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Kritik

Americana

Urban Waite macht in „Wüste der Toten“ genau das, was man von einem amerikanischen Krimi erwartet: Er richtet ein Blutbad an.
Hamburg

Amerikanische Krimis zeichnen sich in der Regel durch einen gut durchdachten Plot aus, der mit einer rasanten Handlung verbunden wird, die wiederum direkt auf ihr meist fatales Ende zusteuert. Dabei scheuen die Autoren auch vor ziemlich deftigen Blutbädern nicht zurück. Ein echtes Showdown muss auch einiges hergeben, sonst zählt es nicht. Da mögen verschiedene Traditionen durchschimmern, unter anderem die des allein ausreitenden Helden, der mit der Knarre im Anschlag durch die verlassenen Straßen der kleinen Stadt schreitet, dabei drohend jeden niederzustrecken, der ihm in den Weg kommt. Aber dass Krimis in der Tradition des Western stehen, ist eh kein wirkliches Geheimnis. Wo gäbe es die auch.

Urban Waites „Wüste der Toten“ ist ein solcher typisch amerikanischer Krimi. Er spielt im heißen Südwesten der Staaten, an der Grenze zu Mexiko und, wie kann es anders sein, im Drogenmilieu. Ein Mann will aussteigen, und dafür muss er einen letzten Job machen. Aber wie das bei Killern ebenso ist, in Rente geht man eben nicht, außer mit den Stiefeln zuerst (haha).

Ray gehört zu diesen Killern. Eine Ausbildung in der Armee hat ihn zu einer Waffe auf zwei Beinen gemacht. Er verdingt sich, nach Hause zurückgekehrt, bei einem lokalen  Drogenkönig als Aufräumer. Das geht solange gut, bis seine Frau und sein Sohn zwischen die Fronten geraten und angeblich vom konkurrierenden „Kartell“ aufs Korn genommen werden. Die Frau stirbt, der Junge bleibt behindert zurück.

Ray zerbricht an dem Vorfall und zieht sich von allem zurück. Der Junge geht zur Verwandtschaft, Ray verschwindet.

Nun, zehn Jahre später, kehrt er zurück und will endlich reinen Tisch. Dafür muss er aber einen letzten Job machen, bei dem ihm der hinreichend unzuverlässige Cousin seines Auftraggebers zur Seite stehen soll.

Der Job, der eigentlich schnell, sauber und ohne Opfer hätte durchgezogen werden sollen, geht gründlich schief, die gesamte Handlung eskaliert. Es beginnt ein grandioser Showdown, an dessen Ende eben nicht nur alle relevanten Leute tot sind, sondern auch noch die Wahrheit ans Licht gekommen ist.

Diese sehr sehr lange Schlusspassage ist voller grandioser Bilder: der Wagen, mit dem Ray die Tür und Wand einer Bar rammt, der einsame und angeschossene Mann, der mit dem Schrotgeweht im Anschlag durch die Straßen läuft, die zahlreichen Leichen, die seinen Weg pflastern, die Verfolgungsjagd durch die Wüste.

Das ist alles ungemein beeindruckend zu lesen und tut dem Roman äußerst gut.

Aber der Text hat eben auch noch seine andere Seite, und die ist wohl dem Wunsch des Autors geschuldet, dass er seiner Geschichte Tiefe und Plausibilität verleiht. Mit anderen Worten, er versucht seinen Helden so etwas wie ein psychologisches Profil zu geben.

Das wiederum ist nicht von Empfindungslosigkeit und Distanz geprägt, sondern von einer fast unheimlich anmutenden Empathie. Wenn Ray der Killer irgendwann seinem Cousin sagt, er habe doch immer nur das Richtige tun wollen, fragt sich der aufmerksame Leser nun aber doch, wie das jemand sagen kann, dessen Job darin besteht, Leute umzubringen, die einem Drogenboss im Weg stehen. Leider misslungen?

Auch der gesamte Spannungsbogen des Romans, der im Wesentlichen darauf aufbaut, dass Ray vor allen Dingen unter dem, was er zu tun pflegt, immens leidet, ihm eine Menge leid tut und er dabei doch einen Haufen Leute in den Ruin oder Tod treibt, ist wenig plausibel. Ein Mensch, der so fühlt, handelt nicht so, außer seinem Schäferhund gegenüber. Und der Killer als Family-Man???? Naja.

Gelegentlich schaut es auch so aus, als ob dem Autor die Klischeebilder durchgehen, etwa wenn die Plastikhülsen seiner Patronen auf dem Straßenbelag klappern. Man wird eher annehmen, dass dieses Klappern sich recht nach trockenem Plastik anhört als nach irgendwas sonst.

Daraus ergibt sich am Ende ein Gesamtbild, das uneinheitlicher kaum sein kann: Dem straffen gekonnten Plot steht eine in den Details manchmal recht unaufmerksame Gestaltung gegenüber. Das Projekt, die Showdown-Story psychologisch zu untermauern, geht einigermaßen schief – vor allem wohl deshalb, weil das durchschnittliche Profil kaum zu einem so regen und erfolgreichen Killer passt, wie es Ray nun mal ist. Da werden Abstriche zu machen sein.

Natürlich kommt am Ende alles heraus, aber da ist der Held bereits tot. Erkenntnis darf er noch gewinnen, aber er ist nicht mehr der Rächer, als der er einmal losgezogen ist. Dennoch muss der wahre Schurke, der die gesamte verwickelte Inszenierung verantwortet hat, zur Rechenschaft gezogen werden. Aber in einem so schießwütigen Land wie den USA findet sich immer jemand, der einem einen solchen Gefallen tut.

Urban Waite
Wüste der Toten
Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezzenberger
Droemer Knaur
2014 · 9,99 Euro
ISBN:
978-3-426-50777-3

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