunkel aus Flucht und Vertreibung zu bringen, dessen Schatten bis in die Gegenwart reichen.

Alter, Affe, Angst betitelt Franziska Wolfheim ihre Rezension für Spiegel online und ich muss zugeben, das ist eine sehr passende und kluge Überschrift. Denn genau darum geht es in dem Roman, darum, wie die Geschichte, seine eigene Geschichte Eustachius im Alter einholt, und wie die übernächste Generation mit der Kraft der Liebe eine Versöhnung möglich macht. Um die Vorgeschichte der Ängste und um Möglichkeiten der Heilung. Um Affen. Und um den Sündenfall des Menschen: „unser Denken in Spiegelungen. Man könnte auch sagen: Die Entstehung unserer Obsession, miteinander verbunden zu sein. Empathie, ein gehirnlicher Käfig, eine neurologische Zwangsjacke.“

Diesen Satz sagt Simone, die ihren Vater schließlich aus seinem selbst errichteten Paradies vertreiben wird. So wie seine Eltern und er selbst vertrieben worden sind, aus ihrer Heimat und aus einem Selbstverständnis. Vom Krieg, von den Erfahrungen auf der Flucht. Um anzukommen in einem Leben dessen Ränder verzogen sind, in dem es keine Sicherheiten mehr gibt und nichts vorhersehbar und eindeutig ist. Für diese Unsicherheit, Wechselhaftigkeit des Lebens findet Draesner wunderbar treffende Worte, die sie Hannes, dem Vater von Eustachius in den Mund legt:

„An einem guten Tag ertrug mein Kopf den Föhn, tröstete mich die Litfaßsäule und die Geschichte ging so: Wir hatten ein Kind gerettet, unser Leben gerettet, bekamen Rente. Wir lebten in einer Landschaft, die wir von klein auf aus Urlauben kannten, nicht in irgendeinem Exil, dessen Klima uns zersetzte. Wir hatten uns Freunde gesucht, die Stadt um uns herum war gewachsen, ihr Klatsch traf uns nicht, vor allem Mutters weitverzweigte Tschelotka, die sich eifrig das Maul zerrissen hatte über uns, waren wir los. Wir sprachen die eigene Sprache, und es gab viele, mit denen wir unsere Geschichte teilten. Ich musste nie mehr in einen Krieg, das stand fest. In solchen Nächten schlief ich ohne Erinnerung. Fast gut."

War der Föhn hart, ging die Geschichte so: Wir hatten ein Kind verloren, das Erbe verloren, alle Gräber, ein Stück unserer selbst, die Verbindung zu unserer Vergangenheit, die Verankerung in Besitz und Beständigkeit, das Vertrauen, da sein zu dürfen. Die Landschaft, in der wir lebten, taugte für Urlaub, blieb Kulisse. Die Menschen um uns sprachen die falsche Sprache, hatten die falsche Religion. Wir waren allein, jeder für sich, die Geschichte ließ sich nicht teilen. Ich musste nicht mehr in den Krieg ziehen, aber der Krieg hörte nicht auf. Wir saßen in einem Backofen, schliefen unruhig. Vor der Haustür brannte ein Feuer, das keiner außer uns sah.“

Die eigene Geschichte, das heißt die Geschichten der Eltern und Großeltern, die aus Schlesien geflohen waren, genügten Ulrike Draesner nicht für ihren Roman, sie ist zusätzlich nach Polen gereist, hat sich das ehemalige Breslau angesehen und mit Zeitzeugen geredet, um eine zweite Linie zu verfolgen, die Vertreibung innerhalb Polens, von Osten nach Westen.

Am Ende hat Ulrike Draesner mit „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ einen Roman geschrieben, in dem es um nicht weniger geht als um alles: das Paradies, als erste (und einzige) Heimat von Mensch und Tier und die fortwährende Vertreibung daraus. „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ ist ein Generationenroman mit einem wunderbar kantigen Großvater und einer anrührenden Geschichte, wie seine Enkelin das Paradies ein Stück weit zurück erobert, aber auch und in erster Linie ein Roman, der immer wieder Grenzen in Frage stellt. Da ist es unmöglich, sich kurz zu fassen, und doch hätte diesem Buch Begrenzung gut getan. Nur, wie soll man enge Grenzen ziehen, wenn doch gerade die Grenzen hinterfragt werden? Die zwischen Mensch und Tier, und die zwischen den Ländern. Zwischen dem Streben nach Erkenntnis und der Grenze des Humanen. Nicht zuletzt die zwischen außen und innen, dem, was man darstellt und dem, was einen bestimmt. Wo die Grenze verläuft zwischen Heimat als Ort des Aufgehobenseins, Zugehörigkeitsseins und der Vererbung von Heimatverlust.

So viele Geschichten wollen da ans Licht, die zu lange nicht erzählt werden konnten. Und vielleicht ist auch das ein Paradies: sich endlich aussprechen zu können.  

Ulrike Draesner
Sieben Sprünge vom Rand der Welt
Luchterhand
2014 · 560 Seiten · 21,99 Euro
ISBN:
978-3-630-87372-5

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